
Die Arctic Sunrise ist kein Eisbrecher im wahrsten Sinne des Wortes, kann sich also nicht durch meterdickes Eis durchfräsen. Wir benutzen eine andere Taktik, wir schieben Eisschollen aus dem Weg und bahnen uns so einen Pfad durch das Treibeis. Es erfordert eine Menge Erfahrung, sich durch das Labyrinth durchzuschlängeln. Arne, unser Kapitän, hat mehr als 30 Jahre Erfahrung in der Arktis und Antarktis und ist ein Meister seines Faches.
Eines unserer Hilfsmittel sind Eiskarten des norwegischen Meteorologischen Institutes. In diesen Eiskarten werden Satellitenbilder ausgewertet und verschiedenen Eisdichten berechnet, die dann in eine Übersichtskarte übertragen werden. Die neuesten Eiskarten waren nur wenige Tage alt und zeigten, wie breit der Gürtel des Treibeises vor der Küste liegt, und auch, wie viel offenes Wasser zwischen den Eisschollen zu erwarten ist. Die Karten geben Masse zwischen – offenes Wasser mit 1/10tel Treibeis bis hin zu – sehr dichtes Packeis 10/10tel Eis. Letzteres ist offensichtlich beinahe undurchdringlich für uns. Aber die Karte zeigte glücklicherweise keine Stellen, an denen das Treibeis hundert Prozent der Fläche füllt.
Auf der Karte war zu sehen, dass etwa auf der Höhe von Zackenberg das Band des Packeises am schmalsten war. Genau dort, wo wir uns durch den Treibeisgürtel winden wollten. Glück für uns - dachten wir.
Natürlich ist es schwierig, die exakten Positionsbestimmungen von einer Karte auf die andere zu übertragen, außerdem wird das Packeis auch von der Strömung in Richtung Süden getrieben, aber wir waren ziemlich sicher, dass wir die beste Stelle zur Durchquerung gewählt hatten. Bei dichtem Nebel folgten wir der Parole: Augen auf und durch!
Manchmal kann das Radargerät zur Hilfe genommen werden, um offene Stellen im Eis zu finden. Aber bei sehr dichtem Eis sieht der Radar das Eis vor lauter Schollen nicht mehr. Man sieht nur noch Graupel auf dem Radarschirm. Dann muss sich der Kapitän auf seine Intuition verlassen. Immer in der Unsicherheit, dass nur wenige hundert Meter neben uns offenes Wasser sein könnte, während wir mühsam eine Eisscholle nach der anderen aus dem Wege schieben.
Der Nebel lichtete sich nur einmal lang genug, um uns einen längeren Blick auf einen Eisbären zu gewähren. Er war im Packeis auf Jagd nach Robben. Größer und imposanter als in meinen Vorstellungen stand er dort, betrachtete uns und unser Schiff eine Weile und trottete dann gemächlich von dannen. Etwas später legte sich der Nebel wieder wie ein Schleier um uns und erschwerte die Bemühungen der Navigatoren, eisfreie Pfade im Eis ausfindig zu machen und ihnen zu folgen. Aber nach 50 mühevollen Stunden waren wir auf der anderen Seite. Ob es wohl mit dem Reisberg zu vergleichen ist, durch den sich die Besucher des Schlaraffenlandes essen müssen, bevor sie dort ankommen? Schwer zu sagen.
Die Küste war im Dunst nur schwach auszumachen, und alles lag grau in grau. Und das sollte nun der sagenhafte Nationalpark Nördliches Grönland sein? Für den Zugang mussten wir drei Monate vorher Erlaubnis einholen. Wir gingen zur Brücke und baten den Kapitän, doch für gutes Wetter zu sorgen, und er lächelte und sagte: Ich werde dran arbeiten.
Kaum waren wir vor der Forschungsstation vor Anker gegangen, lichtete sich der Nebel, und die Sonne kam zum Vorschein. Die Wissenschaftler in Zackenberg sahen das als gutes Omen. Sie hatten seit drei Wochen im dichten Nebel wenig Möglichkeit gehabt, ihre Feldforschung zu betreiben, und das Greenpeace Schiff mit dem Namen Arctic Sunrise, das die Sonne brachte, war daher doppelt willkommen. (Autorin: Martina Krüger)