
Am 25. April 1986 sollte in Block 4 des ukrainischen Atomkraftwerks Tschernobyl ein Experiment stattfinden. Man wollte überprüfen, ob die Turbinen bei einem kompletten Stromausfall im Kraftwerk noch genügend Strom liefern könnten, um die Notkühlung des Reaktors bis zum Anlaufen der Notstromdieselgeneratoren zu gewährleisten.
Für den Test wurde die Leistung heruntergefahren. Noch während des Herunterfahrens kam vom Lastverteiler Kiew die Anordnung, das Experiment zu verschieben, da der Strom benötigt würde. So wurde der Reaktor etwa neun Stunden lang im Teillastbereich gefahren.
Der Reaktortyp in Tschernobyl durfte unter 20 Prozent der Leistung nicht betrieben werden. Wie kritisch die Situation im unteren Leistungsbereich aber tatsächlich sein würde, ging aus der damals existierenden Dokumentation nicht hervor und war der Bedienungsmannschaft nicht bekannt.
Bei der Fortsetzung des Experiments um 23:50 Uhr wurde schließlich der vorgesehene Leistungsbereich unterschritten. Um die Nennleistung wieder anzuheben, entfernten die Operatoren Bremsstäbe, mit denen die atomare Kettenreaktion kontrolliert werden konnte. Dabei unterschritten sie die zulässige Minimalgrenze von 28 Stäben.
Damit war der Reaktor noch schwerer zu beherrschen und in einem gefährlichen Zustand. Dennoch befahl der stellvertretende Chefingenieur des Kraftwerks, Anatolij Djatlow, mit dem Experiment zu beginnen. Die Operatoren mussten die Kühlwasserpumpen hinzuschalten, um die Trägheit der auslaufenden Turbine optimal zu nutzen, so dass der mit wenig Leistung arbeitende Reaktor das ihn umfließende Wasser nicht mehr verdampfen konnte.
Das Wasser begann zu kochen und erste hydraulische Schläge waren zu hören. Akimow, der Schichtleiter, und sein Mitarbeiter Toptunow wollten den Test abbrechen, doch Djatlow trieb sie weiter an. Dabei sprach er die inzwischen historischen Worte: Noch ein, zwei Minuten und alles ist vorbei! Etwas beweglicher, meine Herren!
Es war 1:22:30 Uhr.
Als die Bedienungsmannschaft den Dampfzufluss zur Turbine unterbrach, erhitzte sich das Kühlwasser erneut. Der Reaktortyp von Tschernobyl (RBMK 1000) hat aber die Eigenschaft, dass sich bei Dampfblasen die Reaktivität erhöht ( Positive void coefficent), und war daher nun in einem äußerst kritischen Zustand.
26. April 1986, kurz nach 1 Uhr: Das Personal schaltet das automatische Sicherheitssystem aus. Die Leistung des Reaktors wird auf ein kritisches Niveau gesenkt.
1:22:30 Uhr: Die Zahl der Steuerstäbe im Reaktor, mit denen sich eine Kettenreaktion unterbinden lässt, beträgt nur noch sechs bis acht. Eine Notabschaltung müsste erfolgen.
1:23:04 Uhr: Die Kettenreaktion im Reaktor gerät außer Kontrolle.
1:23:40 Uhr: Das Personal versucht eine manuelle Notabschaltung. Zu spät, die Führungskanäle für die Steuerstäbe sind aufgrund der enormen Hitze bereits verformt.
1:23:58 Uhr: Der Reaktor explodiert.
28. April 1986, 9:00:00 Uhr: Im Atomkraftwerk Forsmark in Schweden wird aufgrund der hohen Radioaktivität auf dem Gelände automatisch Alarm ausgelöst. Die Katastrophe ist nicht länger geheim!
Der britische Rapper Example hat das Video seines Songs What we made in der Region um Tschernobyl gedreht. Mit Blick auf leere Hütten und Gasmasken für Babys meint er: Niemand, der das gesehen hat, kann noch für Atomkraft sein.