Greenpeace-Aktivisten und Betroffene demonstrieren vor Sitz von Energiekonzern CEZ

Zigtausend für ein Zuhause

Vattenfall will die Braunkohle in der Lausitz loswerden – und damit auch die Verantwortung für Umsiedlungen. Dagegen protestieren Greenpeace-Aktivisten und Betroffene heute in Prag.

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Die Lausitz bangt um weitere Dörfer. Mehr als 130 Ortschaften sind den Braunkohlebaggern bereits zum Opfer gefallen – sollte Vattenfall einen Käufer für seine Tagebaue und Kraftwerke in der Region finden, drohen weitere dazuzukommen. Dann müssten Tausende ihre Häuser verlassen für eine Energiegewinnung, die klimaschädlich und unrentabel ist. Ausgerechnet für eine Energie ohne Zukunft sollen die Bewohner ihre Vergangenheit zurücklassen.

Gegen diesen Skandal protestierten Greenpeace-Aktivisten und Kohlegegner aus der Lausitz heute Morgen in Prag. Vor der Konzernzentrale des tschechischen Energiekonzerns CEZ haben sie ein symbolisches Wohnzimmer aufgebaut, als Erinnerung an die Entscheidungsträger: Das ist das Zuhause, das ihr uns nehmt. Auf einem Banner ist zu lesen „Wir lassen uns nicht verkaufen“. Als zusätzliche Merkhilfe übergaben die Kohlegegner dem Konzern 40.000 Protestkarten, die Greenpeace in den vergangenen Monaten gesammelt hatte.

CEZ ist ein möglicher Käufer von Vattenfalls Braunkohlegeschäft, genau wie der Konkurrent EPH. Die Unterzeichner der Protestpostkarten fordern beide Unternehmen auf, ihr Kaufinteresse zurückzuziehen. Damit soll Noch-Eigner Vattenfall in die Verantwortung genommen werden: Der schwedische Energiekonzern muss sein klimaschädliches Braunkohlegeschäft in der Region innerhalb der nächsten 15 Jahre selbst herunterfahren und dabei an Ort und Stelle den Ausbau der Erneuerbaren Energien vorantreiben.

Braunkohle ist ein Auslaufmodell

Vattenfall hat zwar weitgediehene Braunkohlepläne für die Lausitz, allerdings kein großes Interesse mehr an der riskanten Sparte. Ein Käufer würde diese Projekte nach jetzigem Kenntnisstand jedoch unverändert umsetzen: Vorgesehen sind mehrere neue Tagebaue, denen mehrere Dörfer und Ortschaften zum Opfer fallen würde. Alleine für den geplanten Tagebau Nochten II drohen 1700 Menschen ihre Heimat zu verlieren. Für den Tagebau Welzow-Süd II müssten weitere 800 Menschen ihre Häuser räumen.

Im Vorfeld der UN-Klimakonferenz mutet die Diskussion um weitere Kohlegruben besonders absurd an. „Es kann nicht sein, dass in Paris ein Klimaschutzabkommen verhandelt wird, während in der Lausitz eines der größten Klimaverbrechen Europas den Besitzer wechselt“, sagt Tobias Riedl, Energie-Experte von Greenpeace. Bei der Konferenz soll verbindlich verabredet werden, wie der weltweite Temperaturanstieg unter zwei Grad zu halten ist. So lange in Deutschland im großen Stil Braunkohle gefördert und verfeuert wird, wird Deutschland keinen Beitrag zum Erreichen dieses Ziels liefern: Alleine die Braunkohle aus den geplanten Tagebauen Nochten II und Welzow-Süd II würden den Klimawandel mit zusätzlichen 500 Millionen Tonnen CO2 befeuern.

Dabei ist Kohle ein Auslaufmodell, wie jüngste Entwicklungen erneut belegen: Gestern kündigte der weltgrößte Versicherer, die Allianz, an, alle Aktien von Unternehmen zu verkaufen, die mehr als 30 Prozent ihrer Umsätze mit Kohle machen. Zuvor haben Großbritannien und Österreich den Ausstieg aus der Kohleverbrennung angekündigt. Und für diese moribunde Energieform sollen Menschen ihr Zuhause aufgeben? Braunkohletagebau ist nicht nur ein Klimakiller – in der Lausitz ist er zudem zutiefst unsozial und kurzsichtig.

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