
Wir kamen um Mitternacht an und ankerten in der Bucht vor der Ortschaft. In der Mitternachtssonne kam ein Junge im Kanu angepaddelt, um uns zu begrüßen. Wir haben eine Grönländerin in der Crew, die uns beim Übersetzen hilft, weitere Besatzungsmitglieder sind Dänen, Schweden und Norweger.
Grönland war lange dänische Kolonie und hat jetzt den Status einer autonomen Region. Sie haben eine eigene Regierung, aber deren Außenpolitik wird noch immer von Dänemark aus bestimmt. Daher sprechen fast alle Grönländer mehr oder weniger fließend Dänisch. Da Schwedisch und Norwegisch eng verwandte Sprachen sind, können die Skandinavier in jeweils ihrer eigenen Sprache miteinander kommunizieren und sich verständlich machen.
Wir luden die Bewohner für den folgenden Tag ein, unserem Schiff einen Besuch abzustatten. Sie sollten mit uns über ihre Beobachtungen des Klimawandels sprechen. Vor allem für die Kinder des Ortes waren wir die Attraktion! Wir haben eine Ausstellung an Bord, auf der wir den Grund der Tour nach Grönland erläutern und unsere Vorschläge zur Klimapolitik verdeutlichen.
Die Bewohner des Ortes hatten zum Teil herzzerreißende Geschichten zu erzählen. Das Eis im Fjord ist ihr Zugang zu den Jagdgründen, und in den letzten zehn Jahren ist es im Winter dünner und dünner geworden. Im letzten Jahr hat es sich vor Weihnachten erst gar nicht gebildet. Normalerweise beginnt die Hundeschlitten-Saison Mitte Oktober. Ein Mann berichtete uns, dass im letzten Winter die Jagd so schlecht verlaufen ist, dass sie Hundefutter aus Island einfliegen lassen mussten. Die Regierung musste Notmaßnahmen ergreifen, um den finanziellen Ruin ganzer Familien abzuwenden.
Der Bürgermeister, Erling Madsen, berichtete uns, dass die Grönländer sich auch in der Vergangenheit an Änderungen des Klimas anpassen mussten und das auch erfolgreich getan haben. Natürliche Schwankungen mit kälteren und wärmeren Perioden wechselten sich ab. Der große Unterschied zu früher ist nun, dass die Veränderungen so schnell vonstatten gehen, dass sich die Bevölkerung nicht anpassen kann.
Er berichtete von Projekten, mit denen versucht wird, den Jägern alternative Einkommen zu schaffen. Ein Projekt ist der Versuch, mehr Touristen für diesen Landstrich zu interessieren. Und die Landschaft ist in der Tat atemberaubend schön. Der Nationalpark Grönlands, der größte der Welt, beginnt im Norden von Ittoqqorttoormiit und streckt sich bis and die Nordküste. Doch die Ostküste ist noch immer schwer zugänglich, und die Sommersaison, die für Touristen am interessantesten ist, sehr kurz.
Erling Madsen sprach auch über ein anderes Testprojekt. Es wird nach Fisch im Fjord gesucht. Wenn es erfolgreich ist, wird er versuchen, die Jäger zu Fischern umzuschulen. Das ist nicht so einfach, wie es sich anhört. Einerseits ist der Fjord nicht so fischreich wie erhofft, und die bisherigen Versuche haben keine reichen Fischgründe zu Tage gefördert. Außerdem ist die Umstellung zu Fischern ein kulturelles Problem. Die gesamte Kultur basiert auf der Jagdtradition und damit einhergehend auch der Stolz und das Selbstverständnis der Grönländer in diesem Teil des Landes. Wenn sie gezwungen werden, diese Tradition aufzugeben und zu Fischern zu werden, ist der gesamte kulturelle Zusammenhalt der Gemeinschaft gefährdet.
Einer der Jäger wies uns darauf hin, dass nicht nur der Beruf des Jägers verschwindet, sondern damit auch der Beruf der Frau des Jägers. Ihre Arbeit beginnt traditionell, wenn die Jagdgesellschaft nach Hause kommt. Häute werden präpariert, Fleisch zur Aufbewahrung verarbeitet. Wenn die Jäger arbeitslos werden, weil sie ihre Jagdgründe nicht mehr erreichen können, dann verschwindet auch der Job der Jägerfrauen. Ein Effekt des Klimawandels, der weitreichende Konsequenzen für das Zusammenleben dieser Menschen und ihrer Kultur hat.
Was bleibt, wenn weder Tourismus noch Fischerei ein Einkommen bieten? Die Bewohner werden entweder auf staatliche Unterstützung angewiesen sein oder in andere Orte ziehen. Allerdings besteht auch dort wenig Aussicht auf die Neuschaffung von Arbeit und Einkommensmöglichkeiten. Der Ort könnte veröden und zu einem traurigen Relikt einer einst stolzen und unabhängigen Gesellschaft werden.
Mit diesen Erlebnissen und etlichen Filmrollen - voll mit ähnlichen Geschichten aus Ittoqqortoormiit in Zeiten des Klimawandels - reisen wir weiter in Richtung Norden, zur Klimaforschungsstation Zackenberg im Grönländischen Nationalpark. (Autorin: Martina Krüger)