
Doch inzwischen bleiben die Teller der Fischer und ihrer Familien immer häufiger leer. Internationale Fischereiflotten zumeist unter Billigflagge registriert und Schiffe ohne Namen und Flagge haben begonnen, die westafrikanischen Gewässer im industriellen Maßstab auszubeuten.
Um die Aufmerksamkeit auf diese illegale Tätigkeit zu lenken, kreuzte die MS Greenpeace im Herbst 2001 vor der afrikanischen Küste im Ostatlantik. Greenpeace stöberte Piratenfischer auf und dokumentierte ihr rechtswidriges Tun. Mit an Bord der MS Greenpeace war Ingo Bokermann. Er führte für uns ein Tagebuch der Ereignisse.
Heute Morgen um sechs Uhr haben wir im Hafen von Mindelo auf der Kapverdischen Insel Sao Vincente abgelegt. Unser Ziel ist die westafrikanische Küste. Dort wollen wir auf ein Problem aufmerksam machen, das kleine traditionell-arbeitende Fischer in Afrika schon seit langem plagt: Industrielle Fischfangschiffe rauben große Mengen Fisch in den Küstengewässern und nehmen den afrikanischen Fischern ihre Existenzgrundlage. Shrimps, Tintenfisch, Atlantische Seezunge, Meeräschen, Seebrassen oder Sardinellas - sie fischen, was sie kriegen und teuer verkaufen können. Ich bin also sehr gespannt, was uns dort alles erwartet.
Wir sind immer noch unterwegs. Außer einem Frachtschiff heute Morgen gibt es hier nur Fliegende Fische zu sehen. Davon allerdings jede Menge. Sie springen aus dem Wasser und segeln einige hundert Meter weit. Sie wissen immer, woher der Wind weht und springen gegen ihn aus dem Wasser. Sie machen das, um vor Feinden zu fliehen. Auch vor der MS Greenpeace, um dann irgendwo auf das Deck zu knallen. Die meisten landen allerdings wieder im Wasser.
Man kann Fliegende Fische sogar essen. Nur die vielen Gräten haben die Menschen bisher davon abgehalten, sie zu jagen. So kann man sich jedenfalls im Moment noch an dem Anblick eines Fisches erfreuen, der elegant in einer Schleife vorbei segelt und einem dabei seinen silbrig-glänzenden Bauch entgegenstreckt. Gestern gab es noch eine Einführung in das Thema Schiffssicherheit mit einer anschließenden Übung.
Jory, der zweite Maat, hat die Führung gemacht. Er ist ein relativ junger Kanadier, der seine Aufgaben ernst nimmt. Da auf so einem Schiff immer mal etwas passieren kann, ist es gut und wichtig, wenn jeder weiß, wie er sich in so einem Fall verhalten muss.
Heute gab es noch weniger zu sehen als gestern. Nicht einmal ein Frachtschiff. Fliegende Fische gibt es aber immer noch. Vorhin haben wir die Wassertemperatur gemessen: 28 Grad. Vermutlich ist das der Grund, warum Fische fliegen lernen. Viel hilft das allerdings nicht, denn die Lufttemperatur sinkt nicht mal nachts unter 28 Grad.
Eine Bande Pilotenwale ist uns noch entgegengekommen. Eigentlich sagt man Schule, nicht Bande. Leider waren sie etwas weit weg. Gestern haben wir noch Funkverkehr-Abhören geübt. Da sich die Piratenfischer auf See verabreden, können wir so erfahren, wo sie sind. Die Verabredungen treffen die Piraten mit Kühlfrachtern, die ihnen die Ladung abnehmen.
Vormittags konnten wir eine Delphin-Schule bewundern. Etwa 15 kleine Delphine sind eine ganze Weile mit dem Schiff mitgeschwommen und haben Luftsprünge vorgeführt. Auf Englisch heißen sie Spinner-Dolphin
. Manchmal sind die Tiere richtig hoch aus dem Wasser gesprungen. Da gab es dann immer Beifall von der Crew. Irgendwie steckt das Leistungsdenken fest im Menschen drin.
Ein paar schlaue Seevögel begleiten die Delphine immer. Diese scheuchen nämlich die ganzen Fliegenden Fische auf. Darauf stürzen sich dann die Seevögel.
Am Abend haben wir Fischer in einen kleinen Boot, einer so genannten Piroge gesehen. Diese Pirogen sind manchmal zehn Meter lang und mit acht oder zehn Männern besetzt. Wir haben das Boot etwa 30 Seemeilen von der Küste entfernt gesehen. Ich fand das unheimlich. Bei Regen und schlechter Sicht fahren sie in einem besseren Kanu, angetrieben von einem Außenbordmotor, rund 50 Kilometer raus zum Fischen. Man kann sich leicht vorstellen, dass so ein Boot auch mal auf Nimmerwiedersehen verschwindet oder, wie hin und wieder berichtet, nachts von einem Trawler überfahren wird.
Es gibt diese traditionelle Fischerei überall entlang der westafrikanischen Küste. Wegen der Überfischung durch die grossen Trawler müssen diese kleinen Fischerboote immer weiter hinaus fahren, um noch etwas Fisch zu fangen. Das wird immer gefährlicher.

Es ist jetzt Freitag Nachmittag. Wir ankern gerade vor den Bananen-Inseln. Die heißen tatsächlich so und gehören zu Sierra Leone. Sie bestehen aus drei Inseln. Eine davon heißt Dublin Island, sieht aber nicht sehr irisch aus. Die Inseln sehen eher so aus, wie man sich Robinson-Inseln vorstellt. Leicht hügelig und saftiggrüner Urwald. Sicher toben Affen zwischen den Bäumen herum.
So romantisch, wie das vom Schiff aus aussieht, ist es aber keineswegs. Vor Reisen nach Sierra Leone wird dringend abgeraten. Herumstreunende bewaffnete Banden machen die Gegend außerhalb der größeren Städte sehr gefährlich. Sierra Leone wurde übrigens von den Portugiesen so benannt und heißt übersetzt Löwenberge. Löwen gibt es da aber auch schon lange nicht mehr.
Die offizielle Landessprache ist Englisch. Die meisten Bewohner des Landes sprechen diese aber nicht. Die Hauptstadt Freetown wurde von befreiten Sklaven aus Jamaika gegründet. Richtigen Frieden gab es seit der Unabhängigkeit von England 1961 eigentlich nie.
Das Land ist Reich an Bodenschätzen, vor allem an Diamanten. Die bringen natürlich auch genug Geld für Waffen. Zur Zeit gilt allein Freetown als sicher, nachdem seit Ende 1999 UN-Truppen dort stationiert sind. So werden wir, bevor es dunkel wird, wieder auf die offene See fahren. Wer weiß, wer sich hier draußen nachts alles so herumtreibt.
Außer den kleinen Booten der Einheimischen fischen um uns herum jede Menge Trawler. Kaum einer steht auf der Liste der von Sierra Leone lizenzierten Fangschiffe. Mangels Kontrollmöglichkeiten können sie ungestört direkt vor dem Hafen der Hauptstadt ihren illegalen Aktivitäten nachgehen. So beuten sie das von Bürgerkriegen geplagte Land restlos aus.
Sonntag ist normalerweise überall frei. Auch auf der MS Greenpeace. Aber heute war der geschäftigste Tag seit Beginn der Tour. Gestern sind wir weiter in den Osten Richtung Liberia gefahren und nachts wieder zurück. Einzig ein Bootstraining hat den Tag etwas aufgelockert. Das war auch bitter nötig. Obwohl fast alle an Bord Erfahrung mit den Booten haben, ist es immer wieder notwendig, das Zusammenspiel zu trainieren. Vor allem das Zu-Wasser-Lassen und Aufnehmen eines Schlauchbootes von einem fahrenden Schiff aus ist nicht ganz einfach. Während unserer Fahrt haben wir wieder jede Menge Trawler beobachtet.
In der Nacht haben wir etwa zwischen Freetown und den Bananen-Inseln geankert. Heute Morgen um halb neun haben wir Besuch bekommen. Martin, unsere Land-Unterstützung kam zusammen mit drei Leuten aus Freetown mit einem Schlauchboot zu uns raus gefahren. Einer der drei heißt Cobus, ein Südafrikaner, der in Freetown eine Art Bewachungsunternehmen besitzt.
Das Treffen mit ihm ist sehr hilfreich, da er schon seit 1995 in Sierra Leone lebt und sowohl die Gepflogenheiten als auch die politischen Machtverhältnisse im Land bestens kennt. Cobus hatte bereits in der Vergangenheit im Auftrag des Fischereiministeriums Kontrollen in den Gewässern vor Sierra Leone...