
Er ist imposant - falls das nicht eine Untertreibung für einen kilometerdicken Koloss von 7,5 Kilometern Breite ist. Mit seiner jetzigen Geschwindigkeit von 14 Kilometern im Jahr, fliesst mit diesem Gletscher jetzt dreimal so viel Eis von der Eiskappe ins Meer. Oder fast dreimal so viel, denn der Gletscher hat auch an Dicke verloren, etwa 70 Meter seit der letzten Messung.
Auf der Karte ist die Gletscherfront eingezeichnet, aber als wir in die Bucht kommen, sehen wir, dass sich der Gletscher um etwa fünf Kilometer zurückgezogen hat, und dort wo wir jetzt fahren, war noch vor einigen Jahren kilometerdickes Eis.
Gordon Hamilton und Leigh Stearns vom Klimazentrum der Universität Maine sind natürlich aufgeregt. Eine derartig sensationelle Entdeckung ist nicht alltäglich für Gletscherologen. Obwohl sie mit Reaktionen der Gletscher auf die gestiegenen Temperaturen gerechnet haben, erwarteten sie nicht derart dramatische Ergebnisse.
Eine Woche später, 250 Kilometer weiter im Süden, das gleiche Bild. Der Helheim Gletscher, ein weiterer imposanter Gletscher von sieben kilometern Breite, hat seine Geschwindigkeit in vier Jahren beinahe verdoppelt. Er schiebt jetzt das Eis mit einer Geschwindigkeit von mehr als elf Kilometern in Richtung Meer. Dort schmilzt es. Unser Kameramann macht Sequenz-Aufnahmen für acht Stunden. Als er uns das Material zeigt, fällt uns die Klappe herunter: Vor unseren Augen fliesst der Gletscher wie ein zäher Fluss!
Die Gletscher im Scoresby Sund, noch etwa 300 Kilometer höher im Norden als der Kangerdlugssuaq Gletscher, sind anscheinend noch nicht vom Fieber gepackt. Sie liegen oberhalb des 69sten Breitengrades, und die Temperaturen haben hier anscheinend noch nicht die Temperaturschwelle überschritten, von der an die Gletscher losstürmen.
Weshalb reagieren die Gletscher auf diese Weise und weshalb macht uns das Sorgen? Die Antwort auf die erste Frage ist: Schmelzwasser, auf die Zweite: Dramatischer Anstieg des Meeresspiegels.
Durch die gestiegenen Temperaturen taut die Oberfläche der Gletscher, bis hinauf in mehr als tausend Meter Höhe auf der Eiskappe. Dadurch werden enorme Mengen Schmelzwasser freigesetzt. Dieses Wasser dringt durch Spalten bis an den Grund des Gletschers und vermindert die Reibung des Gletschers am Boden. Der Gletscher rutscht besser. Für Laien schwer begreiflich: durch diesen Fluss wird Wärme produziert, die den Prozess noch mehr anheizt.
Der Gletscher schiebt sich unaufhaltsam - Sommer wie Winter - voran. Einmal in Gang gesetzt, ist der Prozess nicht mehr zu stoppen, auch wenn sich Temperaturen wieder abkühlen. Je mehr Gletscher von diesem Geschwindigkeitsrausch gepackt werden, desto mehr Eis wird aus der Eiskappe transportiert. Die Folge: sie schrumpft.
Der Kangerdlugssuaq und Helheim Gletscher beeinflussen auf diese Weise etwa sechs Prozent der gesamten Eiskappe, und wenn weitere Gletscher folgen, werden potenziell grosse Teile der Eiskappe schnell vom Eis befreit. Dieser Prozess ist viel effektiver als das Abschmelzen allein - und eine relativ neu entdeckte Reaktion des Eises auf den Klimawandel.
In den Modellberechnungen über den zukünftigen Anstieg des Meeresspiegels bei unterschiedliche steigenden Temperaturen ist dieser
dynamische Aspekt der Gletscher noch nicht hinreichend einberechnet. Die meisten Modelle gehen noch davon aus, dass in einem wärmeren Klima die Grönlandseiskappe durch Abschmelzen an Masse verliert, der aber durch steigenden Niederschlag zum Teil wieder ausgeglichen wird. Wenn die Gletscher einer nach dem anderen der Raserei anheimfallen, dann ist mit sehr viel höherem Meeresspiegelanstieg zu rechnen.
Und doch: Wird es nicht ewig dauern bis die Grönlandeiskappe verschwunden ist, auch wenn der Gletschereffekt einberechnet wird? Bis wir die Horrormenge von einem sieben Meter höherem Meeresspiegel erreichen?
Auf diese Frage gibt es eine einfache Antwort: Ja, aber. Ja, es wird lange dauern bis der totale Verlust des Grönlandeises uns sieben Meter Meeresspiegelanstieg liefert. Aber wir wissen nicht wie viele unangenehme Überraschungen uns noch ins Haus stehen, wenn die Wissenschaftler mehr und mehr über die Zusammenhänge von Klimawandel und Reaktionen der Arktischen Welt herausfinden.
Und: 70 Prozent der Weltbevölkerung lebt in Küstenregionen, die schon bei einem Anstieg des Meeresspiegels von einem halben oder einem Meter erhebliche Schäden erleiden. Wir müssen daher alles daran setzen, schon diesen ersten halben Meter Meeresanstieg zu vermeiden. Wir brauchen eine Geschwindigkeitsbegrenzung für Gletscher. Wir müssen vermeiden, dass diese Gletscher unsere Zukunft bedrohen. Wir müssen dringend Massnahmen ergreifen, um diese gefährlichen Folgen des Klimawandels zu vermeiden.
Grönland ist gefährdet und gefährlich zugleich. Wir sollten nicht mit dem Feuer spielen und das Risiko eingehen, dass es uns überschwemmt.