
Der Anbau von Soja in Argentinien hat in den letzten Jahren massiv zugenommen. Waren vor fünfzehn Jahren weniger als sieben Millionen Hektar mit Soja bepflanzt, sind es heute knapp 19 Millionen Hektar - das sind 60 Prozent der 31 Millionen Hektar, die im Land insgesamt landwirtschaftlich genutzt werden. Der Ertrag legte von 11 Millionen Tonnen in der Saison 1996/97 auf 48,9 Millionen Tonnen in 2010/11 zu. Sojaprodukte sind seit Jahren der wichtigste Devisenbringer Argentiniens - weit vor Tourismus und Rindfleisch.
Denn ein großer Anteil der Soja wird exportiert - nur noch selten als Bohne zur Weiterverarbeitung im Ausland, häufiger bereits zerquetscht und zu Sojaöl bzw. Sojapellets verarbeitet. Letztere landen als Tierfutter in den Trögen von Schweinen, Rindern und Geflügel, überwiegend in der EU. Seit 2007 wird das Sojaöl auch in großem Umfang weiterverarbeitet zu Agrodiesel, um die Biosprit-Märkte wiederum vor allem der EU zu bedienen. Dazu hat Argentinien nun sogar begonnen, Soja aus dem Nachbarland Paraguay zu importieren, das über keine eigenen Verarbeitungsbetriebe verfügt. Neben den Sojamühlen, die Öl und Pellets herstellen, haben auch die Fabrikanten von Agrarmaschinen vom großtechnischen Anbau profitiert, denn der macht Investitionen in Maschinen nötig, die inzwischen in hoher Qualität auch im Inland gefertigt werden.

Der Finanzsektor profitiert wiederum auf seine Weise von der Soja: durch die Einrichtung von Saatpools. Das sind Investmentfonds, die den inflationsgeplagten Argentiniern hohe Renditen versprechen. Sie pachten riesige Flächen für den Sojaanbau, kümmern sich um Saat, Hege, Ernte und Vermarktung. Ab ein paar Tausend Pesos kann so fast jeder am Sojaboom teilhaben. Die eigentlichen Landbesitzer leben zunehmend von der Pacht und werden risikolos immer reicher. Die Durchschnittsgröße der Betriebe liegt bei über 600 Hektar und damit weit über den knapp 50 Hektar in Deutschland.
Die Ausbreitung des Sojaanbaus auf über die Hälfte der landwirtschaftlich genutzten Fläche ruft jedoch erhebliche Probleme hervor. In der Provinz Córdoba im Zentrum des Landes wächst zu 80 Prozent Soja auf den Feldern, eine riesige Monokultur, die entsprechend anfällig für Schädlinge ist. Da trifft es sich, dass nahezu die gesamte Soja in Argentinien genmanipuliert ist und immun gegen das Pestizid Glyphosat des US-Konzerns Monsanto. Entsprechend großzügig wird Glyphosat über die Anbaugebiete ausgebracht. In zunehmendem Maße reicht das aber nicht mehr, weil der großflächige Einsatz immer desselben Pestizids zu resistenten Gräsern und Wildkräutern geführt hat, denen anders als mit einem gefährlichen Pestizidcocktail nicht mehr beizukommen ist.

Ein großer Teil des jährlich hinzukommenden Landes für den Sojaanbau wurde überdies in den ersten Jahren direkt der Natur abgerungen. Tausende Hektar unberührte Buschwälder und die dort lebenden Ureinwohner wurden Opfer des Expansionsdrangs. Die Angehörigen der 17 indigenen Völker Argentiniens sind davon besonders betroffen, weil sie in der Mehrzahl keine rechtsgültigen Landtitel vorweisen können. Nicht selten werden sie daher als Eindringlinge auf ihrem eigenen Land behandelt und vertrieben, wenn das Gebiet sich für die Ausdehnung der Anbaufläche eignet. Greenpeace setzte Ende 2007 ein Moratorium gegen die weitere Ausbreitung der Soja auf Kosten der Wälder durch, das ausgearbeitete und mit der lokalen Bevölkerung abgestimmte Nutzungspläne vorsieht.

Es gab in Argentinien nie eine Landreform, die Großgrundbesitzern einen Teil ihres Besitzes weggenommen hätte, um es an die Ureinwohner zurückzugeben oder an Landlose zu verteilen. Entsprechend riesig sind bisweilen die Farmen mit weit mehr als 20.000 Hektar, vereinzelt gar über 40.000. Und der Trend zu immer größeren Flächen Farmland in den Händen Weniger ist ungebrochen. Die großen Saatpools benötigen darüber hinaus nur wenig Arbeitskraft, das meiste wird maschinell erledigt. Landarbeiter haben in diesem System zunehmend weniger Platz und versuchen stattdessen ihr Glück in den Städten, wo die Slums - Villa Miseria genannt - immer mehr von ihnen aufnehmen müssen.
Heutzutage geht die Ausbreitung der Pflanze vor allem auf Kosten anderer wichtiger Feldfrüchte wie Mais, Sonnenblumen oder Weizen weiter. Alarmieren müsste Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner auch die Umwandlung von Rinderweiden in Sojafelder. Trockenheit und die im Vergleich zum Sojaanbau immer weniger attraktive Zucht von Rindern haben zu einem Verlust von rund 10 Millionen Rindern allein zwischen 2007 und 2010 geführt, ein Minus von mehr als einem Sechstel des Bestandes. Den steigenden Fleischpreisen, die im Land für Unmut sorgen, versucht die Regierung seither mit Subventionen und Exportbeschränkungen entgegenzuwirken.

Die Stimmen, die vor einer weiteren Ausdehnung des Sojaanbaus auf Kosten anderer landwirtschaftlicher Sektoren warnen, werden lauter. Von wissenschaftlicher Seite gibt es Studien, die den exzessiven Einsatz von Pestiziden mit einer erhöhten Zahl von Missgeburten und schweren Krebsfällen, Atemwegs- und Hauterkrankungen in ländlichen Regionen in Verbindung bringen. In einem Musterprozess verklagten Bewohner der Gemeinde Ituzaingó in Córdoba seit April 2012 zwei Farmer und den Piloten eines Sprühflugzeugs wegen des jahrelangen Einsatzes von Glyphosat in unmittelbarer Nachbarschaft des Wohngebiets. Im August 2012 wurden im Urteil erstmals die Gefahren des Agrarmodells gerichtsseitig anerkannt, einer der Farmer und der Pilot wurden wegen des Pestizideinsatzes am Rand von Wohngebieten zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Die Kläger hoffen, auf diese Weise den Einsatz von Glyphosat zu einem unkalkulierbaren Risiko für die Farmer zu machen. Die Beklagten allerdings haben schon Berufung angekündigt, es ist daher anzunehmen, dass sich eine endgültige Entscheidung noch Jahre hinziehen wird.
Es ist darüber hinaus unwahrscheinlich, dass sich andere Farmer vom Sojaanbau abschrecken lassen. Zu verlockend sind die Preise, die international für Soja, Sojapellets und Sojaöl gezahlt werden. Immer neue Höchststände erklimmen die Kontraktpreise für die Hülsenfruchtprodukte an den Terminbörsen. Im argentinischen Krisenjahr 2002 lag der Preis einer Tonne Soja bei rund 160 Dollar. Mitte 2012 wurde mit etwa 650 Dollar knapp viermal so viel geboten, Tendenz weiter steigend. Die Sojafizierung Argentiniens dauert an.
(aktualisiert: August 2012, Autor: Helge Holler)