
Wie schätzen Sie die Lage in Fukushima ein? Ist sie noch immer ähnlich dramatisch wie direkt nach dem Tsunami?
Die Lage ist anders dramatisch. Nach dem Tsunami war erst nicht bekannt, was los ist. Jetzt wissen wir, dass es offenbar in drei der Reaktoren eine teilweise Kernschmelze gegeben hat. Wir wissen auch, dass es bereits erhebliche radioaktive Freisetzung gab. Und wir wissen, dass immer noch Schlimmeres nachkommen kann. Selbst wenn jetzt ein Gott eine Käseglocke über Fukushima stülpte, die nichts mehr heraus lässt, ist dieser Unfall schon jetzt von den radioaktiven Belastungen von Tschernobyl vergleichbar.
Sind die Meldungen über Plutonium im Boden für Sie eine neue Dimension der Katastrophe?
Plutonium im Boden ist für mich ein Indikator, dass es zumindest in einem Reaktorkern sehr hohe Temperaturen gegeben haben muss. Plutonium ist ein sehr wenig flüchtiges Metall. Das ist an sich gut. Denn anders als Jod oder Cäsium wird es bei Temperaturanstieg nicht sofort aus dem Brennstoff freigesetzt. Wenn Plutonium rauskommt, muss es Temperaturen von rund 2000 Grad Celsius gegeben haben - also auch eine teilweise Kernschmelze.
Plutonium ist hochgiftig. Was bedeuten die gemessenen Werte?
Die Zahlen, die ich kenne, sind glücklicherweise niedrig. Die liegen bei einigen wenigen Becquerel pro Kilogramm oder noch tiefer. Wenn diese Messwerte stimmen, hat die radiologische Gefährdung bei diesen Funden nicht die große Bedeutung. Im Vergleich zu Cäsium oder Jod ist es das geringere Problem.
Warum gilt Plutonium dann als so gefährlich?
Plutonium ist ein intensiver Alpha-Strahler. Es ist dann sehr gefährlich, wenn es in den Körper gelangt - vor allem, wenn es eingeatmet wird. Außerhalb des Körpers lässt es sich gut abschirmen. Aber im Körper bestrahlt es einen kleinen Bereich sehr intensiv. Die Gefahr, Krebs und andere Krankheiten hervorzurufen, ist sehr groß. Schon winzige Mengen Plutonium, die eingeatmet werden, können Lungenkrebs hervorrufen.
Kann man das Plutonium aus dem Boden einatmen?
Nein, es dünstet nicht aus. Allenfalls könnte es bei trockenem Boden mit dem Staub aufgewirbelt werden. Die Frage ist aber, was danach damit passiert. Wenn es zu weiteren Freisetzungen kommt und Plutonium auf Flächen gelangt, die landwirtschaftlich genutzt sind, wird es von den Pflanzen aufgenommen. Und dann ist es in der Nahrungskette - und im Körper.
Wo kommt das Plutonium im Boden genau her?
Es hängt definitiv mit dem Unfall in Fukushima zusammen, das zeigen die Isotope. Es könnte in luftgetragener Form freigesetzt worden sein. Wir wissen, dass die Sicherheitshülle (Containment) im Reaktor 2 höchstwahrscheinlich ein Leck hat. Es könnte aber auch ausgewaschen worden sein und über das Kühlwasser kommen. Ich glaube, das weiß im Moment niemand so genau.
Haben Sie den Eindruck, dass die Betreibergesellschaft und die japanische Regierung mit Wissen über Fukushima hinter dem Berg halten? Oder ist die Lage so unwägbar?
Beides könnte stimmen. Wenn ich die Infos aus Japan höre, habe ich spontan das Gefühl, dass sie mehr wissen müssten. Und dass sie offener sein sollten. Doch wenn ich mir andererseits die schwierigen Bedingungen in Fukushima anschaue, halte ich auch Unwissen für möglich. Niemand kann mit Röntgenaugen in die Reaktoren schauen. Schon die Messungen sind sehr schwierig. Es kann sein, dass die Betreiber da selbst im Dunkeln tappen - was ja auch nicht sehr beruhigend ist.
Interview: Ulrike von Leszczynski