Report zeigt: Kohleindustrie drohen Milliardenverluste

Geld durch den Schornstein

Unbeirrt von Klimabeschlüssen und Marktprognosen plant die Kohleindustrie weltweit Hunderte weiterer Kraftwerke. Nur ein Bruchteil davon wird je Geld einspielen, so ein neuer Report.

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Nicht lange ist es her, da boten Kraftwerkseröffnungen die perfekte Bebilderung für die fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Energiekonzernen und Politik. Zufriedene Manager und lächelnde Volksvertreter drückten vereint in bester Laune auf rote Knöpfe und zeigten so, wie ihre gemeinsamen Anstrengungen das Land voranbringen.

Als Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz jedoch vergangenen November den Knopf für das Kohlekraftwerk Moorburg drückte, war die Stimmung eher gedämpft. Elf Jahre nach Planungsbeginn hatte Betreiber Vattenfall nicht nur gut eine der drei Milliarden abgeschrieben, die der Bau gekostet hatte. Dem schwedischen Staatskonzern schien auch jede Hoffnung abhandengekommen, mit dem Kohle-Koloss jemals Geld zu verdienen. Mit dieser Sorge darf Vattenfall sich in bester und internationaler Gesellschaft wähnen – das zeigt der heute veröffentlichte „Boom and Bust“-Report der Umweltschutzorganisationen Greenpeace, Sierra Club und Coalswarm. 

Enormer Zubau – trotz sinkenden Profits

Auf 1500 addiert sich die Zahl der weltweit geplanten und schon in Bau befindlichen Kohlekraftwerke. Das entspricht Investitionen von annähernd einer Billiarde Dollar. Im vergangenen Jahr kamen sogar mehr Projekte hinzu als 2014.

Warum dieser enorme und sogar wachsende Zubau mindestens erstaunlich ist? Weil der weltweite Kohleverbrauch 2015 gesunken ist – im zweiten Jahr in Folge. Und weil die Auslastung und damit die Profitabilität von Kohlekraftwerken in Europa und den USA, aber auch in China und Indien zusehends sinkt. Wachsende Überkapazitäten lassen die Auslastung künftig weiter schrumpfen. In China etwa laufen Kohlekraftwerke inzwischen nicht einmal mehr die Hälfte des Jahres. 

Milliardenverluste sind programmiert

Diese Ergebnisse des „Boom and Bust“-Reports zeigen, dass die Kohleindustrie und ihre Investoren eine Wette auf eine Energiezukunft abgeschlossen haben, die es nicht mehr geben wird. Sie haben eine gigantische Kohleblase aufgepumpt, deren Platzen Milliardenverluste offenbaren wird.

Dass die Luft schon jetzt entweicht, zeigen die Bilanzen von RWE, E.on und Vattenfall: Quartal für Quartal müssen die Konzerne hohe Summen auf ihre konventionellen Kraftwerke abschreiben. Die Anlagen werden längst nicht mehr einspielen, was die ursprünglichen Businesspläne prognostiziert hatten. Auch deshalb die verhaltene Stimmung zur Moorburg-Einweihung.

Akzeptanz für Kohle sinkt

Der konträr zu den Neubauplänen sinkende Kohleverbrauch hat auch ökologische Ursachen. In vielen Städten Chinas ist die Luft durch Kohleverbrennung seit Jahren so schlecht, dass die Bevölkerung die Geduld mit der Partei verliert. Und auch in Europa und den USA akzeptieren immer weniger Menschen, dass Kohlekraftwerke große Mengen giftiger Schadstoffe wie Quecksilber, Feinstaub und Stickoxide ausstoßen. Schon heute verursachen Kohlekraftwerke weltweit 800.000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr. Werden alle Neubaupläne umgesetzt, würde diese Zahl um 130.000 steigen.

Spätestens das Pariser Klimaabkommen mit seinen ehrgeizigen Zielen hat im vergangenen Dezember das Ende des Kohlezeitalters besiegelt. Auch ohne weitere Neubauten stoßen die existierenden Kohlekraftwerke 150 Prozent mehr Treibhausgase aus, als sie dürften, um den Temperaturanstieg unter zwei Grad zu begrenzen. Mit der Verschärfung des Temperaturziels auf deutlich unter zwei Grad, wenn möglich sogar 1,5 Grad ist offensichtlich, dass kein einziges heute gebautes Kohlekraftwerk wie geplant 40 Jahre am Netz bleiben kann.

Es ist die Relation, die die geplanten Investitionen in weitere Kohlekraftwerke vollends ins Absurde kippen lässt. Denn die Baukosten belaufen sich auf insgesamt 981 Milliarden Dollar. Nach Schätzungen der eher konservativen Internationalen Energieagentur (IEA) übertrifft diese Summe bei weitem jene, die nötig wäre, um die derzeit 1,2 Milliarden Menschen ohne Zugang zu Elektrizität mit Strom aus Erneuerbaren Energien zu versorgen. 

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