Ein Artikel von Beate Steffens

Getrickste CO2-Rechnung der Bundesregierung

Die deutschen Umweltverbände protestieren am heutigen Mittwoch vor dem Bundeskanzleramt in Berlin mit der Aktion "Spritverbrauch nicht schönrechnen!". Anhand eines über zwei Meter hohen Abakus, einem Rechenschieber, der mit Autos statt Kugeln funktioniert, lösen der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), die Deutsche Umwelthilfe (DUH), Greenpeace, der Naturschutzbund Deutschland (NABU) und der ökologische Verkehrsclub VCD die faule Gleichung der Bundesregierung auf.

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In der kommenden Woche verhandelt der Umweltausschuss des Europa-Parlaments über eines der wichtigsten klima- und verkehrspolitischen Ziele der nächsten Jahre. Deshalb fordern die deutschen Umweltverbände die Bundesregierung auf, nicht wie bisher zu versuchen, den CO2-Grenzwert für neue Pkw von 95g CO2/km zu  verwässern. Das entspricht einem Verbrauch von 3,6 Liter Diesel oder vier Litern Benzin auf 100 Kilometer.

Das von der Bundesregierung vorgeschlagene Bonussystem für Elektroautos und Plug-In-Hybride, auch Supercredits genannt, soll dafür sorgen, dass die Autohersteller das 95-Gramm-Ziel nicht in 2020, sondern erst vier Jahre später einhalten müssen. Verkaufte Elektroautos und Plug-In-Hybride werden bis 2020 mehrfach gezählt - batterieelektrische Autos mit 0g CO2/km, Plug-In-Hybride mit max. 50g CO2/km.

Die Werte der virtuellen Fahrzeuge sollen angespart und von 2020 bis 2023, je nach Bedarf, auf die CO2-Bilanz angerechnet werden können. So ermöglicht das System der deutschen Autoindustrie, gleich mehrere große Spritschlucker gegen ein sparsames Fahrzeug mit Stromantrieb zu rechnen.

Bereits heute lässt sich mit sparsamen Fahrzeugen über alle Segmente hinweg eine Flotte zusammenstellen, deren CO2-Ausstoß unter dem Grenzwert von 95 g/km liegt. Statt diese Potenziale zu nutzen, zielen meisten Automobilhersteller immer noch auf die Fahrzeugkonzepte von gestern und kurbeln den Verkauf von großen, schweren Pkw an, mit denen leicht Geld zu verdienen ist.

Eine Analyse der Umweltverbände zeigt, dass ein Schönrechnen gar nicht notwendig wäre. Wolfgang Lohbeck, Verkehrsexperte von Greenpeace: "Beispielhaft ist VW. Der Konzern hat kürzlich öffentlich bekannt gegeben, dass er keine Supercredits benötigt, um das 95-Gramm-Ziel einzuhalten. VW vertraut auf die Fähigkeiten seiner Ingenieure, den Verbrauch von Benzinern und Dieseln weiter zu optimieren. Wenn Europas größter Autohersteller das kann, ist es unverständlich, warum die Politik mit ihrer Forderung dahinter zurückfällt."

Die Abkehr von Fehlentwicklungen fordert auch der Verkehrsexperte des BUND, Jens Hilgenberg: "Immer mehr geländewagenähnliche Autos, die so genannten SUV, zeigen ein völlig falsches Bild der mobilen Zukunft, die eher leicht und energiesparend sein muss. Angesichts der enormen Wachstumsraten dieses Fahrzeugsegments, sind  Supercredits ein elegantes Mittel, um die deutlich höheren Emissionen dieser Fahrzeuge auszugleichen und um sie weiter verkaufen zu können. Absurd ist, dass dies unter dem Deckmantel der Förderung der Elektromobilität geschieht."

Dietmar Oeliger, Verkehrsexperte beim  NABU, unterstreicht nochmals die Bedeutung der bevorstehenden Entscheidung: "Es geht in Brüssel um nicht mehr und nicht weniger als das wichtigste Klimagesetz im Verkehrsbereich der nächsten 15 Jahre. Die Politik muss der Autoindustrie schon in diesem Jahr klar den Weg der Spritverbräuche für das Jahr 2025 weisen. Ansonsten wird eine entscheidende Chance im europäischen Klimaschutz vertan."

Um für die Hersteller Planungssicherheit zu schaffen und weitere Innovationen zur Verbrauchsoptimierung zu fördern, sollte nach Ansicht der Umweltverbände der CO2-Ausstoß von Neuwagen bis 2025 um mindestens 25 Prozent unter dem Wert für 2020 liegen.