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Ein Artikel von Sigrid Totz

Warum Greenpeace glaubt, dass die Erde noch zu retten ist

Wir sind mittendrin im Klimawandel. Er entwickelt seine eigene Dynamik, vollzieht sich immer schneller. Wir müssen handeln, wenn wir wenigstens die schlimmsten Folgen verhindern wollen. Eine Energierevolution ist unabdingbar. Ist sie zu schaffen? Greenpeace sagt: Ja! Unser Energieexperte Jörg Feddern erläutert, worauf diese Zuversicht gründet.

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Online-Redaktion: Jörg, wenn du gefragt wirst, ob die Erde deiner Meinung nach noch zu retten ist, was antwortest du?

Jörg: Eindeutig Ja, weil ich glaube, dass durch die Veröffentlichung des IPCC-Reports ein Ruck durch die Gesellschaft gegangen ist, weltweit. Sowohl in der Politik als auch in der Öffentlichkeit.

Der Report führt uns deutlich vor Augen, wie ernst die Lage ist. Wir Menschen sind hauptverantwortlich für die Klimaerwärmung und die Klimaforscher geben uns noch einen Zeitraum von zehn bis 15 Jahren zum Handeln. Diese Botschaft ist bei allen mehr oder weniger deutlich angekommen.

Online-Redaktion: Die Politiker kommen bislang trotzdem kaum über Lippenbekenntnisse hinaus. Große Teile der Wirtschaft beharren auf ihrem alten Kurs. Wo siehst du Zeichen, dass das Ruder herumgerissen wird?

Jörg: Ein Zeichen ist, dass die Europäische Union sich auf dem EU-Frühjahrsgipfel im März 2007 tatsächlich auf ein verbindliches Ziel für den Ausbau der Erneuerbaren Energien geeinigt hat.

Das CO2-Reduktionsziel von minus 20 Prozent bis 2020 ist demgegenüber natürlich viel zu schwach. Wenn wir den Klimawandel wirklich noch in seinen schlimmsten Auswirkungen verhindern wollen, müssen wir auf deutlich mehr bestehen. Klimaforscher fordern von den Industriestaaten mindestens 30 Prozent in den nächsten 15 Jahren. Der Ausbau der Erneuerbaren Energien ist eine Notwendigkeit, um dieses Ziel zu erreichen. Genauso wie die deutliche Steigerung der Energieeffizienz.

Die deutsche Wirtschaft ergeht sich derzeit noch in kleinstaatlichem Denken und im Schüren von Ängsten um die Arbeitsplätze: So schlecht sind wir doch gar nicht, es soll doch nicht immer alles auf die Deutschen abgewälzt werden. Erstens vermisse ich von der Industrie gesamtgesellschaftliche Verantwortung und zweitens bestehen auch Chancen für die Industrie. Wenn sie jetzt neue Technologien auf den Markt bringt, kann sie später bei der Bekämpfung des Klimawandels punkten.

Die Wind- und die Fotovoltaikindustrie in Deutschland machen das schon vor. Die sind auf einem sehr, sehr hohen Niveau angekommen und verdienen besonders im Export richtig gutes Geld. Und sie schaffen neue Arbeitsplätze.

Online-Redaktion: Kann eine Energieerzeugung mit Erneuerbaren überhaupt noch schnell genug aufgebaut werden, um eine globale Klimaerwärmung von mehr als zwei Grad zu verhindern?

Jörg: Eindeutig Ja! Das Greenpeace-Weltenergieszenario belegt, dass wir mit der Steigerung der Energieeffizienz und dem Ausbau der Erneuerbaren Energien bis 2050 weltweit 50 Prozent der Kohlendioxid-Emissionen einsparen und damit dem Klimawandel begegnen können. Wohlgemerkt - mit der heute vorhandenen Technik. Die Bezugskosten liegen dabei um ein Drittel unter denen, die wir zahlen müssen, wenn wir so weitermachen wie bisher.

Für Deutschland hat Greenpeace vom Aachener Institut EUtech ein eigenes Energiekonzept erarbeiten lassen. Die Studie Klimaschutz: Plan B beweist ganz klar: Wir können unseren CO2-Ausstoß bis 2020 um 40 Prozent reduzieren.

Online-Redaktion: Das Wissen ist da, die Technik ist da. Was fehlt?

Jörg: Die Politik muss endlich reagieren und die notwendigen Rahmenbedingungen setzen. Das heißt konkret, Beendigung der weltweiten Subventionen für fossile und nukleare Energieträger und Förderung der Erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz. Dann wären wir ein großes Stück weiter.

Ein Umdenken muss also stattfinden: Förderung nur noch solcher Technologien, die dem Klimaschutz dienen. Es kann nicht sein, dass wir weiterhin klimaschädliche Energien weltweit subventionieren und so den Weg aus unserem Dilemma verhindern.

Online-Redaktion: Deutschland und die EU sind nicht allein im Boot. Was passiert, wenn die USA als größte nationale CO2-Schleuder nicht mitziehen?

Jörg: Das ist genau der Punkt. Wenn wir die USA nicht überzeugen beziehungsweise die US-amerikanische Regierung nicht endlich zur Vernunft kommt, dann wird es sehr, sehr schwierig, die Klimaschutzziele zu erreichen. Es gibt aber einzelne US-Bundesstaaten, beispielsweise Kalifornien, die die Zeichen der Zeit erkannt haben. Sie legen für ihre Bundesstaaten die Kyoto-Kriterien zugrunde und handeln danach. Das nährt bei mir die Zuversicht, dass wir es noch schaffen können.

Online-Redaktion: An der derzeitigen Klimaentwicklung sind die westlichen Industriestaaten schuld. In wenigen Jahren werden die Schwellenländer, vor allem China, uns aber einholen. Wie können ausgerechnet wir, die großen Klimasünder, den Menschen dort vermitteln, dass sie mit Energie vernünftiger umgehen müssen als wir? Wie können wir sie glaubwürdig unterstützen?

Jörg: Wir sind für über 80 Prozent der historischen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Das ist eine Tatsache. Auch jetzt noch sind es die Industrieländer, die den allergrößten Teil ausstoßen. Richtig ist aber, dass die Schwellenländer wie China und Indien dramatisch aufholen, zumindest was die CO2-Emissionen angeht.

Wir müssen diesen Ländern signalisieren, dass wir unsere Lektion gelernt haben. Und zwar dadurch, dass wir klare Reduktionsziele festlegen und glaubhaft versichern, dass wir diese Reduktionsziele bis 2020 auch schaffen werden. So entsteht ein Anreiz für diese Länder, ebenfalls aktiv zu werden. Parallel dazu müssen sie die Möglichkeit haben, ihre Wirtschaft zu entwickeln.

Wir müssen außerdem unsere hochmodernen Technologien in die Schwellen- und vor allem auch in die Entwicklungsländer liefern. Wir müssen ihnen helfen, eine saubere Industrie aufzubauen und nicht die gleichen Fehler zu begehen wie wir.

In den zukünftigen Klimaschutzverhandlungen, die über 2012 hinausgehen, müssen wir dann mit China, Indien und Brasilien gemeinsam aushandeln, wie sie ihre CO2-Emissionen in den Griff kriegen. Auch die Schwellenländer müssen in Zukunft ihren Beitrag zum Klimaschutz leisten.

Online-Redaktion: Unser ganzer westlicher Lebensstil ist auf die ständige Verfügbarkeit von Energie ausgelegt. Der sorglose Umgang damit wird uns geradezu in die Wiege gelegt. Jetzt heißt es, wir alle müssen uns umstellen. Zurück in die Steinzeit, wie manche Menschen befürchten?

Jörg: Nein, auf keinen Fall. Wir müssen einfach nur lernen, mit Energie vernünftig und effizient umzugehen. Wir hier in den Industriestaaten verschwenden Energie in großem Maßstab. Allein durch Verhaltensänderungen kann jeder Einzelne von uns 20, vielleicht sogar mehr Kohlendioxid-Emissionen einsparen.

Große Änderungen muss es im mobilen Sektor geben. Es kann nicht sein, dass wir eben mal übers Wochenende nach Mallorca jetten, dass wir Kurzflüge innerhalb Deutschlands machen, dass wir Autos kaufen, die immer noch acht Liter und mehr verbrauchen. Alternativen sind da, beispielsweise der von Greenpeace entwickelte SMILE. Der macht vor, dass eine Einsparung von 50 Prozent im Benzinverbrauch und damit in den Kohlendioxidemissionen möglich ist.

Wir müssen als Verbraucher Druck auf die Industrie und die Politik ausüben, damit wir in Zukunft vernünftige Autos kaufen können, die nur noch drei Liter Sprit verbrauchen. Die Subvention des Flugverkehrs muss schleunigst beendet werden. Das bedeutet, die Steuerbefreiung auf Kerosin aufzuheben und die externen Kosten des Flugverkehrs in den Preis einzurechnen.

Weltweit müssen wir dahin kommen, dass pro Kopf nicht mehr als zwei Tonnen CO2 ausgestoßen werden. Zurzeit liegen wir im Schnitt bei vier Tonnen. Also, ich bin zuversichtlich, dass wir das hinkriegen.

Online-Redaktion: Danke für das Gespräch, Jörg.

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