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Fukushima: Die Katastrophe setzt sich fort

Ein neues Leck am Kernkraftwerk Fukushima verseucht die Umwelt deutlich schlimmer als bisher angenommen. Mit 300 Tonnen ausgelaufenem radioaktiven Wasser ist es der bisher größte Störfall seit der Katastrophe vom März 2011.

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Einer von hunderten Tanks auf dem AKW-Gelände, die zur Aufbewahrung des Kühlwassers dienen, ist leck geschlagen. Hatte Tepco, der Betreiber des Atomkraftwerks, anfangs noch 120 Liter ausgelaufenes Wasser gemeldet, musste er am Mittwoch seine Aussage berichtigen: Die 2.500-fache Menge radioaktiv verseuchtes Wasser war aus dem Leck getreten. "Wie viel Inkompetenz und Vertuschung von Tepco toleriert die japanische Regierung noch?", kommentiert Heinz Smital, Atomexperte bei Greenpeace, die Fehlinformation.

Mit 100 Millisievert pro Stunde (mSv/h) ist die Strahlung nahe der entstandenen Wasserlachen extrem hoch. Innerhalb einer Stunde bekäme man den fünffachen Jahresgrenzwert eines AKW-Mitarbeiters ab. Die internationale Atomaufsichtsbehörde stufte den Vorfall am Mittwoch (21. August) von Stufe 1 ("Anomalität") auf Stufe 3 ("ernster Zwischenfall") der internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (Ines) hoch.

Ist das radioaktive Wasser erst einmal ausgetreten, ist es sehr viel schwieriger, die Situation wieder unter Kontrolle zu bekommen. "Es stellt sich die Frage, warum die Tanks mit je 1.000 Tonnen stark radioaktivem Wasser nicht besser überwacht worden sind", sagt Heinz Smital. "Durch die Schlamperei und Verharmlosung werden die Kraftwerksarbeiter einer viel höheren und vermeidbaren Strahlendosis ausgesetzt."

Zusätzlich sickern jeden Tag hunderte Tonnen Grundwasser in die Atomruine und vermischen sich mit dem radioaktiven Wasser. Japans Regierungschef Abe sollte angesichts der Situation nicht versuchen, neue Atomkraftwerke zu verkaufen und die abgeschalteten Atomkraftwerke in Japan wieder zu aktivieren. Stattdessen sollte er die nukleare Kompetenz nutzen, um die fortwährende Nuklearkatastrophe besser in den Griff zu bekommen.

Die Probleme dauern an

Auch zwei Jahre nach der Katastrophe von Fukushima hat der Betreiber Tepco die Situation nicht im Griff. Stattdessen versucht er, die Katastrophe und die seitdem ständig auftretenden Störfälle zu bagatellisieren. Die Aufsichtsbehörden haben schockierend wenig Kontrolle über die Situation vor Ort. Das gilt nicht nur für den aktuellen Vorfall: Beispielsweise haben die Behörden nicht erkannt, dass seit März 2011 wahrscheinlich jeden Tag 300 Tonnen radioaktiv verseuchtes Wasser in den Pazifik fließen.

Am 11. März 2011 war infolge eines Erdbebens und eines Tsunamis das Kühlsystem des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi ausgefallen. Die Folge war eine Kernschmelze in mehreren Reaktoren. Seit der Katastrophe, die als schlimmstes Atomunglück seit Tschernobyl 1986 gilt, müssen die Reaktoren ständig mit Wasser gekühlt werden. Das Wasser wird in Tanks von elf Metern Höhe und zwölf Metern Durchmesser gelagert, um es später aufzubereiten und wiederzuverwenden.

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