Ein Artikel von Anja Franzenburg

Natürlich kommen da sofort schreckliche Erinnerungen hoch ...

Alle Mitglieder der Band Revolverheld haben als Kinder die Atomkatastrophe in Tschernobyl mitbekommen. Neben Bela B, Eva Mattes, Harry Rowohlt und vielen anderen fordern sie in einem offenen Brief Bundeskanzlerin Merkel auf, nicht erst in elf Jahren, sondern bis 2015 aus der gefährlichen Atomkraft auszusteigen. Was die Band über Fukushima, die aktuelle Debatte zum Atomausstieg und Klimaschutz denkt, erfahren Sie in diesem Interview.

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Online-Redaktion: Ihr seid viel unterwegs, euer Wohnsitz befindet sich aber in Deutschland. Wie nehmt ihr die aktuelle Debatte um den deutschen Atomausstieg wahr?

Revolverheld: Wir sind zwar viel unterwegs, aber wir informieren uns natürlich trotzdem über verschiedene Medien wie zum Beispiel das Internet, was momentan diskutiert wird. Auch wenn der aktuelle Anlass für die Diskussion - das Reaktorunglück von Fukushima - ein trauriger ist, freuen wir uns trotzdem, dass dadurch ein parteiübergreifender Konsens zu einem Atomausstieg erreicht werden kann und verfolgen die Debatte sehr genau.

Online-Redaktion: 17 Atomkraftwerke an verschiedenen deutschen Standorten - eine atomare Katastrophe wie in Fukushima hätte auch bei uns verheerende Folgen. Was haben die Ereignisse in Japan bei Euch ausgelöst?

Revolverheld: Wir sind alle über 30 und haben die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl als Kinder mitbekommen. Natürlich kommen da sofort schreckliche Erinnerungen hoch und man fragt sich, wie 25 Jahre nach so einem verheerenden Unglück wieder so etwas geschehen kann. Wir waren auf jeden Fall schockiert und hoffen, dass nicht nur in Deutschland die notwendigen Konsequenzen gezogen werden.

Online-Redaktion: So schnell wie möglich wollte die deutsche Regierung nach Fukushima aus der Atomkraft aussteigen. Ist der geplante Ausstieg 2022 für euch akzeptabel?

Revolverheld: Es scheint ja Studien zu geben, wonach ein früherer Ausstieg möglich wäre. Sollte das Datum 2017 wirklich realistisch möglich sein, würden wir uns natürlich freuen, wenn man das umsetzen würde. Wahrscheinlich kann man aber froh sein, dass die schwarz-gelbe Koalition, welche vor einem halben Jahr erst die Laufzeiten der Atomkraftwerke verlängert hat, nun eine 180-Grad-Wendung vollzogen hat und überhaupt einen früheren Ausstieg unterstützt.

Online-Redaktion: Die Brücke zu einer sicheren, umweltfreundlichen Zukunft mit Erneuerbaren Energien sind nicht neue Kohlekraftwerke, sondern clevere Ersatztechnologien und eine grundlegende Energieeffizienz. Wie tragt Ihr konkret zum Klimaschutz bei?

Revolverheld: Wir beziehen privat schon seit Jahren unseren Strom von Ökostromanbietern und haben unsere Wohnungen natürlich mit Energiesparlampen ausgestattet. Darüber hinaus versuchen wir auch, auf Tour Energie zu sparen, indem wir beispielsweise lieber mit kompletter Crew im Tourbus unterwegs sind, anstatt einzeln per PKW, Flugzeug oder ähnlichem anzureisen. Zusätzlich haben wir unsere Cateringanforderungen komplett umgestellt, so dass wir neben Bioprodukten auch den Wunsch geäußert haben, vor allem regionale Produkte serviert zu bekommen. Dies verschwendet nicht durch überflüssigen Transport Energie und ist somit nachhaltiger.

Online-Redaktion: Ihr engagiert Euch vielfältig im Umweltschutz, unter anderem stark für Biokost und Fairen Handel, aber auch in der aktuellen Anti-Atom-Bewegung. Was ist eure Botschaft an Frau Merkel und die Mitglieder des Bundestags?

Revolverheld: Wir finden es sehr schade, dass erst eine erneute Atomkatastrophe zum Umdenken in der Energiepolitik geführt hat. Wir hoffen, dass der geplante Atomausstieg tatsächlich ernst gemeint ist und nicht noch Hintertürchen eingebaut werden, um in ein paar Jahren, wenn Gras über die aktuelle Diskussion gewachsen ist, doch noch die Entscheidung zu kippen.

Der Offene Brief - heute in der FAZ und im Tagesspiegel veröffentlicht

Seit gestern veröffentlicht Greenpeace in verschiedenen Zeitungen einen Offenen Brief an die Bundeskanzlerin. Auch bekannte Persönlichkeiten wie Harry Rowohlt, Roger Willemsen oder Sarah Wiener unterstützen den öffentlichen Appell: Für einen schnellstmöglichen Atomausstieg 2015!

Entscheidende Woche

Die Zeit drängt, denn am Donnerstag, dem 30. Juni, soll der Bundestag ein ganzes Paket neuer Gesetze zur Energiepolitik beschließen. Darin enthalten: Der Atomausstieg im Schneckentempo bis 2022 und damit verbunden der Bau neuer klimaschädlicher Kohlekraftwerke. Die Grünen haben auf einem Sonderparteitag beschlossen, der Atomgesetznovelle der schwarz-gelben Regierung trotz alledem zuzustimmen. In der Woche der Entscheidung soll der Offene Brief von Greenpeace Bundestagsabgeordnete und Regierungsmitglieder aufrütteln.

Greenpeace hat in seinem Energiekonzept Der Plan gezeigt, dass der Ausstieg bis 2015 versorgungssicher möglich ist. Auch die von der Regierung eigens eingesetzte Ethikkommission und das Umweltbundesamt halten einen früheren Ausstieg aus der Atomkraft für machbar. Und nicht zuletzt haben bereits über 260.000 Menschen in den vergangenen Wochen unseren Appell an Bundeskanzlerin Merkel unterzeichnet mit der Forderung: Raus aus der Atomkraft - bis 2015!

Publikationen

01.05.2011
24 Seiten
DIN A4
PDF
2,06 MB
Der Plan ist das Greenpeace-Senario für einen kompletten Umstieg auf erneuerbare Energien. Deutschland ist erneuerbar, weil ein Ruck durchs Land geht, weil wir AKW abschalten, bereits 17 Prozent Erneuerbare Energien haben und damit international an der Spitze stehen, weil wir in 40 Jahren zu 100 Prozent unseren Strom aus Erneuerbaren Energien beziehen.

Aktuelle Publikationen zum Thema

Die Atomkraft ist eine gefährliche Risikotechnologie. In Deutschland sollen zwar bis 2022 alle Atommeiler abgeschaltet werden. Doch die Probleme sind auch danach nicht gelöst: Die Reaktoren müssen abgebaut, der strahlende Müll muss sicher gelagert werden. Und andere Länder machen wider besseren Wissens weiter.
Institutionen wie IAEO und WHO spielen die massiven gesundheitlichen Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl herunter. Greenpeace beauftragte Wissenschaftler, vorhandene Studien zu sichten und ihre Ergebnisse zusammenzustellen. Das Ergebnis erschien 2006.

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