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Rückblick: Greenpeace-Messungen in Japan

Wie stark ist die Strahlung nach der Atomkatastrophe von Fukushima wirklich? Und welche Konsequenzen muss die japanische Regierung ziehen? Thomas Breuer, Leiter des Energie-Bereichs bei Greenpeace, war selbst mit einem internationalen Team vor Ort. Zwei Tage nach seiner Rückkehr in Deutschland zieht er ein Resümee.

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Wir haben uns mit einem Team von Strahlenexperten etwa 20 bis 70 Kilometer rund um den Reaktor bewegt, um selbst Messungen vorzunehmen und die offiziellen Zahlen zu überprüfen, erklärt Breuer.

Außerhalb der Evakuierungszone finden sie bedingt durch die Wetterverhältnisse unterschiedlich hohe Strahlenwerte: An 261 Punkten hat das Team die Oberflächenkontamination gemessen. Etwa 85 Prozent der jetzt gemessenen Strahlung stammen laut einer Untersuchung des Kyoto University Research Reactor Instituts von Cäsium-134 und -137, langlebigen Elementen. In Fukushima-Stadt, 60 Kilometer vom Reaktor entfernt, lag die Radioaktivität an einigen Stellen - unter anderem einem Spielplatz - bei bis zu vier Mikrosievert/Stunde. Das bedeutet, ein erwachsener Mensch erreicht unter diesen Umständen seine international zugelassene Jahreshöchstdosis innerhalb von zehn Tagen. Im Dorf Iitate fand Greenpeace zuvor Höchstwerte von 19 Mikrosievert/Stunde - zwei Tage dort genügen zur vollen Jahresdosis. Der japanischen Regierung sind diese Zahlen bekannt und sie hat trotzdem nicht die erforderlichen Konsequenzen gezogen. Wozu sind internationale Standards da? Die Regierung muss in der ganzen Region den Notstand ausrufen, konsequent flächendeckend messen und gegebenenfalls evakuieren. Besonders Schwangere und Kinder sind gefährdet, betont Breuer.

Bisher spricht die Regierung lediglich über eine Vergrößerung der Evakuierungszone von 20 Kilometern um das AKW Fukushima. Sie empfiehlt, den Umkreis bis 30 Kilometer freiwillig zu verlassen. So einfach ist es nicht, sagt Breuer. Er hat in einem Flüchtlingslager, etwa 100 Kilometer vom Reaktor Fukushima mit einem jungen Vater gesprochen, der mit seinen beiden Kindern freiwillig aus der Region geflüchtet ist und deshalb keine staatliche Unterstützung bekommt. Sein Arbeitgeber drängt ihn bereits zur Rückkehr; für viele tritt bereits wieder Arbeitsalltag ein.

Thomas Breuer nimmt den Eindruck einer katastrophalen Informationspolitik mit nach Hause: Das Leben scheint ganz normal weiterzugehen. Menschen, mit denen ich gesprochen habe, wissen nicht, wie sie sich konkret schützen können. In Fukushima ist ihm eine Szene besonders in Erinnerung geblieben: Einem kleinen Mädchen fällt das Spielzeug aus der Hand, Mutter und Tochter heben es vom Straßenrand auf und gehen weiter. Die Gefahr ist hoch, damit Kontamination ins Zuhause, ins Kinderzimmer zu tragen, erklärt Breuer. Es ist gar nicht einfach, sich dort zu bewegen und sich nicht zu kontaminieren - selbst wenn man das grundlegende Wissen hat.

Das Vertrauen in die Zusicherungen der Regierung sei groß. Dennoch treten immer wieder Menschen mit dem Greenpeace-Team in Kontakt. Der Bürgermeister des Dorfes Minamisoma selbst bittet um Hilfe: Er möchte wissen, wie hoch die radioaktive Belastung ist und sein Dorf am liebsten sofort evakuieren.

Mit den Messgeräten und den weißen Schutzanzügen sind die Strahlenschutz-Experten gut zu erkennen. Gerade Bauern sind um ihr Wintergemüse besorgt. Für sie geht es um die Existenz. Zwar rollt die Unterstützung für die Farmer nach vier Wochen schleppend an, die meisten werden aber jahrzehntelang nicht auf ihr Land zurückkehren können. Im Gespräch mit Breuer berichtet eine Ökobäuerin, sie habe nie über Atomkraft nachgedacht - jetzt habe sie das Gefühl, sie müsse sich bei ihren Kindern entschuldigen, weil das Land für die nächsten Generationen nicht mehr nutzbar ist. Sie könnte recht behalten: Die untersuchten Boden- und Gemüseproben überschreiten die gesetzlich erlaubten Grenzwerte massiv. Zwischen 20 und 30 Prozent der Radioaktivität stammt von Cäsium-137.

Hat sich der gefährliche Einsatz gelohnt? Breuer nickt: Die japanische Regierung kann aufgrund des internationalen Medieninteresses nicht an den Greenpeace-Ergebnissen vorbei. Wir informieren die lokale und nationale Regierung über unsere Resultate und machen Vorschläge. Die Hilfsmaßnahmen umzusetzen, ist jetzt in der Verantwortung der Regierung. Die Menschen brauchen klare Anweisungen, wie sie sich in kontaminierten Gebieten verhalten können, um sich zu schützen.

Ein neues Einsatzteam hat die Gruppe um Breuer mittlerweile abgelöst, um die Messungen vor Ort fortzuführen.

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