
Online-Redaktion: Hallo Jan! Seit einigen Wochen wird in den Medien immer wieder über die weltweite Hungerkrise berichtet. Ausgelöst wurde die Krise durch einen Engpass auf dem globalen Nahrungsmittelmarkt. Warum wird von einigen Stimmen der Einsatz von Gentechnik gefordert?
Jan van Aken: Aus meiner Sicht hat die Gentechnik überhaupt nichts mit der Hungerfrage zu tun. Die Forderung danach kommt doch ausschließlich von der Gentechnikindustrie, die damit ihre Gewinne steigern will. Wer sich um die Hungerkrise sorgt, schaut auf die Ursachen des Problems. Nicht auf eine einzelne Technik.
Online-Redaktion: Was genau hat es mit dem Einsatz von gentechnisch veränderten Pflanzen zur Nahrungsmittelproduktion auf sich? Gibt es dabei bestimmte Probleme?
Jan van Aken: Naja, gentechnisch veränderte Pflanzen sind ein besonderes Risiko. Werden sie einmal in die Umwelt gelassen, können sie nie mehr zurückgeholt werden. Wenn dann irgendwas schief geht, können diese Auswirkungen auch nie wieder rückgängig gemacht werden. Egal ob es da um ein Risiko für den Verbraucher geht oder ob Genpflanzen sich plötzlich in der Umwelt breitmachen und andere Pflanzen verdrängen.
Grundsätzlich haben wir ja überhaupt nichts gegen Risiko. Wir sind Greenpeace. Wir gehen ständig Risiken ein. Aber das Risiko muss handhabbar bleiben. Kann man ein Risiko aber im Ernstfall überhaupt nicht mehr unter Kontrolle bekommen, darf man es auch nicht eingehen. Ein solches unlösbares Risiko ist die Gentechnik.
Online-Redaktion: Unter anderem verantwortlich für den Nahrungsmittelengpass ist die erhöhte Produktion von sogenanntem Biosprit. Gibt es weitere Gründe für die derzeitige Hungerkrise?
Jan van Aken: Um die Gründe streiten sich die Wissenschaftler noch. Es gibt viele Faktoren, die den Hunger vorantreiben. Zum Beispiel haben wir Klimaeffekte, wir haben Missernten, wir haben Agrosprit, wir haben einen immer weiter steigenden Fleischverbrauch und wir haben Spekulationen an der Börse.
Welcher der Faktoren im Moment am wichtigsten ist, kann man nicht sagen. Sicher ist allerdings: Jedes Korn, das wir in unseren Tanks verfahren, steht nicht mehr für den Lebensmittelmarkt zur Verfügung. Und darum ist Agrosprit eine richtig schlechte Idee!
Online-Redaktion: Wie müsste die Bekämpfung des Hungers weltweit aussehen?
Jan van Aken: Jeder der sagt, dass er eine Lösung gegen den Hunger in der Welt hat, der lügt. Ob das nun die Gentechnikindustrie oder jemand anderes ist. Die Ursachen des Hungers sind vielfältige. Und genau so vielfältig müssen auch die Lösungen sein.
Das zentrale Stichwort ist Diversität. Die Biodiversität auf dem Acker und in der Natur. Aber auch die Diversität der Anbaumethoden. Wir haben schon im Süden von Burkina Faso andere Bedingungen als im Südwesten. Da braucht man intelligente Lösungen.
Für mich bedeutet moderne Landwirtschaft, traditionelles Wissen aufzugreifen und mit neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zu verbinden. Dann muss für jeden einzelnen Ort die beste Anwendung gefunden werden. So können die Ernten verdoppelt, vervierfacht, verachtfacht werden. Und das ohne auf Hightech-Methoden aus dem Westen zurückzugreifen.
Online-Redaktion: Danke für das Gespräch, Jan!