Die Besetzung der Brent Spar: Beginn einer der spektakulärsten Greenpeace-Kampagnen

„Das war Schwerstarbeit“

Komfort gab es vor 20 Jahren auf der besetzten Brent Spar nicht, die Räumung war brutal. Christian Bussau war mit auf der Plattform; im Interview erzählt er von der Aktion.

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Als Greenpeace damals Leute suchte, die nicht seekrank werden und Erfahrungen mit Schiffen haben, meldetet sich Christian Bussau sofort. Denn bevor der Biologe 1994 bei Greenpeace anfing, hatte er auf Forschungsschiffen gearbeitet. Doch der Alltag auf der Brent Spar hielt auch für Bussau Überraschungen bereit: Haare waschen bei null Grad und mit Messern bewaffnete Shell-Mitarbeiter

Greenpeace: Du warst einer der 15 Aktivisten, die die Brent Spar besetzt haben. Erinnerst du dich an deine Ankunft auf der riesigen Plattform in der Nordsee?

Christian Bussau: Was ich dort gesehen habe, hatte ich nicht erwartet: Plattform steht neben Plattform. Wir sind nachts angekommen, alles war hell erleuchtet – durch die Lichter auf den Plattformen, aber auch durch die Gas-Abfackelungsflammen. Die sind so groß, dass sie die Wolken von unten orange-rötlich anstrahlen. Das Ganze sieht aus, als ob man in ein Industriegebiet kommt.

Mit einem kleinen Schlauchboot sind wir zur Brent Spar gefahren. Diese ragte wie ein Hochhaus aus dem Wasser, 30 bis 40 Meter hoch. Dann wurde ich mit einer Seilwinde auf die Plattform gezogen - das war für mich ganz gut, denn ich bin ein schlechter Kletterer. Als ich dort oben stand, war der Schock dann irgendwie schon da und ich dachte: Was mach` ich denn hier?

Ihr wart knapp drei Wochen auf der Brent Spar. Es war stürmisches Wetter, der Komfort hielt sich in Grenzen. Wie sah euer Alltag aus?

Komfort gab es überhaupt nicht. Die Plattform wirkte ganz eigenartig, als ob sie fluchtartig von den Shell-Mitarbeitern verlassen wurde. Auf den Tischen lagen alte Pullover, alte Zeitschriften. Es war so unordentlich, dass man dachte: So hinterlässt ein großer Konzern eine Plattform? 

Wir hatten keinen Strom, kein fließendes Wasser, Duschen gab es auch nicht. Wir hatten einen Raum beheizt, sonst war es bitterkalt. Die Temperaturen Anfang Mai lagen knapp über dem Gefrierpunkt. Weil es so kalt war, haben wir uns nicht waschen können. Das führte dazu, dass wir tagein, tagaus die schweren Überlebensanzüge anhatten. Irgendwann fängt man richtig an zu stinken und fühlt sich irgendwie unwohl.

Hattet ihr trotzdem Spaß?

Sehr lustig war, als ich versucht habe, mir doch die Haare zu waschen: auf dem Helikopterdeck mit Seewasser. Denn wir mussten ja Wasser sparen – wir hatten nur ganz wenig Trinkwasser. Wir hatten uns extra Salzwassershampoo gekauft – ich habe ewig gebraucht, um dieses absolut unwirksame Shampoo aus meinen Haaren wieder rauszukriegen. Noch Tage später war alles verklebt. Das war für meine Kollegen der Beweis: Wir müssen das einfach ohne waschen hinbekommen.

Wie war die Stimmung bei euch?

Wenn man so eine extreme Aktion zusammen macht, verbindet das. Die Stimmung war angespannt, aber es hat auch großen Spaß gemacht. Es ging um den Schutz der Meere; wir fühlten, dass wir das Recht auf unserer Seite haben: Ein Konzern darf nicht mal eben so seinen Industrieschrott im Meer entsorgen.

Wir spürten auch die Unterstützung aus der Bevölkerung – das hat uns stark gemacht.

Wie reagierte Shell auf eure Besetzung?

Zu Anfang hielt sich Shell noch zurück. Aber je länger wir da waren, desto näher rückte Shell an uns ran. Ständig waren Schiffe in der Nähe, wir wurden beobachtet. Wir wussten natürlich: Die werden uns irgendwann räumen. Das wollten wir Shell so schwer wie möglich machen. Wir verbarrikadierten das Helikopterdeck und versuchten auch, die Brent Spar – also die Gangway – von außen so zu verbarrikadieren, dass dort keiner Leitern oder etwas anderes anlegen konnte. Das war Schwerstarbeit.

Dann wurdet ihr von Shell-Mitarbeitern geräumt. Die Bilder davon gingen durch die Medien, die Öffentlichkeit war über das brutale Vorgehen von Shell empört – zumal Greenpeace-Aktivisten immer gewaltfrei protestieren. Wie hast du die Räumung erlebt?

Am Abend vor der Räumung meinte unser Kapitän: Morgen früh wird es höchstwahrscheinlich losgehen. Seit einem Tag lag eine große schwimmende Plattform von Shell direkt neben der Brent Spar. Darauf war ein riesiger Kran, an dem ein Metallkorb hing.

An diesem Abend bekam jeder seine Aufgabe. Meine war es, bei der Räumung eine Wendeltreppe zu blockieren. Ich bekam eine Kette und ein Schloss; dann haben wir gewartet – ich bin sogar ins Bett gegangen.

Am nächsten Morgen wurden wir früh geweckt. Als klar war, dass es losgeht, bin ich zu meiner Wendeltreppe gegangen, habe mich dort festgekettet. Und dann setzte der Kran Polizisten und Shell-Sicherheitsleute auf der Brent Spar ab.

Ich werde nie vergessen, wie brutal und emotional aufgeladen die Shell-Mitarbeiter vorgingen: Sie schrien rum, schubsten uns, einige hatten – man kann es kaum glauben – Messer in der Hand.

Mich ließen sie zum Glück in Ruhe. Das lag auch daran, dass die Polizisten einschritten und die Shell-Mitarbeiter beruhigten. Einige fragten, wo der Schlüssel für das Schloss sei. Ich sagte: Ich verstehe kein Englisch. Dann schrien sie mich an: Wir wissen ganz genau, dass du Englisch sprichst.

Nach drei, vier Stunden hat ein Shell-Mitarbeiter mit einer Zange die Kette durchgekniffen.

Wie hast du dich nach der Räumung gefühlt?

Obwohl wir geräumt wurden und  an dem Punkt eine Niederlage erlitten hatten, war mir klar: Die Kampagne geht weiter – jetzt fängt sie erst richtig an.

Christian Bussau sollte Recht behalten: Die Bilder von der brutalen Räumung erreichten über Zeitungen und Fernsehen die Menschen. Die Empörung war groß, kaum jemand tankte noch bei Shell. Am 20. Juni gab Shell bekannt, die Brent Spar nicht auf dem Meeresboden zu verschrotten. Drei Jahre später folgte ein generelles Versenkungsverbot für Ölplattformen im Nordatlantik.

An die Aktionen an Shell-Tankstellen erinnert sich Kirsten Hagemann im Interview.

Publikationen

Greenpeace Nachrichten 2/15

Vor 20 Jahren lieferten sich Greenpeace und Shell eine dramatische Seeschlacht: David gegen Goliath, eine Handvoll Umweltschützer gegen einen Ölgiganten. Es ging um die Ölplattform Brent Spar.
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