Ein Artikel von greenpeace.de

EU und Biokraftstoffe: Die Rechnung geht nicht auf

Mit Bio hat Biosprit so gar nichts zu tun. Ein neuer Bericht der Europäischen Umweltagentur (EEA) räumt mit dem Vorurteil, Agrosprit sei klimafreundlich und CO2-neutral, endlich auf. Ob dies frischen Wind in die Debatte um die Förderung von Agrosprit bringt? Martin Hofstetter, Landwirtschaftsexperte von Greenpeace, dazu im Interview.

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Online-Redaktion: Die sogenannten Biokraftstoffe wurden bisher als klimaneutral eingestuft. Der neue Report der EAA - European Environment Agency - räumt mit dieser Annahme gründlich auf. Was bedeutet dieses Papier für die politische Debatte?

Martin Hofstetter: Die gesamte EU-Biokraftstoffpolitik steht zur Disposition. Der Report zeigt: Biokraftstoffe können Benzin und Diesel nicht ersetzen und lösen auch nicht das Klimadilemma. Die Untersuchung berücksichtigt erstmals auch die indirekten Klimafolgen von Agrosprit, zum Beispiel den sogenannten ILUC-Faktor: Wertvoller Wald wird zerstört, weil die Pflanzen für die Biokraftstoffe die bisherigen Flächen für Lebensmittelpflanzen dorthin verdrängen. Letztendlich entstehen gewaltige Probleme:

  • Biokraftstoffe bedrohen die letzten Wälder,
  • sind mitverantwortlich für eine immer intensivere Landnutzung
  • und verschärfen den Hunger in der Welt.

Online-Redaktion: Warum geht die bisherige Rechnung nicht mehr auf?

Martin Hofstetter: Pflanzen, aus denen Biokraftstoffe hergestellt werden, nehmen zwar CO2 aus der Atmosphäre auf und binden es. Der Produktionsprozess hebt diese Ersparnis jedoch wieder auf:

Beim Anbau dieser Pflanzen und bei der Verarbeitung zu Bioethanol und Biodiesel werden große Mengen an Klimagas freigesetzt. Und natürlich benötigt der Landwirt selbst Diesel, um Trecker und Drescher zu bewegen. Auch der eingesetzte Mineraldünger wird mit viel Energie erzeugt, der Stickstoffdünger gerät teilweise als Lachgas - einem Klimagas, das dreihundertmal so schädlich ist wie CO2 - in die Atmosphäre. Und im letzten Schritt muss die Ernte zur Fabrik transportiert und dort aufwendig verarbeitet werden.

Der Druck der Industrie auf die EU-Klimapolitik

Online-Redaktion: Wie passt das mit den Klimazielen der EU zusammen?

Martin Hofstetter: Eigentlich gar nicht. Mit heimischen Biokraftstoffen aus Pflanzen wird man auf absehbare Zeit keine Klimagase einsparen.

Online-Redaktion: Trotzdem fließen die EU-Gelder reichlich…!

Martin Hofstetter: Da zahlen wir Verbraucher die Zeche. Die Benzinpreise sind durch die Beimischung von Biodiesel im normalen Diesel höher. Auch die Lebensmittelpreise steigen, denn die Anbauflächen, auf denen Raps, Soja und Palmöl zu Energiezwecken erzeugt werden, fehlen letztlich für die Nahrungsproduktion.

Online-Redaktion: Die Financial Times Deutschland (FTD) hat kürzlich ein EU-Papier geleakt. Daraus geht hervor, dass die EU-Kommissare für Energie und Klima nicht vorhaben, die indirekten Klimafolgen vor dem Jahr 2018 einzuberechnen. Warum liegt der EU soviel an dieser Verzögerung?

Martin Hofstetter: Berechnet man die indirekten Landnutzungsänderungen - eben den ILUC-Faktor - mit ein, dann entspricht Biodiesel mit Raps-, Soja- oder Palmöl bereits heute nicht den festgesetzten Nachhaltigkeitsanforderungen. Die Klimabilanz ist in der Regel kaum besser als bei Rohöl.

Daher versuchen Bauernverband und Industrie mit Lobbyarbeit alles, um die Berücksichtung des ILUC-Faktors zu verhindern. Also trickst man bei der bisherigen Berechnung: Die Grenzen sollen genau so gesetzt werden, dass sie real keine Auswirkungen haben. Ein abgekartetes Spiel, bei dem EU-Energiekommissar Oettinger mitspielt. Die kritischen Studien, auf die sich der FTD-Artikel bezieht, hält die Europäische Kommission bis heute der Öffentlichkeit vor.

Online-Redaktion: Woher kommt der Boom nach Agrosprit? Welche Interessengruppen profitieren davon?

Martin Hofstetter: Es gibt inzwischen eine ganze Industrie, die sehr gut an der Erzeugung von Biodiesel verdient. Biokraftstoffhersteller wie ADM oder Neste Oil sind groß im Geschäft. Auch der deutsche Bauernverband macht sich stark für Biodiesel aus Raps, der den Landwirten hohe Preise garantiert, und hat seine Lobbyarbeit in Berlin und Brüssel intensiviert.

Eigentlicher Auslöser des Hypes ist allerdings die Automobilindustrie, die sich bei der aktuellen Diskussion wegduckt. Aber: Die Probleme mit dem Agrosprit haben sich erst ergeben, weil sich die Autohersteller wie VW bei der EU für den Biodiesel eingesetzt haben.

Online-Redaktion: Unter welchen Bedingungen wäre der Einsatz von Biokraftstoff überhaupt sinnvoll?

Martin Hofstetter: Biokraftstoff kann wenn überhaupt nur in kleinem Umfang Lösungen anbieten. Wenn Biokraftstoffe mit anfallenden Pflanzenresten produziert werden, auch als Methan aus Gülle und tierischem Dung, dann macht das Sinn. Vielleicht kann Biodiesel in Zukunft auch aus Algen hergestellt werden. Das Problem der Landnutzungskonkurrenz löst sich nur, wenn keine wertvollen Flächen mehr benötigt werden, wie beispielsweise Wüsten. Ich sehe nicht, dass wir auf absehbare Zeit weltweit Nahrungsmittelüberschüsse hätten, die als Biomasse verwendet werden können.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Interview.

Hintergrund: Was steht im Report der European Environment Agency?

  • Die weitverbreitete Annahme, die Verwendung von Biokraftstoffen sei "CO2-neutral", ist nicht korrekt.
  • Dass die Verbrennung von Biomasse, egal welcher Zusammensetzung, nicht zum Ausstoß von CO2 führt, ist ebenfall falsch und basiert auf einer falschen Berechnung.
  • Der Grundgedanke, mit Biomasse Energie zu erzeugen und den Treibhausgasausstoß zu reduzieren, funktioniert nicht. Genau wie die Verbrennung von Kohle, Öl oder Gas, führt der Einsatz von Biomasse zu mehr CO2 in der Atmosphäre, wenn durch den Anbau und die Ernte der Anteil von kohlenstoffspeichernden Pflanzen und Wäldern reduziert wird.
  • Wenn Plantagen für den Anbau von Biokraftstoffen Waldflächen, die als Kohlenstoffspeicher dienen, verdrängen oder im Wachstum behindern, kann die Herstellung von Biokraftstoff den CO2-Anteil in der Luft erhöhen.
  • Wenn Pflanzen für Biokraftstoffe Nahrungspflanzen verdrängen, vergrößert dies das Welthungerproblem, wenn sie nicht an anderer Stelle angebaut werden. Gleichzeitig führt diese indirekte Landnutzungsänderung zu steigenden Emissionen.
  • Basierend auf der Annahme, dass Biokraftstoffe klimaneutral seien, haben mehrere Studien vorgeschlagen, dass Bioenergie in den nächsten Jahrzehnten 20 bis 50 Prozent des weltweiten Energiebedarfs decken könnte oder müsste. Um dies zu realisieren, müsste allerdings das Doppelte oder Dreifache der derzeitigen Anbaufläche zur Verfügung stehen. Dies wiederum würde mit der nötigen Fläche für die Ernte von Nahrungsmitteln für eine weltweit wachsende Bevölkerung konkurrieren.

Publikationen

01.11.2010
6 Seiten
DIN A4
PDF
160,2 KB
Für die einen ist E10 die Lösung, um vom fossilen Öl wegzukommen, andere machen ihn für steigende Preise, Hunger und Urwaldzerstörung verantwortlich.

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