
Nachdem allgemeine Fütterungsfehler und Infektionen als Todesursache weitgehend ausgeschlossen wurden, verdächtigt der Landwirt jetzt den Gen-Mais der Firma Syngenta, am plötzlichen Tod seiner Kühe schuld zu sein. Wie könnte der Tod der Tiere mit dem Gen-Mais zusammen hängen? Welche Erkenntnisse gibt es bisher über den gentechnisch veränderten Mais und warum haben die Behörden versagt?
Syngenta hat dem Bauern zwischenzeitlich einen Teil des Schadens ersetzt, weigert sich aber im Moment, den Gesamtschaden zu begleichen. Der Bauer forderte von den Behörden und der Firma Syngenta bisher vergeblich die konsequente Aufklärung des Falles und legt deswegen jetzt gegenüber Greenpeace die Akten offen.
In den Mais, der von den Behörden unter der Bezeichnung bt176 geführt wird, verbirgt sich eine Nutzpflanze, die ein Insektengift bildet, das sie gegen bestimmte Fraßschädlinge (die Raupe des Maiszünslers) schützen soll. Das Gift wurde aus dem Bakterium Bacillus thuringiensis isoliert und mit der sogenannten Gen-Kanone in die Maispflanzen hineinmanipuliert. Der bt176-Mais wurde als eine der ersten Genpflanzen überhaupt zur Vermarktung freigegeben.
Syngenta hatte schon 1997 eine europaweite Vermarktungsgenehmigung für diesen Mais erhalten: zur Saatgutproduktion, für den Import, zur Verarbeitung, für Nahrungsmittel und für Tierfutter. Obwohl diese Genehmigung von Anfang an heftig umstritten war, hat sie bis heute Bestand. Dagegen lief die Genehmigung in den USA schon im Jahr 2001 aus. In Europa haben außerdem Österreich, Luxemburg und Italien den Anbau untersagt.
Auch Deutschland hat die Verwendung im März 2000 wegen Sicherheitsbedenken eingeschränkt. Im Änderungsbescheid des Robert Koch Institutes vom 31.3.2000 heißt es: Durch den Änderungsbescheid ... wird ... das Ruhen der Genehmigung für das Inverkehrbringen der Maislinie CG 00256-176 einschließlich ihrer Abkömmlinge an-geordnet, soweit der Anbau nicht Zwecken der Erforschung und Erprobung dient (...).
Der bt176 Mais darf in Deutschland seitdem also nur noch zu Versuchszwecken angebaut werden. Die Ernte darf aber anschließend verfüttert werden. Syngenta nimmt es damit offensichtlich nicht so genau: 2002 hatte Greenpeace mehrere bt176 - Felder in Hessen entdeckt. Die Felder wurden ohne jede Kontrolle angebaut und mussten zerstört werden. Großflächig angebaut wird der Gen-Mais derzeit in Spanien. Dort wachsen ca. 20.000 Hektar jährlich. Auf dem Hof in Wölfersheim wurde dieser Mais seit 1997 angebaut und verfüttert. Zudem wurde auch (in geringeren Mengen) Gen-Mais der Firma Bayer angebaut, der gegen Spritzmittel resistent gemacht wurde.
Auf dem betroffenen Milch-Hof wird Mais ganzjährig an die Kühe verfüttert. Die Kühe erhalten Mais-Silage und Körnermais. Für Mais-Silage wird die gesamte Maispflanze im frühen Herbst geheckselt und durch Zugabe von Milchsäurebakterien vergoren. Körnermais muss länger reifen und wird deswegen erst im Spätherbst geerntet. Dabei werden die Körner aus den Kolben gedroschen ähnlich wie bei anderen Getreidearten, wie zum Beispiel Weizen. Die Maiskörner sind reich an Stärke und können wegen dem geringen Wassergehalt lange gelagert werden.
Seit 1997 hatte der Bauer immer mehr Gen-Mais auf dem Hof eingesetzt. In den Jahren 2000 und 2001 wurde ausschließlich Gen-Mais angebaut. Der Landwirt berichtet, dass seit der Verfütterung der Mais-Ernte aus 2000 seine Kühe zunächst häufiger krank wurden. Schließlich eskalierte nach seinen Angaben die Situation: Fünf Kühe starben innerhalb von vier Monaten, andere Kühe gaben weniger Milch oder mussten geschlachtet werden. Nur eine der fünf toten Kühe wurden in der Pathologie Gießen untersucht, ohne dass eine eindeutige Todesursache festgestellt werden konnte. Zusätzliche Gewebeproben wurden an die Universität Göttingen übersandt und verschwanden dort unter nicht geklärten Umständen.
Im Februar 2002 entschloss sich der Landwirt und (immer noch) überzeugte Anhänger gentechnisch veränderter Futterpflanzen keinen bt176 Mais mehr auf seinem Hof zu verfüttern. Trotzdem starben bis Oktober 2002 weitere sieben Kühe, auch 2003 sollen bei einigen Kühen noch Spätwirkungen wie eine verringerte Milchleistung feststellbar sein.
Syngenta übernahm die Kosten für fünf tote Kühe, für verringerte Milchleistung und Kosten für Tierarzt und Analysen. Die Todesursache der Kühe blieb aber weiter ungeklärt. Zwar wurden auf dem Hof wiederholt Proben der Futtermittel genommen. Doch alle Untersuchungen erbrachten bisher keine Antwort auf die Frage, warum die Kühe verendeten. So heißt es in einem Schreiben des Regierungspräsidiums Gießen vom 21. August 2003, dass die Ursache für die vg. Vorfälle nicht ermittelt werden konnte.
Untersuchungen, die der Landwirt selbst in Auftrag gab, ergaben Hinweise darauf, dass sich die Körner des Gen-Mais in den Inhaltsstoffen stärker vom normalen Mais unterscheiden als bisher angenommen.
Der Bauer will jetzt auch Proben seines Futters auf das Gift-Eiweiß aus dem bt176 Mais untersuchen lassen. Er befürchtet, dass das Gift durch die Gülle der Kühe auch auf seine Wiesen verschleppt worden ist. Tatsächlich wurde 2003 bei Untersuchungen in Japan erstmals das Bt-Gift auch in Magen, Darm und Kot von Rindern gefunden. Es wird anscheinend langsamer abgebaut als bisher angenommen.
Bisher war die Firma Syngenta von einem raschen Abbau im Darm ausgegangen. Dagegen fanden sich im Rindermagen auch fünf und 18 Stunden nach der Verfütterung noch deutliche Spuren des Toxins. Mit dem Dung kann das Gift auch auf Wiesen und im Stall verbreitet werden. Gelangen bt-Toxine in Kontakt mit Boden, können sie dort, an Ton-Mineralien gebunden, über Monate überdauern.
Anders als von Syngenta immer behauptet wurde, gibt es zudem Hinweise darauf, dass das Gift auch im Darm von Säugetieren biologisch aktiv werden kann. Zunächst war angenommen worden, dass das Toxin nur bei bestimmten Insektenlarven wirken könne. Doch eine wissenschaftliche Arbeit aus dem Jahr 2000 beschreibt, dass sich das Bt-Toxin auch bei Mäusen an die Darmwand anheftet und dort zu biologischen Veränderungen führen kann. Dieses Andocken an die Schleimhäute im Darm ist auch die Vorraussetzung dafür, dass das Gift bei Insekten seine Wirkung entfalten kann.
Obwohl der Anbau des Mais nur im Rahmen wissenschaftlicher Forschung angebaut werden darf, erfuhr das für die Risikoabschätzung zuständige Robert Koch Institut (RKI) in Berlin angeblich erst im November 2001 von den Todesfällen. Und auch dann reagierte die Behörde eher passiv.
So wurden weder alle Futtermittel auf dem Hof noch die toten Kühe sicher gestellt. Auch umfassende Untersuchungen des Bodens und des Kots der Tiere auf Rückstände des Toxins wurden bisher nicht eingeleitet. Möglicherweise ist es inzwischen zu spät, um die Ursachen tatsächlich aufklären zu können. Nicht einmal die Gelder für langjährige Fütterungsversuche wurden bisher von der Firma oder den Behörden bereit gestellt. Statt dessen wurden mit dem Verweis auf mögliche andere Todesursachen die Untersuchungen seitens des RKI am 12.12.2002 beendet.
Nach Ansicht von Greenpeace ist der Behörde in diesem Zusammenhang ein grundsätzliches Versagen vorzuwerfen: Nach Sichtung der vorliegenden Unterlagen hätte eine Genehmigung für den Gen-Mais nie erteilt werden dürfen, bzw. längst widerrufen werden müssen:
Auch in einem anderen Punkt arbeitet die Industrie mit falschen Annahmen: Die Pflanzen bieten den Landwirten nicht die erwarteten Vorteile. In Deutschland bekommen die Landwirte nach Aussage des Bauernverbandes den Schädlingsbefall durch Maiszünsler in der Regel durch einfache ackerbauliche Maßnahmen auch ohne alle Spritzmittel (und Gen-Saaten) gut in den Griff.
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