
So wundert es nicht, dass Gen-Pflanzen in der Praxis ungewollte und nicht kalkulierbare Eigenschaften entwickeln. Forscher fanden in den vergangenen Jahren beispielsweise heraus, dass die von Monsanto seit 1996 in den USA vertriebene Roundup Ready Soja im Vergleich zu herkömmlichen Sojasorten 5 bis 10 Prozent geringere Erträge erbringt. In den USA sind inzwischen 95 Prozent der dort angebauten Soja genmanipuliert. Dies bedeutete für das Jahr 2008 Ernteeinbußen von 4 bis 8 Millionen Tonnen.
Abhilfe soll jetzt die neue Variante Roundup Ready 2 schaffen. Laut Monsanto erzielt die Bohne sieben bis elf Prozent höhere Erträge als ihre Vorgängerin. Damit ermöglicht dann auch die Gen- Soja endlich eine so gute Ernte wie konventionelle Soja-Pflanzen. Doch es könnte weitere böse Überraschungen geben. Die neuen Gen-Sojapflanzen sind 5 Prozent kleiner als herkömmliche Pflanzen der gleichen Art.
Superunkräuter durch Gen-Pflanzen: In den USA oder Argentinien, wo Gen-Pflanzen im großen Stil angebaut werden, bekommen Landwirte zunehmend Probleme mit sogenannten Superunkräutern. Die Unkräuter werden mit der Zeit genauso resistent gegen die Spritzmittel wie die Gen-Pflanzen. Die Folge: Der Einsatz von Spritzmitteln steigt.
Der US-Agrarwissenschaftler Charles Benbrook hat den großflächigen Anbau herbizidresistenter (HR) Gen-Pflanzen wiederholt untersucht. Seine Ergebnisse zeigen, dass der Anbau von Gen-Pflanzen in den USA zwischen 1996 und 2011 zu einem Mehreinsatz an Pestiziden von 183 Millionen Kilogramm geführt hat.
Schädlinge werden resistent: Neben herbizidresistenten Pflanzen werden sogenannte Bt-Pflanzen angebaut. Diesen Pflanzen wurde ein Gen-Konstrukt des Bodenbakteriums Bacillus thuringiensis eingesetzt. Die Pflanze produziert so ihr eigenes Insektengift, das auf bestimmte Schädlinge tödlich wirken soll. Das Gift wird permanent und in allen Teilen der Pflanze produziert und an die Umwelt abgegeben; eine Giftfabrik direkt auf dem Acker. Doch die Wirksamkeit solcher Gen- Pflanzen ist zeitlich begrenzt. Denn der Umstand, dass die Schädlinge permanent dem Gift ausgesetzt sind, fördert das Überleben derjenigen, die eine natürliche Resistenz gegenüber dem Bt-Gift entwickeln.
So ließen dann auch in der Praxis resistente Schädlinge nicht auf sich warten. In Indien zum Beispiel tauchten nach acht Jahren Anbau der Monsanto-Gen-Baumwolle "Bollgard" Rote Baumwollkapselwürmer auf, die gegen das von der Pflanze produzierte Gift immun sind. Abhilfe soll jetzt die Gen-Baumwollsorte Bollgard 2 schaffen. Diese Sorte enthält zwei statt eines Giftstoffs. Bollgard 3, eine Gen-Pflanze mit drei eingebauten Giftstoffen, befindet sich bereits in der Entwicklung.
Noch schneller verlief die Entwicklung beim Maiswurzelbohrer in den USA. Der gefürchtete Schädling - auch in Europa auf dem Vormarsch - bildete in nur sechs Jahren nachweislich Resistenzen gegen Bt-Gen- Mais aus.
Neue Schädlinge breiten sich aus: Seit dem Jahr 2000 verursacht in den USA der Western Bean Cutworm bei Gen-Mais zunehmend Schäden. Bis dahin spielte dieser Schädling im Maisanbau keine bedeutende Rolle. Die Ausbreitung des Schädlings ist auf den großflächigen Anbau von genmanipuliertem Mais zurückzuführen, der ein bestimmtes Bt-Toxin (Cry1Ab) produziert. Das Gift wirkt nicht nur auf den Maiszünsler, sondern auch auf den Baumwollkapselbohrer tödlich. Dessen Vorkommen wurde durch den Anbau von Gen-Pflanzen stark vermindert. Sein Rückzug schaffte jedoch Platz für einen neuen Schädling: den Western Bean Cutworm.
Auch andere nützliche Insekten werden gefährdet: Untersuchungen zum Gen-Mais Mon810 zeigen, dass die Pflanze negative Auswirkungen auf zahlreiche andere Tiere wie zum Beispiel Schmetterlinge, Honigbienen, Spinnen, Schlupfwespen und Florfliegen, aber auch Bodenorganismen hat.
Gen-Pflanzen können Stoffe bilden, die Risiken für die menschliche Gesundheit bergen. Die Langzeitfolgen von Gen-Pflanzen sind bisher nicht ausreichend erforscht. Inzwischen gibt es einige Fälle, die zeigen, dass Gen-Pflanzen negative Auswirkungen auf die Gesundheit von Versuchstieren haben können.
Veränderte Blutwerte bei Ratten: Französische Wissenschaftler berichten in einer Studie über Gesundheitsrisiken, die von drei Gen- Maisvarianten der Firma Monsanto ausgehen. Untersucht wurden Daten aus Fütterungsversuchen an Ratten, die die US-Firma Monsanto in Auftrag gegeben hatte. Die Blutwerte der Tiere für Leber und Nieren zeigen signifikante Veränderungen. Laut Professor Gilles-Eric Séralini von der französischen Universität Caen könnten Schäden für die menschliche Gesundheit daher nicht ausgeschlossen werden.
Mäuse erkranken an Atemwegen: In Australien stellten Wissenschaftler fest, dass Gen-Erbsen im Fütterungsversuch mit Mäusen zu einer Beeinträchtigung des Immunsystems und zu Atemwegserkrankungen der Tiere führten. Das in die Erbse hineinmanipulierte Gen stammte von einer Bohne, die für Säugetiere gut verträglich ist. Die Struktur des Proteins, das sich in der Gen-Erbse bildete, war jedoch leicht verändert. Und dieser feine Unterschied hatte weitreichende Auswirkungen auf die Gesundheit der Mäuse.
Riskante Gene: Antibiotikaresistenz-Gene werden von Gentechnikern oft als sogenannte Markergene eingesetzt. Diese helfen, jene Pflanzenzellen zu finden, die das neue, in die Pflanze manipulierte Gen aufgenommen haben. Die Technik ist jedoch überholt und riskant. Antibiotikaresistenz-Gene können von Bakterien zum Beispiel im Tier- oder Menschendarm aufgenommen werden. Dies nennt man horizontalen Gentransfer.
Werden so Krankheitserreger gegen bestimmte Antibiotika unempfindlich, können sie nicht mehr mit diesem Medikament bekämpft werden. Laut EU-Gesetzgebung sollen daher seit Januar 2005 keine Gen- Pflanzen mit Antibiotikaresistenz-Genen mehr angebaut werden, wenn diese "schädliche Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit oder Umwelt haben können". Trotzdem wurde im März 2010 die gentechnisch veränderte Stärkekartoffel Amflora der Firma BASF zum kommerziellen Anbau zugelassen.
Neben der Gentechnikindustrie behaupten auch einige Politiker, dass genmanipulierte Pflanzen kontrollierbar seien. Das zentrale Ziel des in Deutschland seit April 2008 gültigen Gentechnikgesetzes ist daher die Koexistenz: Ein Nebeneinander von Landwirtschaft mit und ohne Gen-Pflanzen sei kein Problem, heißt es. Ist es aber doch - wie die Realität auf dem Acker und in unseren Lebensmitteln zeigt.
Regelmäßig werden auch in Deutschland Gentechnik-Lebensmittelskandale bekannt: Illegaler Gen- Reis aus China und den USA, mit Gen-Raps verunreinigter Honig und Senf aus Kanada oder Brötchen mit illegaler Gen-Leinsaat. Damit sich die Öffentlichkeit einen Überblick über die bekannt gewordenen Verunreinigungen mit Gen-Pflanzen verschaffen kann, veröffentlicht Greenpeace diese Fälle in einem Register im Internet.
Am Anfang steht das Saatgut: Das Saatgut ist die Ausgangsbasis der landwirtschaftlichen Produktionskette. Ist das Saatgut mit Gentechnik verunreinigt, gelangt diese von den Feldern in die Lebens- oder Futtermittel. Daher hat die Reinheit des Saatgutes oberste Priorität. Leider hat der kommerzielle, aber auch der Versuchsanbau von Gen- Pflanzen in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass immer wieder Saatgut verunreinigt wurde.
So wurde im Sommer 2006 bekannt, dass Saatgut von Langkornreis aus den USA mit illegalem Gen-Reis (LL601) der Bayer AG verunreinigt war. Obwohl dieser Gen-Reis in keinem Land der Erde eine Zulassung hatte, gelangte er großflächig in das Saatgut und damit auf die Felder US- amerikanischer Landwirte. Schließlich fanden Verbraucherbehörden und Greenpeace den Gen-Reis auch in deutschen Supermärkten.
Die amerikanische Reisindustrie hat auch nach jahrelangen Anstrengungen, die Verunreinigungen wieder loszuwerden, mit einem Imageverlust und mit Problemen beim Absatz von US-Reis nach Europa zu kämpfen. Der Schaden dürfte daher höher sein als die 750 Millionen US-Dollar Entschädigung, die Bayer 2011 an Reis-Bauern zahlte.
Oft bleibt unklar, wie es zu Verunreinigungen gekommen ist. Das kann durch Auskreuzung auf dem Acker passieren, aber auch durch falsche Lagerung und Transport. Werden zum Beispiel Anlagen, in denen gentechnisch verändertes Saatgut gelagert wurde, nicht ausreichend gereinigt, kommt es bei einer anschließenden Befüllung mit herkömmlichem Saatgut zu Verunreinigungen.
Gen-Pflanzen halten sich nicht an Ackergrenzen: Werden Gen-Pflanzen auf den Feldern angebaut, können sie sich über Pollenflug in artverwandte Acker- und Wildpflanzen auskreuzen und so das ökologische Gleichgewicht und die biologische Vielfalt gefährden. Gen- Pflanzen kennen keine Ackergrenzen, und Pollen lassen sich weder durch Zäune noch durch Abstandsregelungen kontrollieren. Einmal in die Umwelt freigesetzt, kann niemand die Gene zurückholen.
Besondere Aufmerksamkeit erregte die ungewollte Ausbreitung von Gen- Mais in traditionellen Maissorten in Mexiko, dem Ursprungsland des Maises. Im Jahr 2001 stellten Wissenschaftler fest, dass sich im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca Gen-Mais in einheimische Sorten eingekreuzt hatte. Der Gen-Mais gelangte vermutlich für die Lebensmittelproduktion von den USA nach Mexiko und wurde dort ausgesät.
Die Auskreuzung von Gen-Pflanzen kann traditionelle Sorten verdrängen. Die Vielfalt der Pflanzen ist jedoch die Grundlage unserer Ernährung. Alle landwirtschaftlichen Nutzpflanzen wurden ursprünglich aus ihren wilden Verwandten gezüchtet. Auch heute braucht die Züchtung eine Vielfalt an Pflanzen, um daraus neue Sorten zu entwickeln, die sich dem veränderten Klima, Schädlingen und Krankheiten anpassen.
Quellenangaben sowie weitere Infos und Beispiele finden Sie in unserem Hintergrund: Gefahren der Gen- Pflanzen.
Wie wenig sich Gen-Pflanzen kontrollieren lassen, zeigen noch weitere Skandale:
(Stand: Dezember 2012)