Archiv: Artikel kann veraltete Informationen enthalten

Gen-Pflanzen 2012: Kein Erfolg der Agro-Gentechnik

Alle Jahre wieder: der gentechnikfreundliche Interessenverband ISAAA (International Service for the Acquisition of Agri-biotech Applications) hat seinen Jahresbericht zur Entwicklung der Agro-Gentechnik in 2012 vorgelegt. Die Organisation veröffentlichte die Statistiken zum Anbau von Gen-Pflanzen und feierte die Ausdehnung der Anbauflächen um sechs Prozent auf weltweit gut 170 Millionen Hektar im vergangenen Jahr.

  • /

Ebenso hat die ISAAA den vermeintlichen Siegeszug in Entwicklungsländern hervorgehoben. Allerdings gelingt dies nur indem u.a. Brasilien und Argentinien der Entwicklungsland-Status zugesprochen wird. In den ISAAA-Anbauzahlen hängen hierdurch die Entwicklungsländer erstmals die Industrienationen ab. Nicht nur an diesem Punkt beweist der Interessenverband erneut ein durchaus eigenwilliges Realitätsverständnis.

Auch mit dem Vergleich der aktuellen Anbauzahlen mit denen von 1996 zeigt der Lobbyverband einen originellen Umgang mit Statistik. Zwar weisen diese einen Anstieg der Flächen auf das 100fache aus, allerdings fand der kommerzielle Anbau von Gen-Pflanzen 1996 auch das erste Mal überhaupt statt.

Vernachlässigt wird zudem erneut die Tatsache, dass etwa 80 Prozent der Gen-Pflanzen in nur vier Ländern Amerikas angebaut werden. Und selbst in den USA, Brasilien, Argentinien und Kanada dominiert nach wie vor die gentechnikfreie Landwirtschaft. Dennoch hat die Agro-Gentechnik in dieser verhältnismäßig kurzen Zeit des großflächigen Experimentes längst unter Beweis gestellt, keine nachhaltigen Lösungen liefern zu können: Schadinsekten entwickeln Resistenzen gegen pestizidproduzierende Gen-Pflanzen, Unkräuter werden unempfindlich gegen die beim Anbau von herbizidresistenten Pflanzen massenhaft eingesetzten Unkrautvernichtungsmittel.

In der Folge ist der Einsatz von Pestiziden nicht wie erhofft gesunken, sondern steigt mittelfristig an. Auch die zunehmende Kombination von Herbizid- und Insektenresistenzen in einzelnen Gen-Pflanzen wertet ISAAA als Erfolg. Dabei beweist diese vermeintliche Lösung der um sich greifenden Resistenzproblematik ausschließlich das Versagen der zur Zeit angebauten Gen-Pflanzen.

Pflanzen mit wirklich neuen Eigenschaften hat es auch 2012 nicht gegeben, seit Jahren bleibt es bei leeren Versprechen. Dennoch spricht die ISAAA in ihrer Presseerklärung von substantiellen und nachhaltigen Vorteilen für Sozioökonomie und Umwelt. Eine Sichtweise die beim Blick auf die Realitäten in den Hauptanbauländern von Gen-Pflanzen schon fast zynisch erscheint.

Gen-Anbau in Europa

Europa steht der Agro-Gentechnik überwiegend ablehnend gegenüber. Entsprechend knapp fällt der Blick in die alte Welt im ISAAA-Report aus. Auf nur 0,12 Prozent der europäischen Anbaufläche wuchsen 2012 gentechnisch veränderte Pflanzen. Nur in Spanien und Portugal wuchs die mit Gen-Mais bestellte Fläche leicht an, in allen anderen Ländern fiel sie. Oder aber der Anbau blieb ganz aus.

So bleiben auf der von der ISAAA veröffentlichten Anbaukarte für Deutschland und Schweden weiße Flecken. Obwohl 2011 in beiden Ländern noch die Gen-Kartoffel Amflora kultiviert worden war. Mangels Interesse von Seiten der verarbeitenden Stärkeindustrie beendete der Mutterkonzern BASF aber nicht nur das Projekt Amflora, sondern stampfte seine Gentechnik-Aktivitäten in und für Europa unlängst komplett ein.

Für die Neuauflage des ISAAA-Reports im kommenden Jahr wird sich das Bild für Europa weiter aufklären. Neue Anbauzulassungen sind vorerst nicht zu erwarten oder werden für den Anbau 2013 zu spät kommen. Zudem hat unlängst Polen Anbauverbote für beide in der EU erlaubten Gen-Pflanzen erlassen - damit wird in der Länderübersicht ein weiteres Kapitel fehlen.

Und allen Expansionsbestrebungen der Gentechnik-Lobby zum Trotz steht Europa nicht alleine da. In Asien und Afrika findet nach wie vor kaum Anbau von Gen-Pflanzen statt. Die Versuche Gen-Reis in China und Gen-Auberginen in Indien auf die Äcker zu bringen, sind gescheitert. Eine nennenswerte Rolle spielt nur der Anbau von genmanipulierter Baumwolle - und die ist hoch umstritten.

So sah sich die ISAAA dann auch gezwungen den erstmaligen Anbau von Gen-Baumwolle im Sudan ebenso hervorzuheben wie den von Gen-Mais in Kuba. Dem sozialistischen Land aber zu einer ökologischen und nachhaltigen Initiative auf dem Weg zu Unabhängigkeit von Pestiziden zu gratulieren, reiht sich ein in die verzerrte Sichtweise der ISAAA-Propagandaarbeit.

Ein Kapitel fehlt: Deutschland ist nicht mehr im Report vertreten

Neben der Ablehnung der Verbraucher begründen weitere Faktoren den ausbleibenden Boom der grünen Gentechnik. Vorteile für den Konsumenten gibt es bis heute nicht. Die Erträge konnten nicht gesteigert werden und die eingeführten Eigenschaften beschränken sich im Wesentlichen auf Herbizidtoleranz und Insektenresistenz.

Die zunehmende Zahl resistent werdender Wildkräuter macht schon heute den Einsatz immer stärkerer Pestizide und gefährlicher Kombipräparate erforderlich. Neue Untersuchungen deuten dabei auf bisher unterschätzte toxische Wirkungen für Mensch und Umwelt hin. Schadinsekten überwinden die in Gen-Pflanzen eingebauten Toleranzen bzw. werden durch andere Arten ersetzt. Die vermeintliche Lösung der Gentechnik-Industrie: Kombination von diversen Herbizidtoleranzen und Insektenresistenzen in einer Pflanze.

Weiterführende Publikationen zum Thema

Maissaatgut 2016

Verunreinigungen von Mais-Saatgut mit gentechnisch veränderten Organismen im Jahr 2016.

Mehr zum Thema

Bleib sauber

Raps-Saatgut ist frei von Gentechnik. Die anstehende Fusion von Bayer und Monsanto sowie eine neue Generation an Pflanzen bedrängen jedoch die gentechnikfreie Landwirtschaft.

Die Spitze des Eisbergs

Am europäischen Vorsorgeprinzip werde nicht gerüttelt, heißt es nach #ttipleaks unter anderem aus Brüssel. Das Beispiel der Agro-Gentechnik zeigt, dass Zweifel berechtigt sind.

Böse Saat

Die Gentechnik-Industrie konnte in Europa nie Fuß fassen. Klonfleisch und Gen-Zuckerrüben gibt es hier nicht. Eine Studie zeigt nun, dass sich das mit TTIP und CETA ändern könnte.