Zwischenfälle in belgischen Atomkraftwerken

Ärger mit Ansage

Pannenserie in Belgiens Atommeilern: Die Probleme in den Kraftwerken Tihange und Doel beunruhigen ganz Europa. Greenpeace warnt seit Jahren vor den Sicherheitsrisiken.

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UPDATE 03.02.2016: Die Städteregion Aachen will sich am Klageverfahren gegen das belgische Atomkraftwerk „Tihange“ beteiligen und die bestehende Klage von Greenpeace Belgien gegen die Laufzeitverlängerung von „Tihange 1“ unterstützen. Die Klage der Städteregion wird sich gegen die Wiederinbetriebnahme des Reaktorblocks „Tihange 2“ richten, der durch tausende Risse beschädigt ist. Greenpeace Belgien will Aachen im Gegenzug bei der Klage gegen "Tihange 2" unterstützen. Bis zum 8. Februar 2016 soll die Klage spätestens eingereicht werden. Nach der Region Aachen fordert nun auch die Stadt Köln die sofortige und endgültige Stilllegung der umstrittenen belgischen Atomkraftwerke Doel 3 und Tihange 2. Der Stadtrat beschloss einstimmig, diesbezüglich an Belgien zu appellieren. Für den nuklearen Ernstfall müsse ein länderübergreifendes Katastrophenschutzkonzept und ein bilaterales Abkommen erarbeitet werden. 

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08.01.2016: Um den Jahreswechsel herum sorgten zwei Atomkraftwerke in Belgien zum wiederholten Mal für Probleme: Im Kraftwerk Tihange, 70 Kilometer westlich von Aachen, brannte es im Dezember, ein Reaktor in Doel bei Antwerpen schaltete sich am 2. Januar selbst ab, nachdem er erst drei Tage zuvor wieder angefahren worden war. Am ersten Weihnachtstag war bereits einer der Reaktoren in Doel wegen eines Wasserlecks abgeschaltet worden.

Seit Jahren warnt Greenpeace vor den Sicherheitsrisiken gerade dieser beiden Kraftwerke, deren Reaktoren Jahrzehnte auf dem Buckel haben: Die größten Sorgenkinder, die Reaktoren Tihange 1, Doel 1 und 2, stammen aus dem Jahr 1975, die ebenfalls bedenklichen neueren Reaktoren – Tihange 2 und 3 sowie Doel 3 und 4 – wurden in den Achtzigern gebaut. Die jüngsten Ereignisse bestätigen den miserablen Ruf der Anlagen.

Es gibt mehrere gute Gründe, die Kraftwerke sofort abzuschalten, unter anderem:

  • In die Uraltmeiler wird nicht angemessen investiert. Doel 1 und 2 hätten 2015 abgeschaltet werden sollen, nun dürfen sie noch 10 Jahre weiter laufen. Die von Belgien beschlossene Laufzeitverlängerung für seine alten Reaktoren ist unverantwortlich.
     
  • Sowohl Doel 3 als auch Tihange 2 weisen Risse in den Reaktordruckbehältern auf – den Herzstücken der Reaktoren. Ein Versagen an dieser Stelle hätte katastrophale Folgen.
     
  • Die Reaktoren sind nicht ausreichend gegen Angriffe geschützt. Besonders beunruhigend ist ein Sabotagefall aus dem August 2014: Unbekannte drangen in die Turbinenhalle von Doel 4 ein und beschädigten die Anlage dort stark. Dabei gingen sie professionell und kenntnisreich vor. Man muss daher davon ausgehen, dass es sich bei den Tätern um Angestellte des Kraftwerks handelt. In einer solchen Situation darf eine gefährliche Atomanlage keinesfalls in Betrieb bleiben.

In der Greenpeace-Überprüfung eines EU-Stresstests, die sich mehrere europäische Atomkraftwerke vornahm, schnitten 2012 weder Doel noch Tihange gut ab. Zu den nach wie vor bestehenden Kritikpunkten gehören in Doel fehlender Erdbeben- und Hochwasserschutz, sowie das Fehlen eines gefilterten Entlüftungssystems, das im Notfall den Austritt von Radioaktivität verhindert – in vielen Ländern sind solche Systeme für Atomkraftwerke seit Jahrzehnten Standard.

Folgen eines Unfalls trüge ganz Europa

Bei einem Reaktorunglück in Doel wäre die nächstgelegene Stadt Antwerpen unmittelbar betroffen, eine schnelle Evakuierung wäre nahezu unmöglich. Ein Unfall hätte auch eine schwerwiegende radioaktive Belastung für Deutschland und den Rest Europas zur Folge, wie eine Simulation zeigt. Je nach Wetterbedingungen würden bei einem Atomunfall in Reaktor Doel 1 sogar weite Teile von Polen und darüber hinaus kontaminiert. Ganze Regionen Deutschlands könnten unbewohnbar werden.

Ausbreitungsberechnungen anhand realer Wetterdaten aus dem Archiv. Nach Strahlenschutzverordnung gilt ein Gebiet mit einer Belastung von 1 Becquerel (Cäsium-137)  pro Quadratzentimeter als kontaminiertes Gebiet. (Alles was gelb und darüber ist, ist bereits erheblich kontaminiert.)

Die Greenpeace-Empfehlung lautet darum, Doel 1 und 2 ohne Wenn und Aber abzuschalten – was im Februar 2015 nach 40 Jahren Laufzeit endlich geschah, wenn auch nur vorläufig. Am 30. Dezember gingen die Reaktoren wieder ans Netz. 

In Tihange sieht es nicht besser aus. Auch hier entspricht der Hochwasserschutz nicht den Sicherheitsanforderungen, außerdem ist das Atomkraftwerk genau wie Doel nicht gegen die Folgen eines Flugzeugabsturzes gesichert. Ein Unfall könnte sowohl in Tihange als auch in Doel kaum beherrschbare Folgen haben, die ganz Europa träfen. Auch im Fall von Tihange rät Greenpeace zur umgehenden Abschaltung.

Hohes Risiko für wenig Energie

Zudem ist das von den belgischen Atomkraftwerken ausgehende Risiko völlig unverhältnismäßig hinsichtlich ihrer tatsächlichen Stromerzeugung: In Doel 1 liegt sie bei etwa drei Terawattstunden pro Jahr, alle Atomkraftwerke Belgiens kommen zusammen lediglich auf rund 30. Zum Vergleich: Soviel Strom produzierte in Deutschland alleine der Zuwachs an Erneuerbaren Energien im Jahr 2015 – von 162,5 im Jahr 2014 auf 194,1 Terawattstunden.

Die Einschätzung der belgischen Regierung, die Kraftwerke seien für die Stromversorgung des Landes notwendig, teilt nicht einmal der Netzbetreiber Elia. Aus einem Bericht, den der Konzern im Sommer veröffentlichte, geht hervor: Belgien hat keine Energieknappheit zu befürchten, selbst wenn die drei ältesten Reaktoren außer Betrieb blieben und Doel 3 und Tihange 2 – die Meiler mit den mangelhaften Reaktordruckbehältern – vom Netz gingen.

Die in der Presse als „Schrottmeiler“ und „Pannenreaktoren“ bezeichneten Kraftwerke sind also nicht bloß gefährlich – sie sind für die Energieversorgung des europäischen Nachbarn auch noch absolut verzichtbar. Die jüngsten Zwischenfälle fanden zwar in nicht-nuklearen Bereichen der Kraftwerke statt – Vertrauen hinsichtlich Sicherheitsstandards, Betriebsführung und Bausubstanz der Meiler wecken die Nachrichten aus Belgien allerdings nicht.

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