Ein Artikel von Beate Steffens
27. Tschernobyl-Gedenktag

Aktuelle Sicherheitsdefizite bei Atomreaktoren nicht ignorieren

Am 26. April 1986 explodierte der Reaktor 4 von Tschernobyl und kontaminierte weite Gebiete in der Ukraine, Weißrussland und Russland. Sieben Millionen Menschen genießen nicht den Luxus, dieses Ereignis vergessen zu können. Alarmierende Krebsraten bei Kindern und Jugendlichen, Missbildungen bei Neugeborenen sind noch heute die Folge der schrecklichen Atomkatastrophe.

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Noch immer ist keine abschließende Lösung in Sicht, den havarierten Reaktor sicher einschließen zu können. Der alte Sarkophag, die provisorische Schutzhülle aus Stahlbeton, die kurz nach dem Unfall errichtet wurde, ist undicht. Ihre Stabilität nur auf 20 bis 30 Jahre ausgelegt. Die Bauarbeiten an einer neuen Konstruktion haben sich immer wieder verzögert.

Oft wurde die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl als singuläres Ereignis dargestellt, eine Verkettung von Pannen und menschlichem Fehlverhalten, das von den Betreibern heutiger Atomkraftwerke praktisch ausgeschlossen wird. Doch war eine der Ursachen für den katastrophalen Unfallverlauf ein schon damals bekannter Konstruktionsfehler des Reaktortyps.

Bei der Schnellabschaltung eines graphitmoderierten Reaktors vom Tschernobyl-Typus steigt die Leistung erst einmal an. Da beim Abschalten des Reaktors das Einfahren der Regelstäbe sehr langsam abläuft, reichte diese Zeit im bereits außer Kontrolle geratenen Reaktor aus, Graphit, Wasser und Steuerstäbe durch den plötzlichen Leistungsanstieg stark überhitzen zu lassen. Damit beeinflusste dieser Konstruktionsmangel den Unfallverlauf maßgeblich.

Es ist sehr typisch und gefährlich in der Atomkraftwerkstechnologie, dass bekannte Schwächen oft jahrelang diskutiert und bearbeitet werden und in der Zwischenzeit die Reaktoren weiter laufen. Auch bei dem 2011 havarierten japanischen AKW Fukushima Daiichi war vorher bekannt, dass Tsunamis auftreten können, die über die Auslegung des Reaktors hinaus gehen. Es wurde aber nichts dagegen unternommen.

Bei vielen europäischen Reaktoren haben die seit 2011 durchgeführten Stress-Tests gravierende Mängel aufgezeigt, ohne dass diese Reaktoren vom Netz genommen worden sind oder die Mängel umgehend behoben wurden. Zwar wurden in den betroffenen Ländern nationale Aktionspläne für Mängelbeseitigungen entwickelt, doch eine aktuelle Analyse im Auftrag von Greenpeace zeigt, dass für viele Reaktoren die Pläne nicht ausreichen, um einen sicheren Weiterbetrieb zu gewährleisten.

Reaktoren mitten in Europa wie die französischen AKW Gravelines sowie Fessenheim und Cattenom nahe der deutschen Grenze oder die belgischen Reaktoren in Doel bei Antwerpen und Tihange nahe Aachen stellen ein deutliches Sicherheitsrisiko dar. Die Analyse kommt zu dem Schluss, dass viele der Reaktoren sofort abgeschaltet werden müssten, um das Risiko eines Reaktorunfalls wie Tschernobyls zu verhindern.

Von Betreiberseite aus werden aber trotz der Kenntnis dieser Mängel nötige Konsequenzen nicht gezogen und Probleme schöngeredet. Beispielsweise sollen nach Meinung der Betreiber die belgischen Reaktoren Tihange 2 und Doel 3 nach längerem Stillstand wieder hochgefahren werden, obwohl Risse im Druckbehälter beider Reaktoren entdeckt wurden. Weder wurde abschließend geklärt, wie die Fehlerstellen entstanden sind, noch welche Auswirkungen sie auf einen Weiterbetrieb haben könnten.

Insgesamt haben Untersuchungen gezeigt, dass schwere Unfälle viel häufiger sind, als von der Atomindustrie oft behauptet. Die Bundesregierung schreibt im Jahr 2010, katastrophale Reaktorunfälle seien "... zwar theoretisch möglich, gleichwohl aber im Hinblick auf die atomrechtlichen Anforderungen als praktisch ausgeschlossen anzusehen".

Sogenannte Probabilistische Risiko-Analysen (PRA), welche die Sicherheit von AKW analysierten, kamen zu dem Ergebnis dass der Zeitabstand zwischen Kernschmelzunfällen in Jahrhunderten zu messen sei, rein rechnerisch und theoretisch seit Tschernobyl also erst einmal lange Zeit nichts hätte passieren dürfen. Doch die Praxis lehrt uns anderes: Tatsächlich passierte  in den letzten 35 Jahren bereits fünf schwere Atomunglücke: Three Mile Island im Jahr 1979, Tschernobyl im Jahr 1986 und die Reaktorblöcke 1, 2 und 3 in Fukushima Daiichi im Jahr 2011. Ein Zufall oder methodische Schwäche der Berechnungen?

Aktuellere Untersuchungen des Max-Planck-Instituts ergaben, dass das Risiko für eine Kernschmelze 200-mal höher ist, als die Schätzungen der US-amerikanischen Zulassungskommission für Kernreaktoren im Jahr 1990 ergaben. Das heißt, dass einmal in 10 bis 20 Jahren mit einer Kernschmelze zu rechnen ist. Auch eine Greenpeace-Studie aus dem Jahr 2012 deckt erhebliche Mängel in der Probabilistischen Risiko-Analyse auf.

Greenpeace fordert daher, die gefährlichsten Reaktoren von Europa sofort abzuschalten und einen schnelleren Ausstieg aus der Atomenergie, um zu handeln, bevor Europa von einer weiteren schweren Atomkatasrophe wie der vor 27 Jahren in Tschernobyl heimgesucht wird.

Publikationen

01.05.2012
104 Seiten
DIN A4
PDF
1,98 MB
2011 wurden bei vielen europäischen Reaktoren Stress-Tests durchgeführt. Dabei wurden erhebliche Mängel festgestellt und dennoch nichts geändert.

Aktuelle Publikationen zum Thema

Die bis dato größte technische Katastrophe in der Geschichte der Menschheit ereignet sich mit dem Super-GAU des AKW Tschernobyl am 26. April 1986 nahe der ukrainischen Kleinstadt Pripjat in der ehemaligen Sowjetunion.
Das Urteil der drei Richter eines Amtsgerichts im Fukui Distrikt macht dem japanischen Energieversorger KEPCO einen Strich durch die Rechnung: KEPCO hatte geplant, die Reaktoren 3 und 4 des Atomkraftwerks Oi wieder ans Netz zu nehmen.

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