Polen setzt weiter auf Kohle

Grenzüberschreitend dagegen

Während der deutsche Kohleausstieg näher rückt, steuert Polen eine schwarzbraune Energiezukunft. Doch darin flammt just ein Funken Hoffnung auf.

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Die europäische Energiewende endet im Osten sehr abrupt an Oder und Neiße. Polen hat bislang weit weniger für die Erneuerbaren übrig als für seine immensen Kohlevorkommen. Gut 90 Prozent seines Energiebedarfs deckt das Land bis heute mit klimaschädlichen Kohlekraftwerken. Und geht es nach den Plänen der Regierung, soll sich daran so schnell nichts grundlegend ändern.

Ausgerechnet wenige Kilometer östlich des immer unwahrscheinlicher werdenden geplanten deutschen Tagebaus Jänschwalde Nord, bei Gubin, will der halbstaatliche polnische Energiekonzern PGE eine riesige neue Braunkohlegrube ausheben. Zwischen 2030 und 2078 würden dort jährlich 17 Millionen Tonnen Braunkohle ausgebaggert und in einem noch zu bauenden Kraftwerk verbrannt werden – mit allen bekannten fatalen Umwelt- und Klimafolgen.

Der Widerstand ist schon jetzt grenzüberschreitend. Mehr als 1000 Einwendungen gegen den geplanten Tagebau wurden Anfang Januar bei der zuständigen polnischen Regionaldirektion eingereicht. Die Argumente der hauptsächlich aus der deutsch-polnischen Grenzregion stammenden Gegner reichen dabei von den Klimaschäden durch die CO2-intensive Kohleverbrennung über die mehr als 2000 Umsiedlungen, die durch das Vorhaben drohen, bis zu Gebäudeschäden durch das langfristige Absenken des Grundwassers.

Kohlekraftwerk gestoppt

Andernorts sind auch Erfolge zu verzeichnen. Etwa im nordpolnischen Pommern. Nach jahrelangem Protest von Anwohner und Umweltorganisationen, darunter auch Greenpeace, hat die Regionalregierung dort gerade das riesige Steinkohlekraftwerk Pólnoc gestoppt. Ende Dezember ist dem Meiler, mit einer Kapazität von 1,6 Megawatt etwa so groß wie Vattenfalls Kohlekoloss Moorburg bei Hamburg, die Baugenehmigung entzogen worden. Begründung: Die Öffentlichkeit sei nicht ausreichend an der Genehmigung beteiligt gewesen, und wichtige Informationen seien vernachlässigt worden. Die Baugenehmigung für das Kraftwerk, das jährlich etwa 13 Millionen Tonnen CO2 ausstoßen würde, muss nun völlig neu aufgerollt werden. Dadurch ist der Bau grundsätzlich in Frage gestellt.

Denn in den kommenden Jahren sollte die Notwendigkeit einer Energiewende auch in Polen ankommen. Schon im vergangenen heißen und trockenen Sommer musste das Kohleland Polen seine Industrieproduktion aus Strommangel drosseln. Bei besten Bedingungen für Solarenergie war der Wasserstand in vielen polnischen Flüssen so niedrig, dass sie die Kohlekraftwerke des Landes nicht mehr ausreichend kühlen konnten. Europas größtes Kohlekraftwerk Belchatów musste mehrere Tage abgeschaltet werden.

In Deutschland ist man inzwischen weiter. Die Notwendigkeit eines Kohleausstiegs setzt sich immer weiter durch. Kaum vier Wochen ist es her, dass in Paris 195 Staaten ein Klimaabkommen unterzeichnet haben, das in der Konsequenz das Ende der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas bis spätestens zur Mitte des Jahrhunderts festschreibt. Nun legt die Denkfabrik Agora, immerhin eine der maßgeblichsten Berater der Bundesregierung in Sachen Energiepolitik, ein Papier vor, nachdem das letzte deutsche Kohlekraftwerk im Jahr 2040 vom Netz gehen würde. „Deutschland kann nicht Energiewendeland sein und Kohleland bleiben“, rechtfertigt Agora-Chef Patrick Graichen den Vorschlag in einem Interview.

Hoffnung für Hunderte

Eine Einsicht, die den geplanten Verkauf von Vattenfalls Braunkohlegeschäft in der Lausitz nicht leichter macht. Seit mehr als einem Jahr suchen die Schweden nun einen Käufer, doch die nach wie vor unsichere Zukunft der Braunkohle zusammen mit den immensen Kosten für die Rekultivierung der Tagebaue lässt das Geschäft immer unattraktiver werden. Rechnet man die langwierigen Folgekosten und die klimapolitische Notwendigkeit eines Kohleausstiegs mit ein, muss Vattenfall für die Sparte sogar kräftig drauflegen, wie Greenpeace errechnet hat.

All das lässt Hunderte von Menschen in der Lausitz wieder hoffen, dass sie in den kommenden Jahren und Jahrzehnten doch nicht den Schaufelradbaggern weichen müssen. Das Klimaabkommen von Paris und weitere Braunkohletagebaue vertragen sich etwa so gut wie Nacktschnecken und Salz. Es wäre eine tragische Volte in der Geschichte der Lausitz, wenn der deutsche Teil der Region erst vor neuen Tagebauen verschont wird, nur damit dann im polnischen Teil eine umso größere Kohlegrube genehmigt wird. 

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