EU-Agrarminister schaffen Milchquote ab

Milchmädchenrechnung

Rund 30 Jahre nach ihrer Einführung ist die Milchquote passé. Ab 1. April darf gemolken werden, was die Kuh hergibt. Doch zu welchem Preis?

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1984 brachte der Überschuss an Milch und Butter das Fass zum Überlaufen. Die damalige Europäische Gemeinschaft beschloss, mittels einer Quotenregelung die Milchproduktion zu beschränken und den Preis für Milcherzeugnisse stabil zu halten. Jedes EU-Mitgliedsland erhielt eine feste Produktionsquote, in Deutschland gekoppelt an den Milchbetrieb.

Zum 1. April 2015 ist nun Schluss mit der Deckelung – die Quote entfällt. Das freut die Molkereien, die ihr Exportgeschäft ausbauen möchten, aber auch die Großbetriebe, die ihre Produktionsanlagen längst aufgerüstet haben. Martin Hofstetter, langjähriger Greenpeace-Experte für Landwirtschaft, kann die Entscheidung der EU-Agrarminister nicht nachvollziehen: „Für Umwelt und Verbraucher bedeutet das Ende der Milchquote nichts Gutes: Kranke Milchkühe, bankrotte Kleinbauern und mehr Schadstoff- und Klimabelastung sind die Folgen dieser verfehlten Politik. Verbraucher erhalten in Zukunft ein billigeres, aber schlechteres Milchprodukt“, so der studierte Landwirt. 

Die Folgen für Umwelt und Verbraucher

Das Ende kleinbäuerlicher Milchbetriebe

Nach Geflügel und Schweinen steht nun der Ausverkauf der bäuerlichen Milchviehhaltung an. Wir werden einen massiven Strukturwandel erleben. Selbst in Süddeutschland werden jetzt Massentierhaltungsställe mit mehr als tausend Kuhplätzen gebaut. Dadurch werden viele kleine und mittlere Bauernhöfe auf der Strecke bleiben.

Kranke Milchkühe

Ohne begrenzte Quote wird die Milchindustrie vermehrt Kraftfutter und Antibiotika einsetzen, um die Produktion zu steigern. Viele Milchkühe sind bereits jetzt durch die gewaltigen Milchmengen völlig ausgebrannt und krank.

Seit 2013 ist in Deutschland ein Antibiotikum in der Milchviehhaltung mit dem Wirkstoff Monensin zugelassen. Das wurde früher als Leistungsförderer in der Bullenmast eingesetzt, ist dort aber seit 2006 auch europaweit verboten. Mit Hilfe dieses Antibiotikums kann die Milchleistung um fünf bis neun Prozent gesteigert werden. Statt solcher Exzesse sollten Kühe mit Weidefutter artgerecht und gesund gehalten werden – auch wenn das eine niedrigere Milchleistung bedeutet.

Sinkende Milchqualität

Verbraucher setzen zunehmend auf regionale, hochwertige Produkte – nicht auf Massenware. Doch die Qualität der Milch wird sich verschlechtern, wenn die Milchindustrie mehr Kraftfutter einsetzt, um schneller und mehr zu produzieren. Die Menge an wertvollen Fettsäuren in der Milch ist abhängig von der Fütterung. Wenig Weidefutter und viel Kraftfutter führen zu einem niedrigeren Anteil an gesunden Omega-3-Fettsäuren.

Mehr Gentechnik

Bei der Fütterung von Hochleistungstieren wird oft Soja eingesetzt. Es ist zu befürchten, dass Milchviehbetriebe, die für den Export produzieren, aus Kostengründen vermehrt gentechnisch veränderte Soja zufüttern werden.

Höhere Umweltbelastung

Mit Wegfall der Quotenbindung an den Milchviehbetrieb wird die Produktion zukünftig dorthin wandern, wo es am billigsten ist:  Weg von teureren Lagen wie dem Mittelgebirge hin zu den hochproduktiven kostengünstigen Standorten an der Küste von Niedersachsen und Schleswig-Holstein sowie im Allgäu. Diese Regionen werden wie bereits durch die Schweine- und Geflügelproduktion massiv mit Ammoniak, Nitrat, klimaschädlichem Methan und Lachgas belastet werden.

Das Ende der Milchquote kommt  - und mit ihr massive Folgen für Tier und Umwelt. Doch ein aktuelles Gutachten im Auftrag der Bundesregierung lässt kaum ein gutes Haar an diesem Trend. Der wissenschaftliche Beirat des Agrarministeriums fordert darin eine radikale Kehrtwende in der Nutztierhaltung: Mehr Auslauf, mehr Platz, mehr Tierschutz. Das dürfte im Sinne vieler deutscher Verbraucher sein: Umfragen bestätigen, dass Weidehaltung und gentechnikfreie Fütterung zwei der wichtigsten Kriterien für den Milcheinkauf sind. 

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