Ein Artikel von Rahel Osterwalder
Greenpeace-Aktivisten auf der Weser

Proteste gegen Plutonium-Transport

Am Sonntagnachmittag protestierten rund 50 Greenpeace-Aktivisten mit zwölf Schlauchbooten und einem Flying Dinghy (fliegendes Schlauchboot) auf der Weser vor Nordenham gegen den Transport plutoniumhaltiger MOX-Brennstäbe. Die Brennstäbe kommen aus dem englischen Atomkomplex Sellafield in Cumbrien an der Irischen See und werden in das deutsche Atomkraftwerk Grohnde geliefert.

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Atomgeschäfte von E.on stoppen fordern die Aktivisten mit Bannern. Die Schlauchboote umkreisen den Atomfrachter Atlantic Osprey während er im Hafen in Nordenham festmacht. Die Lieferung der acht Mischoxid-Brennstäbe ist der erste von zwei für diesen Herbst vorgesehenen Transporten aus der atomaren Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield an den E.on-Konzern.

Insgesamt erhält E.on 16 plutoniumhaltige Brennstäbe für sein Atomkraftwerk in Grohnde. Aus dem Hafen in Nordenham sollten zwei Spezial-Lastwagen die Brennelemente nach Grohnde bringen. Auf dem Weg dahin musste der MOX-Konvoi spätabends noch kurz anhalten. Zwölf Greenpeace-Aktivisten hatten sich an ein Brückengeländer gekettet und den Transporter zum Stehen gebracht.

Gefährliche Mischoxid-Brennstäbe

Während des Spaltprozesses in einem Atomreaktor wandelt sich rund ein Prozent des Kernbrennstoffs in Plutonium um. Rund fünf Kilogramm des atomwaffenfähigen Materials reichen aus, um eine Atombombe zu bauen. Mit einem kleinen Teil des gewonnenen Plutoniums werden sogenannte Mischoxid-Brennelemente (MOX) produziert, die in einem normalen Atomkraftwerk als Brennstoff eingesetzt werden können.

Der Einsatz dieser plutoniumhaltigen Brennstäbe ist hochgefährlich, sagt Heinz Smital, Atomphysiker und Experte von Greenpeace. Ein schwerer Atomunfall ist mit diesen Brennelementen wahrscheinlicher und hätte schlimme Auswirkungen für die Menschen. Die MOX-Brennelemente aus der skandalträchtigen Atomanlage in Sellafield sollten nach den Erfahrungen in Fukushima als Atommüll entsorgt werden.

Grohnde erhält Kehricht einer schrotten Industrieanlage

Die Plutoniumfabrik in Sellafield kämpft seit ihrer Inbetriebnahme vor neun Jahren mit enormen technischen Problemen. Die Anlage sollte ursprünglich 120 Tonnen MOX-Brennelemente im Jahr aus der Wiederaufarbeitung von Atommüll produzieren. Erreicht hat Sellafield aber mit einer Gesamtproduktion von 13 Tonnen nur rund ein Zehntel der ursprünglich geplanten Jahresleistung. Nach dem Atomdesaster in Fukushima beschloss die britische Regierung schließlich, die Skandal-Anlage endgültig stillzulegen.

Es ist zu befürchten, dass diese Brennstäbe aus Sellafield schadhaft sind, warnt Smital. Die Plutoniumfabrik ist geschlossen und für die Qualität der Brennelemente gibt es keine Gewähr. Was jetzt von dort kommt, ist der Kehricht einer schrotten Industrieanlage. Hinzu kommt: Für defekte Brennstäbe gibt es derzeit keine Entsorgungslösung. Die für hochradioaktiven Atommüll normalerweise genutzten Castorbehälter sind für schadhafte Brennelemente nicht zugelassen.

Sellafield mit großen technischen Problemen

Immer wieder kam es in den vergangenen Jahren im englischen Atomkomplex Sellafield zu skandalösen Zwischenfällen mit unabsehbaren Folgen für die Umwelt. So setzte beispielsweise 2001 in den Lagertanks für hochaktive Lösungen die Lüftung aus. In den Tanks bildete sich explosiver Wasserstoff. Die Betriebsmannschaft reagierte zweieinhalb Stunden lang nicht auf das Alarmsignal.

Die Wiederaufarbeitung von Atommüll hat zudem schwerwiegende Folgen. Radioaktive Abwässer werden bedenkenlos in die Irische See geleitet. Über die Meeresströmungen verteilt sich die strahlende Last bis in die Deutsche Bucht und die Ostsee. Wissenschaftler wiesen die Strahlung sogar in der kanadischen Arktis und vor der Küste Sibiriens nach.

Ein Vergleich von Bodenproben belegt, dass die Umgebung um die Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield vergleichbar stark radioaktiv belastet ist wie die 30 Kilometer-Sperrzone um den Katastrophenreaktor von Tschernobyl (Stand 2005).

E.on setzt weiterhin auf veraltete Atomtechnik

Trotz vergangener Atomkatastrophen und deren fatalen Folgen, setzt E.on als größter privater Energiekonzern weltweit immer noch stark auf hochgefährliche, teure und längst veraltete Atomtechnik. Als letzter deutscher Atomkonzern betreibt E.on auch weiterhin den Bau von AKWs, wie im nordfinnischen Pyhäjoki. Dort kämpft das Unternehmen mit massiven Verzögerungen und Finanzierungsproblemen.

Die Atomgeschäfte von E.on müssen aufhören, sagt Smital. Vorstand Johannes Teyssen muss endlich aufwachen. Die Zukunft liegt in den Erneuerbaren Energien. Wir brauchen keine Atomkraft mehr, die Menschen wollen sie nicht.