Biologe Jörg Feddern über die Auswirkungen des Rohöl-Preisverfalls

Billiges Öl – teuer fürs Klima

Der Preis für Rohöl fällt. Im Juli 2014 kostete ein Barrel 115 Dollar, heute 48. Jörg Feddern, Greenpeace-Experte für Öl, erklärt die Entwicklung – und ihre Bedeutung für die Umwelt.

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Der Ölpreis ist so niedrig wie seit sechs Jahren nicht mehr, Benzin und Heizöl sind billig. Prima für den Verbraucher, oder?

Jörg Feddern: Auf den ersten Blick auf jeden Fall. Jetzt fährt jeder Autofahrer mit einem breiten Grinsen auf die Tankstelle. Das hat aber den nachteiligen Effekt, dass die Leute wieder bereit sind, mehr Auto zu fahren. Und sie sind sogar bereit, Autos mit höherem Spritverbrauch zu kaufen. Die bieten die Hersteller nun auch verstärkt wieder an – statt weiter auf benzinsparende Fahrzeuge zu setzen.

Aber der Ölpreis kann ja auch schnell wieder steigen.

Der Ölpreis wird steigen – um das zu wissen, muss ich kein Hellseher sein. Doch es geht hier um kurzfristige Profitinteressen der Konzerne. Und diese sind gut darin, Bedürfnisse beim Verbraucher zu wecken. Schon deshalb sollten wir unser Verhalten ändern und unser Handeln nicht vom Ölpreis abhängig machen. So haben wir auch eine Chance, dem Klimawandel entgegenzuwirken.

Der niedrige Ölpreis hängt damit zusammen, dass mehr Öl auf dem Markt ist als verbraucht wird. Woran liegt das?

Die Weltwirtschaft schwächelt. Das hat zur Folge, dass weniger Öl verbraucht wird. Sobald die Konjunktur wieder anspringt, wird sich das aber ändern.

Der Preisverfall hat aber auch noch eine andere Ursache. Normalerweise regelt die OPEC - also die Organisation erdölexportierender Länder wie Saudi Arabien - die Ölmenge, um den Preis stabil zu haben. Der Hahn wird zugedreht, wenn zu viel Erdöl auf dem Markt ist. Derzeit greift die Organisation jedoch nicht ein; die Produktion läuft in den OPEC-Ländern auf vollen Touren.

Die derzeit am häufigsten diskutierte Erklärung dafür betrifft die USA. Das Land fördert durch Fracking immer mehr Öl aus unkonventionellen Lagerstätten und kann  sich dadurch inzwischen fast selbst versorgen. Deshalb bricht ein riesiger Markt für die OPEC-Staaten weg. Die bieten nun billiges Öl an, um das teurere Fracking-Öl unattraktiv zu machen. Fracking rechnet sich – abhängig vom Aufwand, der betrieben werden muss – bei einem Ölpreis um die 70 Dollar pro Barrel – aber nicht bei knapp 50 und darunter. So versucht die OPEC, das Fracking-Öl vom Markt zu drängen. Ein großer australisch-britischer Konzern hat bereits angekündigt, seine Anlagen in den USA zu schließen.

Was ist Fracking-Öl?

Das geförderte Öl unterscheidet sich nicht von anderem Öl – es wird aber anders gewonnen. Bei der konventionellen Ölförderung wird die Lagerstätte angebohrt und das Öl sprudelt mehr oder weniger von selbst. Beim Fracking ist es so, dass das Öl im Gestein „gefangen“ ist. Um es herauszulösen, müssen unter hohem Druck große Mengen Wasser, versetzt mit Sand und Chemikalien, in die Lagerstätte gepresst werden. Die eingesetzten Chemikalien sind zum Teil giftig und können in die Umwelt und ins Grundwasser gelangen. Dennoch wurden in den USA die Umweltauflagen gelockert, um die Fracking-Kosten zu senken. Das Verseuchungsrisiko steigt damit deutlich an.

Wir lehnen Fracking aber nicht nur wegen der Gefahren für die Umwelt ab: Die Erschließung der Lagerstätten sorgt dafür, dass wir immer mehr gefördertes Öl verbrennen. Damit heizen wir das Klima weiter an und laufen Gefahr, den Kampf gegen den Klimawandel zu verlieren. 

Das klingt irrational: Jetzt wird ganz viel konventionelles Öl auf den Markt gepumpt, um Fracking klein zu bekommen. Wenn das geschafft ist, steigt der Ölpreis wieder. Ein hoher Ölpreis sorgt wiederum dafür, dass Fracking attraktiv wird. Wir drehen uns im Kreis…

Genau, so ist es - langfristig. Denn kurz- und mittelfristig kann es schon sein, dass Fracking durch die Preispolitik einen Rückschlag erhält. Aber irgendwann geht es wieder von vorne los. Deshalb brauchen wir unbedingt Gesetze oder Abkommen, die diesen Teufelskreis durchbrechen und den Weg freimachen für die Erneuerbaren Energien. So  muss es Verbote für die Ölförderung in sensiblen Gebieten wie der Arktis und der Tiefsee geben. Hier können Unfälle katastrophale Folgen haben.

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Ja, denn die Ölindustrie fördert nur dort, wo es sich für sie rechnet. Tiefseebohrungen zum Beispiel sind extrem teuer – genau wie Bohrungen in der Arktis. Bei dem derzeitigen Ölpreis lohnt sich die Investition nicht. Im Arktischen Ozean fördert nur der russische Konzern Gazprom– bei den derzeitigen Ölpreisen ist es für ihn vermutlich ein Verlustgeschäft.

Wenn aber der Ölpreis wieder steigt, wird sich das Blatt in wenigen Jahren wenden. Dann wird das sensible Ökosystem Arktis erschlossen – egal wie risikoreich die Bohrungen dort sind. Deshalb noch einmal: Wir brauchen dringend politische Entscheidungen, die diesen Markt regulieren – für die Umwelt und für den Klimaschutz.

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