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Koloss auf Schienen

Der neue Sarkophag für die strahlende Atomruine von Tschernobyl stellt eine immense Herausforderung dar: technisch, finanziell - und moralisch.

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Nach Greenpeace-Informationen wurde bereits Mitte Juli 2014, beim Treffen der Gebergemeinschaft für die neue Schutzhülle des AKW Tschernobyl, bekanntgegeben, dass es eine Finanzierungslücke im Umfang von 615 Millionen Euro für die Fertigstellung gibt. Die Fertigstellung ist nicht mehr für 2015, sondern für 2017 vorgesehen.

Das Doppelte des Hamburger Hauptbahnhofs

615 Millionen Euro sind eine gewaltige Summe, einerseits. Andererseits: Niemals zuvor stand die internationale Gemeinschaft vor einer vergleichbaren technischen Herausforderung - Mensch und Umwelt vor den Gefahren eines zerborstenen Atomkraftwerkes zu schützen. Niemals zuvor musste eine Halle aus Stahlbeton, die mehr als doppelt so groß ist wie die Hamburger Bahnhofshalle, in einem Gebiet ohne jegliche Infrastruktur gebaut werden. Zudem kann sie nicht direkt an Ort und Stelle erbaut werden, sie muss  auf Schienen verschiebbar sein, um die radioaktive Belastung ihrer Erbauer zu minimieren.

Pioniertat, Kraftakt, Notbehelf

Bei Verzögerungen und Verteuerungen von Großprojekten denkt man in Deutschland schnell an die Hamburger Elbphilharmonie und an den Berliner Flughafen „BER“. Aber diese Vergleiche hinken: Erfahrungen beim Bau von Konzertsälen und Flughäfen gibt es zuhauf.  Die Verzögerungen und finanziellen Debakel bei diesen Vorhaben sind das Ergebnis von schlechtem Management. Die Tschernobyl-Hülle aber ist die erste ihrer Art – ein ebenso riskantes wie faszinierendes Projekt.

Niemand kann heute garantieren, dass die Aufstockung um weitere 615 Millionen Euro die letzte ist, denn Tschernobyl ist ein Fass ohne Boden im buchstäblichen Sinne: Die neue Schutzhülle ist notwendig, aber von vornherein nicht hinreichend, denn wenn sie steht, muss der alte marode Sarkophag demontiert und der Atommüll darunter entsorgt werden. Auch das werden technische und finanzielle Kraftakte sein. Es fällt schwer, dies zu begreifen: Tschernobyl wird auf Jahrzehnte und Jahrhunderte hin gefährlich bleiben und Kosten verursachen.

Tschernobyl - der Super-GAU der Sowjetunion

Bisher hat Deutschland in etwa acht Prozent der Gesamtkosten für die neue Schutzhülle übernommen. Bliebe Deutschland bei diesem Anteil, müsste es noch einmal ca. 50 Millionen Euro aufbringen. Das sollte die Bundesregierung beim Treffen der G7-Arbeitsgruppe zur Nuklearsicherheit Mitte Oktober erklären. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks hat signalisiert, den deutschen Beitrag aufstocken zu wollen, nannte aber keine konkrete Summe.

50 Millionen Euro sind viel, aber die Tschernobyl-Schutzhülle ist nicht nur eine technische, sondern auch eine finanzielle Herausforderung, und eine moralische dazu. Denn das Land, das die Tschernobyl-Katastrophe zu verantworten hat, die Sowjetunion, existiert nicht mehr.  Ihr letzter Regierungschef, Michael Gorbatschow, hat einmal gesagt: „Die Kernschmelze von Tschernobyl war wohl - mehr noch als meine Perestroika - die wahre Ursache für den Zusammenbruch der Sowjetunion.“

Die Ukraine, die Tschernobyl geerbt hat, ist eines der ärmsten Länder Europas und befindet sich heute im Kriegszustand. Es ist auch deshalb die Aufgabe der internationalen Staatengemeinschaft, die Folgen von Tschernobyl gemeinsam und solidarisch zu tragen, für immer und ewig.

Helden von heute

Die wahren Helden von Tschernobyl sind jedoch jene Hunderte ukrainischer Bauarbeiter, die ihre Gesundheit und ihr Leben für den Bau der Schutzhülle aufs Spiel setzen. Dass viele sich angesichts der relativ guten Entlohnung vor dem Hintergrund der miserablen wirtschaftlichen Situation im Lande finanziell zu diesem Job gezwungen sehen, macht ihren Einsatz heikel.

Die Arbeiter tragen zwei Dosimeter bei sich. Die messen die radioaktive Tagesbelastung und die Jahresbelastung und geben ein Alarmsignal, falls es zu einer Überschreitung der Grenzwerte kommt. Jeden Monat wird die Tageshöchstdosis bei 20 bis 30 Arbeitern überschritten, zum Beispiel, weil sie ein radioaktives Staubkörnchen eingeatmet haben. Diese Arbeiter werden dann suspendiert und zu Untersuchungen nach Kiew geschickt.

Alle Arbeitsabläufe sind darauf abgestellt, die radioaktive Belastung der Arbeiter zu minimieren. Aber in einem Land, in dem Vorsichtsregeln und ihre Umsetzung oft weit voneinander entfernt sind, bleiben Zweifel darüber, wie hoch das Risiko für die Arbeiter wirklich ist.

Weiterführende Publikationen zum Thema

Report: Unequal Impact

Menschenrechtsverletzungen bei Frauen und Kindern nach dem Atomunfall im Kraftwerk Fukushima Daiichi. Report in englischer Sprache.

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Neue Ära des Risikos

In Europa sind 66 der 151 AKW älter als 30 Jahre. Die Gefahr eines schweren Unfalls steigt.

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