Piratenfischer - Beutezüge außer Kontrolle

Wie in jeder Branche gibt es auch unter Fischern Kriminelle. Piratenfischer halten sich an keinerlei Regeln, tragen zur weltweiten Überfischung bei und machen jedes Bemühen um eine nachhaltige Fischerei zunichte. Gegen das Problem helfen nur intensivere Kontrollen und härtere Strafen.
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Piraten sehen aus wie Johnny Depp und heißen Captain Sparrow, so sieht es ein Hollywood-Drehbuch vor. Die Weltmeere erzählen eine weitaus weniger amüsante Geschichte. Piratenfischer beuten die Meere aus, schaden ehrlichen Fischern und plündern bevorzugt die Gewässer ärmerer Völker, die den Fisch zum Überleben brauchen. Auf See erkennt man einen Piraten nicht an einem Totenkopf sondern am verdeckten Schiffsnamen oder einer Billigflagge.

Die offizielle Bezeichnung für Piratenfischerei lautet IUU:

Illegal: Der Fischer missachtet Grenzen und legale Vereinbarungen.
Unreguliert: Das Fangschiff fährt unter einer Flagge von Ländern, die keinem regionalen oder internationalen Fischereiabkommen beigetreten sind.
Undokumentiert: Die angelandeten Fänge werden nicht dokumentiert und können so nicht auf Fangquoten angerechnet werden.

Die Ausflaggung eines Schiffes ist einfach. Es braucht nur ein paar Faxe oder E-Mails, rund 500 US-Dollar Kapital, ein bis zwei Tage Wartezeit, schon kann man sein Fangschiff umdekorieren. Billigflaggenländer wie zum Beispiel Belize, Honduras, Malta und Panama sind keinem regionalen oder internationalen Fischereiabkommen beigetreten. So bietet sich ausländischen Fischereifirmen die Chance, diese "Schlupflöcher" auszunutzen und unbegrenzt und unkontrolliert Beute zu machen. Keiner stellt ihnen lästige Fragen, keiner schaut ihnen in die Kühlkisten. Auch in Punkto Arbeitsbedingungen für die Besatzung nehmen es die gesetzlosen Fischer meist nicht so genau. Sicherheitsstandards fehlen, die Verträge und Bezahlung sind unwürdig. Manche Piratenfischer sind inkognito unterwegs: Ihre Schiffe tragen keinen Namenszug, keine Flagge, selbst die Erkennungszeichen auf den Rettungsinseln werden überdeckt.

Ihren Fang verladen viele Piratenfischer auf Kühlschiffe, weit draußen auf dem Meer. Dort wird die illegale Ware mit legaler Ware vermischt, um Spuren zu verwischen. So landet Piratenbeute in Häfen überall auf der Welt, auf Märkten, auf unseren Tellern. Auch beim Verkauf wird getrickst, die Angabe von Briefkasten- und Scheinfirmen verschleiert die wahren Besitzverhältnisse. Experten schätzen, dass weltweit bis zu 20 Prozent aller Fänge nicht rechtmäßig sind und dass Piratenfischer jährlich bis zu siebzehn Milliarden Euro erwirtschaften.

Besonders gern wildern die Kriminellen in entlegenen Gebieten wie dem Südpolarmeer oder dem Pazifik, auf hoher See oder vor den Küsten ärmerer Länder. Diese können sich gegen den Fischraub und die Verwüstung in ihren Gewässern kaum wehren, für Kontrollen fehlen ihnen die Mittel.

Mangelnde Maßnahmen gegen Piraten

Die meisten Regierungen ergreifen kaum Maßnahmen, um die Aktivitäten der Piraten zu unterbinden. Es fehlen Kontrollen auf See und in den Häfen. Außerdem ist die Strafverfolgung viel zu lasch. In den vergangenen Jahren wurden zwar zahlreiche internationale Abkommen und Pläne zur Bekämpfung der illegalen Fischerei beschlossen, doch die Umsetzung – selbst in der EU – ist mangelhaft. Neben den Billigflaggenstaaten tragen auch die großen Fischfangnationen Verantwortung, die Regierungen in Japan, in den USA und in der EU. Bisher ist es nicht einmal gelungen, das Ausflaggen von Fangschiffen zu unterbinden. Zudem erhalten die Piratenfischer direkte Unterstützung in einigen europäischen Häfen. Im Hafen von Las Palmas auf Gran Canaria, zum Beispiel, können sich die Piraten ausrüsten und ihre Beute anliefern. Und im Rostocker Hafen wurde bis 2006 jahrelang eine russische Piratenflotte versorgt.

Hoffnung macht ein rechtlich bindendes Abkommen der Welternährungsorganisation (FAO): Das Agreement on Port State Measures to Prevent, Deter and Eliminate Illegal, Unreported and Unregulated Fishing verpflichtet Hafenstaaten zu einem Mindeststandard an Kontrolle von Fischereischiffen in ihren Häfen. Dazu zählen Schiffsinspektionen durch geschultes Personal und ein Datenaustausch zwischen Flaggenstaat und Hafenstaat über die angelandete Fangmenge. Doch das Abkommen ist derzeit nur von 23 Hafenstaaten unterzeichnet, mindestens zwei weitere müssen folgen, dann erst tritt es in Kraft.

Greenpeace auf Verbrecherjagd

Seit vielen Jahren sind Greenpeace-Aktivisten auf den Weltmeeren unterwegs, um Piratenfischer aufzuspüren, ihre Verbrechen zu dokumentieren und öffentlich zu machen. 1999 verfolgte das Greenpeace-Schiff Arctic Sunrise illegale Trawler im Südpolarmeer, die es auf den stark bedrohten Schwarzen Seehecht abgesehen hatten. Ein Jahr später war die MV Greenpeace auf Patrouillenfahrt im Ostatlantik und dokumentierte illegale Thunfisch-Raubzüge.

2001 hefteten sich die Umweltschützer an die Hecks von Piratenfischern vor der westafrikanischen Küste und protestierten gegen die Umladung des Fangs auf Kühlschiffe. 2004 war Greenpeace im Pazifik gegen Thunfischpiraten unterwegs, 2005 gingen Greenpeace-Aktivisten an Bord eines Trawlers in der Barentsee vor Norwegen, hissten an Bord eine Piratenflagge und forderten den Kapitän auf, seine illegale Jagd auf Kabeljau zu beenden.

Im selben Jahr machte Greenpeace die deutschen Behörden auf fünf russische Piratenschiffe aufmerksam, die im Ostseehafen Rostock überwinterten. Sie standen bereits auf der "Schwarzen Liste" der EU, da sie jahrelang illegal im Nordatlantik gefischt hatten. Erst ein Jahr später wurde die Flotte in einem russischen Hafen festgesetzt, später in Lettland verschrottet.

2011 kettete sich ein Greenpeace-Aktivist in Taiwan an die Ankerkette eines Kühlschiffes und forderte die taiwanesische Fischereibehörde auf, einem Verdacht nachzugehen, der sich später bestätigte: Das Schiff hatte illegale Thunfischfänge geladen.

2012 tourte Greenpeace mit der Arctic Sunrise vor Westafrika, um dort die zerstörerische Fischerei ausländischer Trawler zu dokumentieren. Dabei entdeckte die Crew auch Piratenfischer. Als sie einen 120-Meter-Trawler verfolgte, der illegal vor Gambia und dem Senegal fischte, konnte sie ihn als "Oleg Najdenow" enttarnen und informierte anschließend die Behörden.

Greenpeace hat etliche Fallstudien über Schiffe veröffentlicht, die als Piratenfischer agieren. Über Firmen und Schiffe, die in illegale Fischerei verwickelt sind, führt Greenpeace International eine Online-Datenbank: www.blacklist.org

(Autorin: Nicoline Haas)

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