
Heutzutage wird das Gebiet im östlichen Mittelatlantik und Mittelmeer im industriellen Maßstab von Fischereiflotten geplündert. Einige Flotten fahren um den halben Globus, um an den steigenden Thunfischpreisen teilzuhaben und die wachsenden Märkte in Europa, Asien und Nordamerika zu bedienen.
Als Folge davon sind die Bestände einiger Thunfischarten sowie Thunfisch-ähnlicher Arten, wie Marlin und Schwertfisch, erheblich geschrumpft. Je größer die Gefahr für die Thunfische und andere Fischbestände nicht nur im Atlantik wird, desto mehr Fangbeschränkungen zum Erhalt dieser wertvollen Ressource werden notwendig. Nur so kann der Zusammenbruch der Bestände aufgehalten werden. Einige skrupellose Fischereifirmen aber wollen die Ausbeutung uneingeschränkt weiter betreiben und haben das Schlupfloch der sogenannten Billigflagge entdeckt.
Um dem globalen Problem der Überfischung beizukommen, wollen immer mehr Staaten ihre industriellen Fischereiflotten reduzieren. So hat zum Beispiel auch die Europäische Union ein sogenanntes Flottenreduktionsprogramm beschlossen. Leider wird dieses Programm nicht mit der notwendigen Konsequenz durchgeführt (z. B. bleiben Holland und Spanien deutlich hinter den Vorgaben). Trotzdem führt es dazu, dass immer mehr Betreiber aus den großen Fangnationen USA, Japan und der EU ihre Fangschiffe ausflaggen und unter einer sogenannten Billigflagge registrieren lassen.
Greenpeace hat den Begriff Piratenfischer für dieses Phänomen geprägt. Piraten agieren weltweit: vom Südpolarmeer um die Antarktis bis ins warme Mittelmeer, vom Nordatlantik bis in die Südsee. Sie halten sich nicht an Gesetze. Sie fahren von Fischgrund zu Fischgrund und scheren sich nicht um die Folgen.

Es ist ihnen völlig egal, ob ihre Fischerei langfristig die Fischbestände ruiniert und auch anderen Meerestieren wie Robben oder Seevögeln die Nahrungsgrundlage entzieht. Sie benutzen ein weltweites Netz aus Briefkasten- und Scheinfirmen, um die wahren Besitzverhältnisse zu verschleiern. Ihre Schiffe haben oft keinerlei Namen und sogar die Erkennungszeichen auf den Rettungsinseln werden überdeckt. Dabei sitzen die eigentlichen Eigentümer nicht selten in den Ländern der EU, in USA oder in Japan.
Piratenfischer sind Fischer, die mit industriellen Fangschiffen (über 24 Metern Länge und 100 Bruttoregistertonnen/ BRT) unter einer sogenannten Billigflagge (engl.: Flag of Convenience, FOC) fahren, deren Land den zuständigen Fischereiabkommen nicht beitritt und somit keine Fangquoten zugeteilt bekommen hat. Außerdem kontrollieren Billigflaggenstaaten die Aktivitäten ihrer Schiffe nicht.
Greenpeace schätzt, dass derzeit etwa 1.200 industrielle Fischereifahrzeuge (von insgesamt ca. 34.000) existieren, die unter einer Billigflagge auf illegaler Jagd unterwegs sind. Typische Billigflaggenländer sind beispielsweise Belize und Honduras in Mittelamerika sowie Zypern im Mittelmeer.
Die so genannten Billigflaggenstaaten verkaufen ihre Flagge an Schiffsbetreiber auf der ganzen Welt. Sie fragen den Besitzer nicht, was er mit dem Schiff macht, wohin das Schiff fährt oder in welcher Region es operiert. Sie sind in den meisten Fällen auch keine Mitglieder in den regionalen Fischereiabkommen. Trotzdem verteilen sie großzügig Lizenzen für den Fischfang.
Sie bieten damit jeder Fischereifirma die Möglichkeit, die internationalen Regeln und Gesetze ihrer Heimatländer zu umgehen. Immer mehr Fischereifirmen in Europa, Japan und den USA entscheiden sich für den illegalen Weg. Die größten Anbieter von Billigflaggen für die Fischerei sind Honduras, Panama, Belize und St. Vincent und Grenadinen. Zusammen machen sie etwa 80 Prozent der unter Billigflagge fahrenden industriellen Fischereifahrzeuge aus.
Das regionale Fischereiabkommen für die Jagd nach Thunfischen und ähnlichen Fischen im Atlantik und im Mittelmeer ist ICCAT (International Commission for Conservation of Atlantic Tuna). Teil dieses Übereinkommens ist die wissenschaftliche Arbeit, mit der die Auswirkungen der Fischerei und der Zustand der einzelnen Thunfischbestände untersucht wird. Auf dieser Grundlage treten die Delegierten der Mitgliedsländer einmal im Jahr zusammen und beraten über den Gesamtfang und die einzelnen Fangquoten, die den Mitgliedern zugesprochen werden. Piratenflaggenstaaten, wie Belize oder Honduras, sind kein Mitglied verteilen aber trotzdem Fanglizenzen.
Oft fischen Piratenfischer auch in den Wirtschaftsgewässern (200-Meilen-Zone) anderer Staaten, die keine geeigneten Möglichkeiten zur Kontrolle ihrer Gewässer haben, wie zum Beispiel viele afrikanische Küstenstaaten.
Die Verantwortung über die Piratenfischer haben aber nicht nur die Billigflaggenstaaten, sondern auch die Regierungen der großen Fischfangnationen Japan, USA und die EU. Sie haben es bisher nicht geschafft, geeignete Restriktionen gegen die Benutzung von Billigflaggen ihrer Firmen zu erlassen.
Außerdem stellen sie für die Ausrüstung der Piratenfischer und dem Anliefern deren gewilderter Beute ihre Häfen zur Verfügung. Nicht zuletzt werden die gewilderten Fische in Japan, den USA und in Europa verkauft. Die EU bezahlt ihren Firmen sogar eine Prämie in Form von Subventionen, wenn sie ihre Fischereischiff ausflaggen, weil sie dann in der Flottenstatistik der EU nicht mehr gezählt werden.
Die hohen Preise, die für hochqualitatives Thunfischfleisch besonders in Japan erzielt werden, machen die Piratenfischerei lukrativ. Außerdem sparen die Piraten die hohen Gebühren für Fanglizenzen, da die Lizenz-Geberländer an den Fischereiverhandlungen und den wissenschaftlichen Programmen zum Bestandsmanagement nicht teilnehmen.

Die größte Bedeutung im weltweiten Thunfischmarkt hat die Thunfisch-Dosenindustrie und der Sashimi-Handel. Sashimi ist das hochwertige Fleisch, das in der Regel roh, zum Beispiel als Sushi, gegessen wird. Besonders diese Delikatessen erfahren derzeit einen weltweiten Boom.
Auch in Deutschland werden die Reis-Häppchen mit teurem Thunfisch immer beliebter. Die deutsche Fischindustrie geht von einer großen Wachstumserwartung besonders in diesem Bereich aus. Die Großhändlerpreise liegen mittlerweile schon bei 200 Dollar für ein Kilogramm hochwertiges Thunfischfleisch. Damit kann der Fischer für einen etwa 100 Kilogramm schweren Fisch 20.000 Dollar erzielen. Das ist ähnlich teuer wie Kaviar.
Die Fänge von Großaugen-Thunfisch sind besonders seit 1991 stark angestiegen und haben dazu geführt, dass die Bestände schnell geschrumpft sind. Die Bestände im Atlantik sind überfischt und könnten zusammenbrechen, wenn die Fänge nicht reduziert werden. Wissenschaftler empfehlen eine schnelle und drastische Einschränkung der Fischerei.
Der Bestand des Roten Thunfisches im Ostatlantik ist in noch schlechterem Zustand. Der steigende Druck auf die Population durch die wachsende Fischerei seit 1990 hat vor allem die laichenden Weibchen dezimiert. Der aktuelle Rest-Bestand liegt zur Zeit vermutlich bei weniger als fünf Prozent des Bestandes von 1970. Da über die Fischerei selbst grundsätzliche Daten fehlen, ist ein vernünftiges Management dieser Fischerei unmöglich.
Im Jahre 1999 haben die Regierungen Japans und der USA eine Liste mit 345 identifizierten Piratenschiffen veröffentlicht, die im Atlantik und im Mittelmeer Thunfisch gejagt haben.
Insgesamt wurden 17 Billigflaggenstaaten aufgezählt. Die meisten Schiffe fuhren unter den Flaggen von Honduras (103), Belize (83), Äquatorial Guinea (51) und St. Vincent & Grenadinen (50). Die meisten Besitzer und Betreiber waren taiwanesische Unternehmen. Dieser Liste zufolge ist die Zahl der Piratenfischer etwa genauso hoch wie die Zahl der legalen Thunfischfänger, die Jagd auf hochwertige (d. h. größere) Tiere machen.

Es werden drei verschieden Methoden in der Fischerei nach Thunfischen und Thunfisch-ähnlichen Fischen angewendet: Angeln, Ringwaden-Netze und Langleinen. Angeln und Ringwaden werden in der Nähe der Oberfläche angewendet, während Langleinen in größeren Tiefen eingesetzt werden. Die mit Angel oder Ringwade gefangenen Thunfische werden vor allem zu Konserven verarbeitet. Die hochwertigen Thunfische, wie der Rote Thunfisch und der Großaugen-Thunfisch, kommen in tieferen Gewässern vor und werden mit Langleinen gefangen.
Piratenfischer im östlichen Mittelatlantik und im Mittelmeer setzen Langleinen ein. Die meisten Piraten-Langleiner sind 55 bis 65 Meter lang. Sie jagen vor allem Roten Thunfisch und den Großaugen-Thunfisch, aber auch andere Thunfischarten. Außerdem werden mit den Langleinen auch jede Menge andere Meereslebewesen mit gefangen. Zum Beispiel Haie, Meeresschildkröten und sogar Seevögel.
Eine einzige Langleine kann rund 100 Kilometer lang und mit über 2.000 Haken bestückt sein. Solche Langleinen sind eine extrem zerstörerische Fischereimethode.
Hunderte Schiffe, die täglich mehrere tausend Kilometer Fangleinen mit mehreren Millionen Haken im Atlantik und im Mittelmeer auslegen, können riesige Schäden in den Beständen verschiedener Meereslebewesen verursachen. Die bisher wenigen Untersuchungen von Beifangopfern in der legalen Langleinenfischerei haben gezeigt, dass vor allem Haie an den Langleinen sterben.
Die UN-Welternährungsorganisation FAO hat errechnet, dass allein im Jahr 1990 im genannten Gebiet über 2,3 Millionen Haie mit Langleinen gefangen wurden. Greenpeace vermutet, dass die Zahl der tatsächlichen Beifänge mehr als doppelt so hoch ist. Häufig ist die Zahl der "mitgefangenen" Haie deutlich höher, als die der gejagten Thunfische.
Den größten Anteil unter den Haiopfern hat der Blauhai. Ihm werden oft lebend die Flossen abgeschnitten. Dann wird er zurück ins Meer geworfen, so dass er jämmerlich stirbt. Sowohl über Bestandszahlen als auch über Beifangraten gibt es sowenig Daten, dass sich keine Aussage über den Zustand der Blauhai-Bestände treffen lässt.
Meeresschildkröten können sich ebenfalls an den Haken der Langleinen verfangen. Einige wichtige Brutgebiete befinden sich an den Atlantikküsten. Meist werden die Meeresschildkröten wieder freigelassen, wenn die Leinen eingeholt werden. Oft sind die Tiere aber verletzt oder bereits tot. Wissenschaftler befürchten, dass die Langleinenfischerei mindestens für die Lederschildkröte eine existentielle Bedrohung darstellt.
Die Welternährungsorganisation FAO sieht ebenfalls das Problem der Piratenfischerei und will daher im Oktober 2000 Lösungen vorschlagen, die dann 2001 in einem globalen Aktionsplan umgesetzt werden sollen. Dieser wird neben der illegalen Fischerei die unregulierte Fischerei und Fänge, über die nicht an die Fischereiabkommen berichtet wird, miteinbeziehen.
Aber auch die Europäische Union muss unbedingt aktiv werden. Die EU ist eine der größten Fangmächte weltweit aber auch im östlichen Mittelatlantik und Mittelmeer. Mit einem Anteil von mehr als einem Drittel ist die EU der größte Fänger von Thunfisch und vergleichbaren Fischen in dieser Region. Gleichzeitig dient der spanische Hafen von Las Palmas auf Gran Canaria dem Umschlag und der Ausrüstung von Piratenfischern.
Aktuelle Beispiele zeigen, wie schwer eine effektive Kontrolle auf dem Meer ist. Wenn es ausnahmsweise einer Fischereipatrouille gelingt, einen Piratenfischer zu erwischen, ist es meist nicht möglich, ihn auch dingfest zu machen. In der Regel wird die Langleine einfach gekappt und die Piraten behaupten anschließend, sie wollten das betreffende Gebiet nur durchfahren.
Für fehlende Schiffsnamen und Kennzeichen wird das "schlechte Wetter" verantwortlich gemacht. Mit solch fadenscheinigen Begründungen gelingt es den Piraten meist, sich aus der Verantwortung zu ziehen.
Stand: 4/2000