Seit 40 Jahren wehrt sich das Wendland gegen Atomkraft

Finger weg von Gorleben

Seit 40 Jahren versucht die Regierung, aus Gorleben das Atomklo der Nation zu machen. Doch die Region wehrt sich. Schon genauso lange. Ein Rückblick.

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Heute wird in Gorleben im Wendland wieder getanzt, gesungen und gelacht. Von Dannenberg und Lüchow aus starten Treckerkonvois Richtung Zwischenlager. Manche der mitlaufenden Demonstranten schieben Schubkarren vor sich her, denn den 40. Jahrestag zum Widerstand gegen atomare Entsorgung vor ihrer Haustüre widmen die Atomkraftgegner lieber dem Rückbau, statt der Rückschau. In der Trebeler Bauernstube wird gekocht und gebrutzelt, denn „ohne Mampf kein Kampf“. So lässt sich der Protest aushalten, so macht Widerstand Spaß. Und das muss er auch. Sonst hält ihn ja keiner 40 Jahre durch.

So lange ist es nämlich her, dass der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) auf die Idee kam, das idyllische Elbdorf Gorleben als Lager für den gefährlichsten Müll der Menschheit – den Atommüll – nutzen zu können. Am 22. Februar 1977 benannte er Gorleben zum Standort für ein Nukleares Entsorgungszentrum. Neben einer Wiederaufarbeitungsanlage (WAA), einem Zwischenlager und einer Anlage zur endlagerfähigen Verpackung von hochradioaktiven Abfällen sollte unter dem Betriebsgelände im Gorlebener Salzstock das Endlager für hochradioaktive Abfälle gebaut werden. Doch er hatte nicht mit den Leuten der Region gerechnet. Die wollten nämlich nicht zum Atomklo der Nation werden. Und dagegen wehren sie sich nun seit 40 Jahren.

Wie Kai aus der Kiste: Doch wieder Gorleben?

Heute geht es auch wieder genau darum. Denn bald wird es ernst mit dem Standortauswahlgesetz. Bis zum 31. März 2017 sollen auf Grundlage eines Kommissionsberichts die Suchkriterien fest gelegt werden, nach denen – angeblich in ganz Deutschland und ohne Vorfestlegung auf bestimmte Standorte – nach einer tiefengeologischen Gesteinsschicht gesucht wird, in dem Atommüll tausende von Jahren sicher lagern kann. Leider wurden Alternativen gar nicht erst untersucht, wie etwa ob eine oberflächennahe Unterbringung auf lange Sicht nicht doch viel sinnvoller ist.

Auch ist dieses Auswahlverfahren überhaupt nicht so ergebnissoffen, wie Politiker gern behaupten. Denn Gorleben ist der einzige Standort, der bereits gebaut ist. 1,3 Milliarden Euro wurden hier schon investiert. Zwar sind sich führende Wissenschaftler einig, dass das Salz von Gorleben für eine sichere Einlagerung ungeeignet ist – weil es Kontakt zum Grundwasser hat, da das Deckgebirge an einer Stelle fehlt – aber er wird als mögliches Endlager einfach nicht ausgeschlossen. Und deswegen fürchten die Demonstranten im Wendland, dass am Ende aller Suche doch wieder – oh Wunder, wie Kai aus der Kiste – Gorleben als angeblich bester Standort übrig bleiben könnte.

Symbol der Anti-AKW-Bewegung

Dass die Menschen in Gorleben sich massiv gegen den Atommüll wehren, hat Geschichte. Schon 1977 brauchte es nur wenige Tage, bis sich nach der Standortbenennung im Wendland am 2. März die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg gründete. Mit dabei: Marianne Fritzen aus Lüchow, eine Ikone der Anti-AKW-Bewegung und Lilo Wollny, Hausfrau aus Vietze und Anfang der 80er eine der ersten Bundestagsabgeordneten der Grünen. Zwei Wochen später demonstrierten auf der Waldbrandfläche im Gorleben-Gartower Forst auf der ersten Großkundgebung bereits 16.000 Menschen aus ganz Deutschland. Eine Wiederaufarbeitungsanlage in Gorleben konnten die Menschen verhindern. Aber ein oberirdisches Zwischenlager sowie ein zwar noch nicht genutztes, aber theoretisch nutzbares Endlager im Salzstock unter Gorleben wurden gebaut. Seit den 80er Jahren wird nun Atommüll ins Zwischenlager gebracht. Erst nur leicht- und mittelradioaktiver. Doch seit 1995 auch Castorbehälter mit hochgradig strahlendem Atommüll – mit abgebrannten Brennelementen aus deutschen AKW und hochgradig strahlenden Resten aus den Wiederaufarbeitungsanlagen in Sellafield und La Hague.

Mit Sicherheit nicht sicher

Seit 40 Jahren ist Gorleben nun eins der Symbole für den Widerstand gegen Atomkraft in der Bundesrepublik. Immer wieder hat die Auseinandersetzung um die Atomfrage Zehntausende  Menschen auf die Beine und ins Wendland gebracht. Die Demonstranten kommen aus allen Bevölkerungs- und Altersschichten. Bauern, Schüler, Banker, Rentner – vereint in ihrer Überzeugung, dass Atomkraft ein gefährlicher Irrtum und Gorleben mit Sicherheit kein sicheres Endlager ist.

Immer wieder in den 40 Jahren Widerstand kam es zu beeindruckenden Großdemonstrationen wie 1979 dem Treck aus 300 Traktoren nach Hannover, dem Hüttendorf „Republik Freies Wendland“ 1980 oder den Protesten zu den insgesamt 13 Castortransporten. Zusammengerechnet haben schätzungsweise eine halbe Million Menschen über die Jahrzehnte im Wendland für ihre Überzeugung tagelang in der Kälte ausgeharrt, sich verprügeln und einsperren lassen. Regelmäßig führten die Demonstrationen zu den größten Polizeieinsätzen in der deutschen Nachkriegsgeschichte: Insgesamt dürften etwa 500.000 Polizisten nötig gewesen sein, um in Gorleben eine Politik durchzuknüppeln, die am Menschen vorbei geht. 

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