Stephanie Töwe, Greenpeace-Expertin für Landwirtschaft, über die „Wir haben es satt“-Demo

„Ein starkes Zeichen“

Nächsten Samstag werden Tausende für gute Lebensmittel und eine ebensolche  Landwirtschaft auf die Straße gehen. Stephanie Töwe von Greenpeace erzählt, warum die Demo wichtig ist.

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Massentierhaltung, Überdüngung, Pestizide im Obst, Gentechnik im Tierfutter, Antibiotikarückstände im Grundwasser, Rückgang der Artenvielfalt durch großflächige Mais- und Rapsmonokulturen: Gründe für die „Wir haben es satt!“-Demo in Berlin gibt es genug – und deshalb werden am 16. Januar Tausende Menschen gegen die industrielle Landwirtschaft protestieren. Denn der jährlich vor der internationalen Landwirtschaftsmesse „Grüne Woche“ stattfindende Protestmarsch wächst. Stephanie Töwe, Landwirtschaftsexpertin bei Greenpeace, berichtet über die Bewegung und was sie erreicht hat.

Greenpeace: Die Demonstration findet zum sechsten Mal statt – was hat sich seit der Premiere getan?

Stephanie Töwe: Die Teilnehmerzahl hat sich seit der ersten Demo 2011 verdoppelt. Im vergangenen Jahr haben 50.000 Landwirte, Verbraucher, Tier- und Umweltschützer in Berlin deutlich gemacht, dass es vielen Menschen nicht schmeckt, wie Agrarpolitik derzeit betrieben wird. Das ist ein starkes Zeichen, das nicht unbemerkt bleibt.

Die Kritik ist also beim Lebensmittelhandel, den Landwirten und der Politik angekommen? Was hat sich geändert?

So einiges. Vor zehn Jahren hat Greenpeace noch immens hohe Rückstände von Pestiziden auf Obst und Gemüse nachgewiesen. Inzwischen haben die großen Supermarktketten eigene Kontrollsysteme entwickelt – dadurch ist die Ware weniger belastet.

Auch Gentechnik auf dem Acker spielt heute in Deutschland keine große Rolle mehr - ohne den Protest der Verbraucher undenkbar. Gen-Soja war bis vor ein paar Jahren ein vom Handel akzeptiertes Futtermittel, um billig Fleisch, Milch und Eier zu produzieren. Heute stellt sich der Einzelhandel geschlossen hin und fordert gentechnikfreie Futtermittel, am besten aus europäischer Produktion.

In der Tierhaltung gibt es Initiativen, die auch der Lebensmittelhandel finanziell unterstützt, um die Haltung zu verbessern. Das reicht natürlich bei weitem nicht aus, zeigt aber, dass sich hier was bewegt. Allerdings haben wir in der deutschen Agrarpolitik derzeit einen völligen Ausfall: Vom Ministerium kommen weder Initiativen noch sinnvolle Maßnahmen oder dringend notwendige Gesetze, um die Landwirtschaft nachhaltiger zu gestalten. Und die Spitze des Bauernverbandes igelt sich ein, statt zukunftsweisende Konzepte mit zu entwickeln.  

Dieses Mal wirst du gegen Billigfleisch protestieren – mit einer vier Meter hohen Hühnerkralle, die der Agrarpolitik den Stinkefinger zeigt. Warum jetzt Billigfleisch?

Es ist doch irre, einerseits sinkt bei uns der Fleischkonsum aus vielen nachvollziehbaren Gründen. Auf der anderen Seite wird aber hierzulande immer mehr Fleisch produziert, werden immer mehr Tiere gehalten. Die Menge an geschlachtetem Geflügel und Schweinen und an erzeugter Milch war noch nie so hoch wie im vergangenen Jahr. Derzeit enden 59 Millionen Schweine pro Jahr in Deutschland beim Schlachter. Das sind 20 Prozent mehr als  noch vor zehn Jahren.

Die Preise für Fleisch und Milch sinken logischerweise, weil es weder bei uns noch im Ausland eine gesteigerte Nachfrage gibt.  Das auf zunehmenden Export ausgerichtete System kollabiert gerade. Kleinere Höfe müssen schließen, dringend nötige Veränderungen werden verzögert.

Wir wissen seit vielen, vielen Jahren, dass  die Massentierhaltung nicht nur für das Tierwohl untragbar ist, sondern auch mit zu den größten CO²-Verursachern weltweit zählt. Dass für Futtermittel viele Flächen benötigt werden, die für andere Nahrungsmittel nicht mehr zur Verfügung stehen. Dass auf diesen Futtermittel-Äckern extrem viele Pestizide eingesetzt werden. Dass Antibiotika im Stall zu resistenten gefährlichen Keimen führen. Dass der Überschuss an Gülle unser Trinkwasser belastet. Und trotzdem werden weiterhin riesige Mastanlagen in Deutschland zugelassen und gebaut. Da wird gerade unsere Zukunft zubetoniert.

Warum protestieren die Menschen direkt vor der Grünen Woche, der weltweit größten Messe für Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau?

Bei der Grünen Woche treffen geballt in einer Woche sehr viele Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft aufeinander. Auf verschiedenen Veranstaltungen, Podiumsdiskussionen und Empfängen debattieren sie über die Zukunft der Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion. Im Rahmen der Grünen Woche findet ebenfalls das Global Forum für Agriculture and Food statt, ein zentraler Treffpunkt für Agrarminister aus aller Welt. Das erzeugt Aufmerksamkeit. Das ist der richtige Rahmen, um Entscheidungsträger zu erreichen.

Wenn noch jemand zweifelt: Welches ist der zwingendste Grund, aus dem man sich sofort ein Zug- oder Busticket zur Demo kaufen sollte.

Landwirtschaft betrifft uns alle, es geht um unsere Ernährung, um unser Essen, um unsere Lebensgrundlagen – du bist was du isst!

Und wie können Verbraucher sich den Rest des Jahres engagieren?

Verbraucher entscheiden jeden Tag beim Einkauf, was zur nächsten Ernte auf dem Acker wächst oder im Stall steht. Bio ist immer die bessere Wahl. Gentechnik in Lebensmitteln oder im Tierfutter sowie chemisch-synthetische Spritzmittel sind in der ökologischen Landwirtschaft tabu. Auch die Tierhaltung ist dort besser.

Zudem sollten wir weniger oder gar kein Fleisch essen und wenn, dann ökologisch produziertes. Es muss nicht jeden Tag Schnitzel geben. Das ist auch nicht gesund. Öfter zu frischem Obst und Gemüse greifen. Und auf regionale Herkunft achten, oder bei der solidarischen Landwirtschaft mitmachen, wo man direkt mit Landwirten zusammenarbeiten kann. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten sich für eine bessere Landwirtschaft stark zu machen. 

Infos zur Demo finden Sie auf www.wir-haben-es-satt.de.

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