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Stärkung der internationalen Kampagnenarbeit

Greenpeace verändert sich

Eine globale Organisation neu aufzustellen, die mit mehr als 2.000 Menschen in über 40 Ländern arbeitet, ist eine Herausforderung. Umso mehr, wenn diese Organisation wie Greenpeace von ihrer kulturellen Vielfalt und zivilem Ungehorsam lebt.

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Greenpeace verändert sich, warum weiß keiner davon?

Glaubwürdigkeit ist für Greenpeace ein wichtiges Gut. Greenpeace veröffentlicht deshalb nur dann etwas, wenn es gesichert ist. Viele Augen prüfen Berichte, Tabellen, Erklärungen, Studien, bevor sie nach draußen gehen. Das führte dazu, dass die internationale Umstrukturierung von Greenpeace nur im Zusammenhang mit konkreten Kampagnen, im Gesamtbild aber nicht aktiv von uns bekannt gemacht wurde: Wir waren bisher nicht an dem Punkt angekommen, wo wir überzeugt davon waren, dass es jetzt so bleibt, wie es gerade ist. Denn: Eine globale Organisation neu aufzustellen, die mit mehr als 2.000 Menschen in über 40 Ländern arbeitet, ist eine Herausforderung. Umso mehr, wenn diese Organisation wie Greenpeace von ihrer kulturellen Vielfalt und zivilem Ungehorsam lebt.

Was verändert sich eigentlich?

Brigitte Behrens hatte es vor ein paar Tagen in ihrem Artikel an die Förderer schon angesprochen: Die internationale Umweltschutzorganisation Greenpeace passt sich mit einer neuen Organisationsstruktur den neuen Herausforderungen im globalen Umweltschutz an. Die Bedrohungen für unseren Planeten werden größer – und sie verschieben sich.

Mit der seit 2013 laufenden internen Umstrukturierung bei Greenpeace International in Amsterdam und bei der Entwicklung und Umsetzung internationaler Kampagnen stellt sich die Organisation daher dezentraler auf. Greenpeace wandelt sich von einer derzeit zentral aus Amsterdam gesteuerten Organisation zu einem Netzwerk einzelner Länderbüros. Früher wurden globale Kampagnen von Greenpeace International entwickelt und gesteuert. Künftig geschieht dies immer häufiger regional und zwischen den Länderbüros. So kann Umweltzerstörung besser dort bekämpft werden, wo sie heute am drastischsten ist: vor allem in den schnell wachsenden Volkswirtschaften in Asien, Afrika und Südamerika. Die Büros dort können auch besser als eine Zentrale einschätzen, was die brennenden Probleme sind.

Wie läuft das Operating Model?

Das „Operating Model“ oder bei Greenpeace kurz OM genannt, hat bereits positive Ergebnisse: Ein gutes Beispiel für die Erfolge dieses neuen Organisationsmodells ist die internationale „Detox!“-Kampagne: Europäische Greenpeace-Büros unter Leitung der Deutschen Kampaigner erhöhen dabei den Druck auf große Marken, ihre Kleider ohne giftige Chemikalien produzieren zu lassen. Erst im Juni hatte Adidas zugestimmt, die Produktion umzustellen. Im Vorfeld hatten Greenpeace-Büros in Asien die Verursacher der Umweltzerstörung recherchiert, Labore in Großbritannien testeten die Ergebnisse, Dutzende von Büros und Hunderte von ehrenamtlichen Gruppen organisierten weltweite Proteste. So sorgt „Detox!“ dafür, dass sowohl unsere Kleidung als auch Chinas Flüsse sauberer werden.

Gibt es Kritik?

Die Reorganisation ist umstritten. Greenpeace Deutschland hatte sich zunächst gegen die Umsetzung ausgesprochen, intern gab es intensive Debatten. Die Skepsis von Greenpeace Deutschland bezog sich vor allem darauf, dass wir es gerne von Anfang an detaillierter hätten, wir sind typisch deutsch, wir wollen gerne vorher einen genauen Plan haben, bevor man mit so großen Veränderungen anfängt. Andere Kulturen planen aber „auf dem Weg“, das muss und soll man aber auch akzeptieren. Greenpeace ist eine weltweite Organisation, mit vielen unterschiedlichen Kulturen und auch Erfahrungen, auch unterschiedlichen Ansichten, wie denn ein ideales Greenpeace aussieht. Hier darf man keine gleichen Maßstäbe anlegen. Was in Europa eine "normale" Aktion von Aktivisten ist, zum Beispiel ein Protest mit Bannern vor einem Regierungsgebäude, ist in anderen Ländern ein sehr mutiges Wagnis, das mit Gefängnis bestraft werden kann. Da müssen wir, also alle Büros, immer weiter ein gemeinsames Verständnis entwickeln und dürfen auch nicht pauschal bewerten, was die anderen tun. So gab es zum Beispiel auch einen Vorschlag härtere Aktionen durchzuführen, die Greenpeace Deutschland sofort vehement abgelehnt hat. Bis klar wurde, was die Kollegen aus Afrika damit meinten, eine Menschenkette um ein Kohlekraftwerk. Das ist in Afrika eine radikale Aktion, weil es gefährlich für die protestierenden Aktivisten ist.

Wichtig war und ist uns auch: Wie schnell lassen sich genügend qualifizierte Experten in den einzelnen Ländern finden? Wenn man den Zentralismus aus Amsterdam auflöst und die Verantwortung an die einzelnen Büros verteilt, wenn sie sich zu Kampagnen zusammenschließen, zu sogenannten Clustern, sind nicht sofort genügend erfahrene Kollegen da, die Greenpeace oder zivilen Widerstand schon gelernt haben, besonders in Ländern, wo es gar keine Zivilgesellschaft gibt. Deswegen haben wir auch ein intensives Ausbildungs- und Trainingsprogramm, das auch Greenpeace Deutschland unterstützt.

Ob es nun in einem Operating Model ist, oder in einer anderen Organisationsstruktur - Greenpeace in Deutschland wird weiter hier und auch in anderen Ländern für den Erhalt unserer Erde kämpfen. Dafür spenden fast 600.000 Menschen jedes Jahr in Deutschland. Ihnen und der Umwelt sind wir verpflichtet.

Über den Autor: Michael Pauli ist Leiter des Kommunikationsbereichs bei Greenpeace Deutschland.

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