Netzausbau und intelligente Netze

Intelligente Stromnetze, die Verbrauch und Erzeugung aufeinander abstimmen, sind der Schlüssel zu einer sicheren Stromversorgung durch Erneuerbare Energien. Außerdem ist die Netzinfrastruktur ein wesentlicher Faktor für den Erfolg der Energiewende. Das zeigt Greenpeace mit dem Report "Battle of the Grids" – "Die Schlacht ums Stromnetz".
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Unwirtschaftlich und rückständig sind die Stromnetze für den europäischen Kontinent bisher. Sogenannte Brückentechnologie wie Atom- oder Kohlekraft verteuert den Einsatz der Erneuerbaren massiv. Die gute Nachricht: Bis zum Jahr 2050 können für Europa über 95 Prozent Strom aus Erneuerbaren Energien erzeugt werden. „Battle of the Grids“ ist eine Anleitung für den europäischen Systemwechsel. Die Netzintegration von 68 Prozent Erneuerbaren Energien in Europa ist sogar bereits bis 2030 wirtschaftlich und technisch möglich. Dieser erste Schritt erfordert eine Investition von 100 Milliarden Euro bis 2030 in neue Netze – das ist gerade mal ein Prozent mehr als bisher.

"Die Regierungen der EU-Länder - allen voran Deutschland - müssen sich für einen Systemwechsel entscheiden, ähnlich wie er in der Kommunikationstechnik von analog auf digitale Übertragung bereits vor Jahren vollzogen wurde", sagt Sven Teske, Diplomingenieur und Energieexperte von Greenpeace International. "Ein vollständiges Umsteigen auf Erneuerbare Energien mit flexiblen Solar- und Windkraftwerken birgt keinen Platz für sogenannte Grundlast-Kraftwerke, also starre Kohle- und Atomkraftwerke."

Kostenfaktor Atomkraft

Atomkraftwerke sind nicht ohne Weiteres steuerbar, ihre Energieerzeugung lässt sich nicht nach Bedarf herunterregeln. Der Strom ist da, auch wenn er eigentlich nicht gebraucht wird. Das heißt, damit der produzierte Atomstrom durch die Leitungen fließen kann, müssen oftmals Windkraftwerke und Solaranlagen stillstehen. Der Atomstrom verstopft damit regelmäßig die Netze für nachhaltig erzeugte Energie.

Um die Atomkraft und den Klimakiller Kohle vom europäischen Energiemarkt zu verbannen, muss in den Mitgliedsstaaten ein politischer Rahmen geschaffen werden. Der Atomausstieg ist ein Anfang. Ein Ende der Kohle ist jedoch ebenfalls dringend erforderlich, denn Kohlekraftwerke tragen massiv zur Klimaerwärmung bei. Wie dies bis 2030 zu schaffen ist, zeigt Greenpeace mit dem Abschaltplan für Kohlekraftwerke (PDF s. unten).

Lösungen

Der Greenpeace-Bericht "Battle of the Grids" führt die beiden Studien Energy [R]Evolution und Renewables 24/7 fort. Greenpeace hat dafür gemeinsam mit dem technischen Institut Energynautics zwei Netzausbau-Szenarien erarbeitet und stellt fest: Das Optimum liegt zwischen beiden Optionen.

Wie? Vorteil? Nachteil?
Low Grid Hoher Anteil dezentrale Energien, wenig Solarstrom-Import aus Nordafrika Geringere Netzkosten Höhere Stromerzeugungskosten
High Grid Hoher Anteil an Solarstrom-Importen aus Nordafrika Geringere Stromerzeugungskosten Höhere Netzkosten

Die Netzinfrastruktur ist ein Schlüsselfaktor beim Systemwechsel und erfordert mehr Innovation beim Netzausbau. Greenpeace schlägt vor, entlang von Bahntrassen oder Autobahnen Stromkabel zu legen. Diese Maßnahmen stoßen auf deutlich weniger Widerstand aus der Bevölkerung und ermöglichen ein höheres Ausbautempo.

Die Stromnetze der Zukunft müssen ein höheres Maß an Flexibilität bieten, als die jetzigen Netze. Sie müssen "intelligent" den Verbrauch und die Erzeugung aufeinander abstimmen.

Kleine dezentrale Energieerzeuger wie Solaranlagen auf Häusern lassen sich so sicher und effizient mit Großprojekten wie Offshore-Windanlagen und Wüstenstrom aus Afrika vereinbaren.

"Das Stromnetz der Zukunft hilft beim Klimaschutz", sagt Sven Teske. "Die Technik ist heute schon verfügbar und die Lüge von der Stromlücke ein Märchen der Energiekonzerne. Um Solaranlagen auf Häusern, Offshore-Wind in der Nordsee und Wüstenstrom für Europa zu einer sicheren, CO2-freien Stromversorgung zu kombinieren, muss das EU-weite Stromnetz nur um rund vier Prozent ausgebaut werden. Dafür wären wir zukünftig von Kohle-, Gas- und Uranimporten unabhängig." Schon heute stehen dafür zahlreiche Maßnahmen wie die Laststeuerung, verbesserte Wettervorhersagen und Energiespeichermethoden zur Verfügung.

Laut der Greenpeace-Studie "Renewables 24/7" können intelligente Netze auch selten auftretende Extremwettersituationen mit sehr hoher Wind- oder Sonnenintensität bei geringem Verbrauch (Sommer) oder wenig Sonne und Wind bei hohem Verbrauch (Winter) meistern.

Bundesregierung muss unabhängige Netz-AG gründen

Die verschiedenen Netztypen wie Mikro-Grids (z.B. Siedlungsnetze) und Super-Grids (Überlandverbindungen) müssen harmonisch kombiniert werden, damit ein ständiger Systemausgleich stattfinden kann. EU-weit müssen etwa 6.000 Kilometer neue Kabel und zwischen Europa und Afrika weitere 6.000 Kilometer Kabel verlegt werden. Rund 10.000 Kilometer Kabel müssen in Europa technisch aufgerüstet werden.

Der Ausbau der Netze geht bisher insgesamt zu langsam voran. Zahlen und Berechnungen sind nicht überprüfbar. Dies birgt Gefahren: Die Bürger stehen bislang hinter dem Projekt, 61 Prozent der Bevölkerung sind für die Energiewende und wären bereit, mehr für Strom zu zahlen. Beim Bau der Trassen gibt es jedoch Gegenwehr. Um die Bürger auch beim Netzausbau mit ins Boot zu holen, muss beispielsweise klar sein, wo genau welche Trassen verlegt werden. Der Stromnetzausbau muss für jedermann transparent sein, was bislang nicht der Fall ist.

Die Modernisierung der Stromnetze verlangt Investitionen bis 2050 von insgesamt rund 209 Milliarden Euro, das sind jährlich rund 5 Milliarden Euro. Umgelegt auf den Strompreis bedeutet dies Mehrkosten von 0,15 Cent pro Kilowattstunde, also weniger als 1 Prozent.

"Die deutsche Regierung muss für den weiteren Ausbau Erneuerbarer Energien dringend den Netzumbau beschleunigen", sagt Andree Böhling, Energieexperte von Greenpeace Deutschland. "Zudem müssen die Übertragungsnetze in eine unabhängige Netz AG mit staatlicher Beteiligung überführt werden, um die Blockaden der Energiekonzerne aufzulösen."

Stand: 10/2012

Studie: Kohleausstiegsgesetz

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