
Oktober 1957: Der innerste Kern des britischen Plutoniumreaktors Windscale steht in Flammen, zehn Tonnen Uran und 2.000 Tonnen Graphit. Eine radioaktive Wolke steigt aus dem Schornstein auf. In ihrer Not greift die Mannschaft zu einem Mittel, das russischem Roulette gleichkommt – und hat Glück. Das Feuer ist gelöscht. Die Menschen in Großbritannien ahnen nicht, welcher Katastrophe sie entgangen sind. Mehr als 30 Jahre lang vertuschen britische Regierungen das wahre Ausmaß. 1981 wird der Name des Standortes in Sellafield umbenannt.

September 1957: Im russischen Atomkomplex Majak versagt die Kühlung radioaktiven Abfalls, der Müll explodiert. Eine radioaktive Wolke steigt auf und verstrahlt großflächig das Gebiet um die Anlage. Tausende Menschen sterben an den Folgen. Städte und Dörfer werden umgesiedelt. Majak gilt als einer der am schlimmsten verstrahlten Orte der Welt. Heute ist dort jeder zweite Erwachsene unfruchtbar, jedes dritte Neugeborene kommt mit Missbildungen auf die Welt. Erst als die Sowjetunion zusammenbricht, erfährt die Welt von dem Unfall, der jahrzehntelang geheim gehalten wurde.

März 1979: Im neuen Block 2 des AKW Three Mile Island bei Harrisburg/USA führen technische Fehler und menschliches Versagen zu einer Wasserstoffexplosion. Um den Druck zu senken, lassen die Reaktorfahrer radioaktive Gase, Dampf und Wasserstoff in die Umwelt ab. Radioaktiv verseuchtes Wasser fließt in den Susquehanna-Fluss. Die AKW-Leitung behauptet, alles unter Kontrolle zu haben, erst 36 Stunden später werden kleinere Kinder und Schwangere aus der 5-Meilen-Zone evakuiert. Weitere 200.000 Menschen ergreifen die Flucht. Die gesundheitlichen Folgen der Teil-Kernschmelze werden kaum untersucht.

April 1986, der erste Super-GAU: Reaktor 4 des AKW Tschernobyl bei Pripjat/Ukraine brennt nach einer Explosion zehn Tage lang. Eine mächtige radioaktive Wolke verseucht die Region und zieht in Schüben über Europa. Pripjat wird erst 36 Stunden nach dem Unfall evakuiert, die Bevölkerung über die Gefahr im Dunkeln gelassen. Drei Tage nach der Explosion wird der Unfall weltweit publik. Die deutsche Bundesregierung wiegelt ab: Keine Gefahr. Messwerte werden zurückgehalten. Erst am 2. Mai setzen die Behörden Grenzwerte für Milch von weidenden Kühen fest. Noch heute sind Wild, Beeren und Pilze in Teilen Süddeutschlands radioaktiv belastet.

Dezember 2001: Im Siedewasserreaktor Brunsbüttel zerfetzt eine Wasserstoffexplosion eine Rohrleitung in unmittelbarer Nähe des Reaktorkerns. Nur ein einziges Rückschlagventil trennt die Schadensstelle vom hochradioaktiven Innenraum des Reaktordruckbehälters. Der Schaden bleibt jedoch zwei Monate unentdeckt, weil der Betreiber es ablehnt, den Reaktor für eine Inspektion herunter zu fahren. Stattdessen wird die Anlage mit unverminderter Leistung weiterbetrieben. Erst sechs Jahre später erhält Greenpeace nach einer Klage gegen den Kraftwerksbetreiber Vattenfall Akteneinsicht.

März 2011: Fukushima. Eine doppelte Naturkatastrophe zerstört die Küste Nordostjapans. Störungsmeldungen aus mehreren Atomanlagen lassen den Atem stocken. Betroffen ist vor allem das AKW Fukushima Daiichi. Tagelang ist das Ausmaß nicht klar. Atomphysiker wie der Greenpeace-Experte Heinz Smital gehen schon früh vom Super-GAU aus. Sie behalten recht. Doch der AKW-Betreiber, die japanische Regierung und die Internationale Atomenergieorganisation IAO spielen die Tragödie herunter und gefährden damit Leben und Gesundheit der Bevölkerung. Heute wissen wir: In Fukushima wurde das Zehnfache dessen an radioaktivem Jod-131 freigesetzt, was zur Einstufung in die höchste Stufe 7 der INES-Skala führt.
Am Ende der Geschichte steht die Frage: Gibt es noch mehr? Was alles haben wir nicht erfahren?