
Ich war mit meiner Familie auf einer Radtour durch Bayern, als sie damals den Atomunfall bei uns bekannt gaben. Meine Mutter sah besorgt aus. Abends hörte ich, wie sie sich aufregte, weil die Bevölkerung so wenig informiert wurde. Wir wären doch nicht mehr mit dem Rad durch die Gegend gefahren, wenn wir das gewusst hätten
, rief sie. Und am 1. Mai, einem wunderbar sonnigen Tag, meinte sie, wir sollten alle drinnen bleiben.
Seitdem braucht mir keiner mehr zu erzählen, Atomkraft sei beherrschbar. Mich interessiert nicht, wie wenig wahrscheinlich es ist, dass ein Reaktor hochgeht. Wie viele Sicherheitssysteme sie eingebaut haben. Es ist passiert. Es kann wieder passieren. Niemand kann das ausschließen.
Die Atomkraft braucht Menschen, die niemals auch nur den kleinsten Fehler machen, sonst fliegt sie uns um die Ohren. Auch wenn es uns Menschen nicht passt: Wir sind nicht unfehlbar. Eine Kraft, die Städte von der Landkarte ausradieren kann, ist zu groß für uns. Zu glauben, dass wir sie beherrschen können, ist größenwahnsinnig. Das wurde mir damals schlagartig klar.

Und nun, nach 20 Jahren, stehe ich vor diesem Reaktor, der so viel für mich verändert hat. Die Strahlung ist sehr hoch, 200 Meter Luftlinie vom zerstörten Reaktor entfernt. Die Arbeiter auf dem Gelände scheint das wenig zu stören. Sie arbeiten ohne Schutzkleidung.
Schon mit bloßem Auge lassen sich die Löcher in der Fassade und die Spalten in den Metallplatten erkennen. Da bläst der Wind rein. Wirbelt den radioaktiven Staub auf, der im Reaktor liegt. Die nächste Böe trägt ihn hinaus.
Der Sarkophag war nie eine perfekte Schutzhülle. Konnte und sollte er auch gar nicht sein. Hunderttausende so genannter Liquidatoren haben 1986 ihre Gesundheit ruiniert und die ihrer Kinder oft gleich mit, als sie hastig, im Vorbeilaufen diese Schutzhülle errichteten. Einfach auf die Trümmer des Infernos drauf. Zum Schweißen, zum Verkleben, zum Vernageln war keine Zeit. Jede Minute Strahlung war eine zu viel. Tausende Menschen sind daran gestorben.
Die Löcher in der Hülle, die Konstruktion von innen, Männer die dort arbeiten - all das kann man auf einem kleinen Film sehen, den sie im Besucherzentrum zeigen. Michael, der Kameramann, ist selber da, falls Bedarf an einem Interview mit ihm besteht. Dann erzählt er, wie es drinnen aussieht, inmitten der Schuttberge. Er erzählt, wie weit man hineinkommt, wo es nicht mehr weitergeht und wo heute noch Brennstäbe, Metall und Beton zu einer tödlich strahlenden Masse verschmolzen sind. Da kann kein Mensch hin
, sagt er. Zu gefährlich.
Wir haben uns viel angesehen, in diesen drei Tagen in Tschernobyl. Den Reaktor und die Geisterstadt daneben, Pripjat, der sozialistische Traum der AKW-Arbeiter. Auch den Friedhof für die Hubschrauber, die damals im Rettungseinsatz waren, haben wir aufgesucht. Ihre blauen Rümpfe liegen heute noch in der Gegend herum und strahlen. Wie auch LKWs und Busse, die dort zum Einsatz kamen. Sie werden bewacht, aber die Motoren sind längst aus den Fahrzeugen verschwunden.

Wir haben auch die Heimkehrer getroffen, diese alten Menschen, die wieder in der gesperrten Zone leben. Immer zu den runden Jahrestagen von Tschernobyl erlangen sie eine skurrile Berühmtheit. Dann fallen im Stundentakt Busladungen von Journalisten in ihre ärmlichen kleinen Holzhütten ein. Wieder und immer wieder erzählen die Alten, dass sie gerne hier leben, dass ihnen die Strahlung egal ist, dass es ihnen gut geht. Für den einen Fotografen holen sie ihre Kuh aus dem Stall, für den anderen braten sie sich ein Spiegelei. Sie machen das gerne. Wenn schon mal junge Leute in der Gegend sind. Endlich ist mal etwas los. Ruhig und beschaulich haben sie es dann fünf Jahre wieder.
Es ist komisch, wie schnell man sich an die Radioaktivität gewöhnt. Vorher, in Deutschland, da hatte ich schon Angst vor Pilzen aus Russland. Und am ersten Tag in der Sperrzone, da, wo die Heimkehrer leben, habe ich versucht, den ganzen Tag nichts anzufassen. Am liebsten hätte ich drei Tage lang die Luft angehalten, um nur ja nichts einzuatmen.

Aber letztendlich haben wir doch Krautsalat mit Schnitzel gegessen, Moosbeerensaft und Tee getrunken. Wir haben sogar in der Stadt Tschernobyl geschlafen. Sie liegt acht Kilometer vom gleichnamigen Kraftwerk entfernt. In ihr leben ein paar tausend Menschen. Zum Beispiel die Arbeiter, die wochenweise in den Kraftwerken eingesetzt werden.
Vor allem nachts ist es gespenstisch in Tschernobyl. Es brennt ganz wenig Licht, die meisten Häuser stehen leer. Der Wind bläst durch die breiten, leeren Straßen. Es gibt zwei Bars in der kleinen Stadt. Kahle, weiße Räume, in denen man Wodka trinken kann. Plastikstühle, Neonröhre, ein Spielautomat. Ich war schon an einigen Plätzen, die wie das Ende der Welt aussahen. Aber so trostlos wie in diesen Bars in Tschernobyl war es nirgends.
Am nachdenklichsten gemacht hat mich in diesen drei Tagen die Begegnung mit einer kleinen Katze. Sie war grau und lebte in einer Fabrik, in der verstrahltes Metall gesäubert und recycelt wird. Sie kam zu mir und wollte gestreichelt werden. Aber ich hatte Angst, dass sie voller strahlender Staubkörnchen ist. Ich habe sie weggeschubst. Das hat ein Arbeiter gesehen. Einer von denen, die sich hier täglich ihre Gesundheit ruinieren, weil sie das Geld brauchen. Ich habe die Verachtung in seinen Augen gesehen. Seine Verachtung für uns Menschen aus dem Westen, die so große Angst vor der Radioaktivität haben, und die doch das Glück und das Geld haben, woanders zu leben, wo die Welt unverstrahlt und gesund ist.
Ich weiß, es ist abgedroschen zu sagen, dass man Radioaktivität nicht hören kann. Nicht riechen, nicht schmecken, nicht fühlen. Dass nichts brennt oder juckt, wenn man sich verstrahlt. Aber das zu erleben - einer Strahlenquelle gegenüberzustehen und kein Gefühl für die Gefahr zu entwickeln, weil unser Körper das nicht hinbekommt: Warnhormone auszuschütten, wenn die Sinne nicht gereizt werden - das ist ein ganz unbehagliches Gefühl.
Ist diese Katze nun gefährlich oder nicht? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur eins: Ich will mich das nicht fragen müssen. Ich will keine Atomkraft. Ich will nie wieder ein nächstes Tschernobyl.
(Autorin: Ortrun Albers)