Ein Artikel von Sigrid Totz
E10 bietet Zündstoff: Gehören Nahrungspflanzen in den Tank oder auf den Teller?

Biosprit ist umweltpolitischer Unfug

Für die einen ist E10 die Lösung, um vom fossilen Öl wegzukommen, andere machen ihn für steigende Preise, Hunger und Urwaldzerstörung verantwortlich. Klar ist: Agrosprit ist nicht so klimafreundlich, wie viele behaupten und der Anbau hat mit "bio" nichts zu tun. Je mehr Agrosprit weltweit produziert wird, desto offensichtlicher werden die Probleme, sowohl bei als auch in Entwicklungs- und Schwellenländern.

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Schlechte Umweltbilanz

Agrosprit ist eingeführt worden, um den Klimaschutz voranzutreiben und die Abhängigkeit vom Öl zu reduzieren. Diese Ziele sind richtig, doch Agrosprit ist der falsche Weg dorthin.

Für die Umwelt ist Agrosprit häufig schlechter als konventioneller Kraftstoff. Seine CO2-Bilanz ist nicht so positiv ist wie vielfach dargestellt. Denn Kraftstoff aus Ackerpflanzen ist nicht klimaneutral. Zwar binden Pflanzen wie Weizen und Zuckerrüben CO2 aus der Luft, der erst bei der Verbrennung im Motor wieder frei wird. Doch bei der Feldarbeit der Landmaschinen, bei der Stickstoffdüngung und der Herstellung von Mineraldünger werden große Mengen an Klimagasen frei. Und bei der Weiterverarbeitung der Ernte zu Ethanol wird nochmals viel Energie benötigt. Daher ist der positive Klimabeitrag von Agrosprit selbst unter optimalen Bedingungen nur gering.

Der Agrarökonom Martin Hofstetter warnt zudem vor den Folgen für die Urwälder: "Zwar dürfen Pflanzen zur Ethanolherstellung laut EU-Richtlinie nicht von frisch gerodeten Urwaldflächen stammen. Das nützt aber nicht viel. Der Flächenbedarf für die Ethanolherstellung ist so riesig, dass nur durch eine weltweite Ausdehnung des Ackerbaus der zusätzliche Bedarf gedeckt werden kann. Es werden indirekt dann doch in Indonesien oder Argentinien Urwälder zerstört werden."

Das heißt, es findet eine Umnutzung statt. Alte Flächen werden für Agrospritpflanzen genutzt, um den zusätzlichen Bedarf an Pflanzenöl und Ethanol für europäische Autotanks zu decken. Für andere Nutzungsarten - zum Beispiel Palmöl für die Kosmetikindustrie - werden neue Flächen gerodet oder abgefackelt. So wird Klimaschutz zur Farce. Denn Urwälder sind natürliche CO2-Speicher. Sie abzuholzen oder gar brandzuroden, erhöht den weltweiten CO2-Ausstoß sogar noch.

Zudem ist Agrosprit absolut nicht bio, sondern wird konventionell angebaut. Die Pflanzen für den Agrosprit stammen also von stark mit Stickstoff und Pestiziden behandelten Monokulturen. Der Verlust an Artenvielfalt ist besonders in den Ackerbauregionen dramatisch. Und durch die Überdüngung werden Gewässer belastet. Die EU-Richtlinien für die Landwirtschaft reichen nicht aus, um dies zu verhindern.

Sprit statt Nahrung

Schon jetzt braucht die EU umgerechnet 35 Millionen Hektar Ackerland von außerhalb, um den Bedarf an Nahrungs- und Futtermitteln und den Agrospritbedarf in Europa zu decken. In Deutschland muss niemand hungern. Doch Agrosprit zu importieren, heißt den Hunger in anderen Teilen der Welt zu verschärfen.

Laut UN-Ernährungsorganisation FAO sind die Preise für Lebensmittel im Februar 2011 weltweit auf neue Rekordhöhen gestiegen. Daran hat auch der Agrosprit seinen Anteil. Er treibt die Preise für Getreideprodukte in die Höhe und fördert so den Hunger auf der Welt.

Die Konkurrenz zwischen Tankfüllung und Ernährung könnte sich weiter verschärfen. Die weltweit vorhandene Agrarfläche reicht nicht aus, um konventionellen Kraftstoff durch Agrosprit zu ersetzen. Noch viel weniger könnte beispielsweise Deutschland den inländischen Spritverbrauch aus eigenem Anbau decken.

Biosprit schon heute im Tank

In Deutschland wird derzeit heftig über den Einsatz von E10 debattiert. Dabei ist E10 nur die Spitze des Eisberges. Die meisten Verbraucher wissen nicht, dass sie bereits heute an der Tankstelle Biosprit tanken. In Superbenzin sind rund fünf Prozent Ethanol beigemischt, das überwiegend aus Getreide hergestellt wurde. Im Diesel sind sogar sieben Prozent Biodiesel aus Ölpflanzen wie Soja, Raps oder Palmölpflanze enthalten.

Für all diese Pflanzen werden wertvolle Ackerflächen benötigt. Schuld an der Beimischung ist das Biokraftstoffquotengesetz. Das verpflichtet die Mineralölindustrie, bestimmte Mengen an Biosprit zu verkaufen. Andernfalls müssen die Mineralölkonzerne Strafen zahlen.

Nur Biosprit aus Abfallstoffen hat eine wirklich gute Umwelt- und Klimabilanz und ist eine gute Alternative.

Immer größer, immer schneller

Die Automobilindustrie ist gefordert, den CO2-Ausstoß ihrer Fahrzeugflotten zu senken. Das tut sie in viel zu geringem Maße. Agrosprit führt dazu, dass der Druck auf die Autohersteller eher noch sinkt. Heutzutage könnten ohne Weiteres Kleinwagen mit einem CO2-Ausstoß von etwa 50 Gramm pro Kilometer gebaut werden. Tatsächlich sind es 90 bis 100 Gramm. Und der Drang zum schweren, elektronisch hochgerüsteten Fahrzeug ist ungebremst.

"An der Tanksäule hat der Autobesitzer die Wahl zwischen Agrosprit und fossilem Öl und damit zwischen Pest und Cholera. Was wirklich der Umwelt helfen würde, wird dort nicht angeboten: Fahrzeuge mit deutlich gesenktem Spritbedarf", sagt Greenpeace-Experte Hofstetter.

Automobil und Klimaschutz werden sich erst vertragen, wenn Lösungen wie Leichtbauweise und Tempolimit durchgesetzt sind. Den CO2-Ausstoß im Verkehr mit Agrosprit zu senken, ist eine Scheinlösung. Und auch das E-Auto wird noch lange keine Alternative sein. Zumal wenn der Strom im Kohlekraftwerk erzeugt wird.