
Unser erstes Ziel ist der Scoresby Sund, an der Ostküste. In diesem womöglich längsten und tiefsten Fjordsystem der Welt liegen drei Gletscher, deren Geschwindigkeit unsere mitreisenden beiden Forscher Gordon Hamilton und Leigh Stearns von der Maine Universität in den USA messen wollen. Und weshalb ist das interessant?
Die Gletscher in der Eiskappe von Grönland transportieren Eis vom Gipfel der Eiskappe in Richtung Meer. Wenn die Bilanz der Eiskappe ausgeglichen ist, geht ebenso viel Eis durch Abtauen und Abtransport durch die Gletscher verloren, wie durch Neuschnee jährlich dazukommt. Es wird angenommen, dass etwa die Hälfte des Verlustes durch direktes Abschmelzen entsteht, die andere Hälfte durch die Gletscher ins Meer getragen wird. Man kann sich das auch wie ein Bankkonto vorstellen, in dem die Einnahmen genau so hoch sind wie die diversen Ausgaben. Dann ist das Bankkonto ausgeglichen.
Nun wird spekuliert, dass die Eiskappe entweder gerade noch oder gerade nicht mehr in Balance ist. Dass also mehr Eismasse durch Schmelzen und Abtransport verloren geht als neu dazu kommt. Mit anderen Worten, dass die Eiskappe kleiner wird - oder das Bankkonto im Minus ist. Weiter wird angenommen, dass sich dieser Prozess durch das Ansteigen der Temperaturen in der Zukunft weiter beschleunigt. Mehr Massenverlust bedeutet einen Anstieg des Meeresspiegels, und im Falle des Grönland-Eisschildes würde ein totales Abschmelzen einen Anstieg des Meeresspiegels um sieben Meter bedeuten.
Katastrophale Aussichten, auch wenn sich dieser Prozess über eine sehr lange Zeitspanne herausstreckt. Einmal in Gang gesetzt, so befürchten die Forscher, gibt es kein Aufhalten - auch wenn sich die Temperaturen danach auf einem niedrigeren Niveau einpendeln würden. Die Frage ist natürlich, bei welcher Temperatur dieses totale Abschmelzen beginnt und ob wir diesen Punkt schon erreicht haben oder vielleicht in naher Zukunft überschreiten.
Unser Ziel im Scoresby Sund - die Gletscher Daugaard Jensen Gletscher, Graah Gletscher und Wesftfjord Gletscher - ist in den späten sechziger Jahren vom dänischen Gletscherforscher Niels Reeh manuell vermessen worden. Damals hat man farbige Objekte auf den Gletscher transportiert und dann von einer erhöhten Stelle am Rande die Position dieser Objekte bestimmt. Spätere Wiederholungen dieser Vermessung ermöglichten dann die Berechnung der Geschwindigkeit, mit der sich der Gletscher bewegt.
Heute werden diese Messungen mit Hilfe von Satellitenaufnahmen gemacht, die dann mit Hilfe von Computer-Erkennungsprogrammen ausgewertet werden. Das funktioniert aber nicht im unteren Teil des Gletschers, da sich die Oberfläche des Gletschers vom Zeitpunkt des ersten bis zum nächsten Satellitenfoto so sehr verändert hat, durch Spaltenbildung und Verwerfungen, dass das Computer-Erkennungsprogramm keinen Anhaltspunkt für einen Vergleich finden kann. Deshalb haben Leigh und Gordon unsere Grönlandreise für die Möglichkeit genutzt, diese Gletscher wiederum manuell zu vermessen.
Die Methode mit der sie die Geschwindigkeit des Gletschers bestimmen, ist technischer als in den späten sechziger Jahren: Sie installieren in einer Linie quer über den Gletscher fünf GPS Empfänger, mit denen die exakte Position bestimmt wird. Dazu werden in einem Bohrloch Kupferrohre in das Eis gebracht, in denen die Empfänger aufgesteckt werden. Einen Tag später werden die Empfänger nochmals auf das gleiche Kupferrohr gesteckt und die Position wiederum exakt mit dem GPS bestimmt. Dann wird das gesamte Material wieder abgebaut und das Kupferrohr entfernt.
Der Vergleich der beiden Positionsbestimmungen ermöglicht dann die Berechnung, um wie viele Meter sich der gesamte Gletscher in dem Zeitraum weiterbewegt hat. Dies wird dann mit den Messungen aus den sechziger Jahren verglichen, und dann kann berechnet werden, ob der Gletscher gesund ist oder schon auf den Klimawandel reagiert. Wir warten mit Spannung auf die Auswertung der Ergebnisse.
Noch mehr Spannung bereitete jedoch die Art und Weise, wie die Satelliten in die Position auf den Gletscher gebracht wurden. Nur wenige Kilometer oberhalb der Abbruchkante, hat der Gletscher keine glatte Oberfläche, sondern ist von unzähligen tiefen Gletscherspalten durchzogen. Dort brechen auch die großen Blöcke ab und schwimmen dann als Eisberge im Meer, wo sie langsam schmelzen.
Von hier gab es keine Chance, den Gletscher zu besteigen. Aber das war von vornherein klar. Deshalb hatten wir einen Helikopter dabei, der die Wissenschaftler auf den geplanten Stellen auf dem Gletscher absetzen sollte. Der Pilot hatte große Mühe Landeplätze zu finden, die groß genug waren, sowohl sicher zu landen als auch aussteigen und die Satellitenempfänger installieren zu können. Uns jedenfalls standen die Haare zu Berge, als wir die Aufnahmen sahen. (Autorin: Martina Krüger)