Irrgäste vor der Nordseeküste

Pottwal-Strandungen

Bei ihren Wanderungen aus den tiefen Meeresgebieten vor Norwegen hinunter in die südlichen Paarungsgebiete bei den Azoren verirren sich Pottwalbullen manchmal bis in die flache südliche Nordsee. Wenn die Tiere dann vor Dänemark, Deutschland oder den Niederlanden in Ufernähe geraten, sind sie in Gefahr zu stranden. Es scheint schwierig, aber nicht unmöglich, dass Pottwale wieder aus der Nordsee in den Atlantik zurück schwimmen.
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Wandern und Verirren

Beobachtungen der Pottwale bei den Azoren und vor Nord-Norwegen zeigen, dass die Pottwale der nördlichen Halbkugel zwischen diesen Gebieten hin und her wandern. Da sie in der Tiefsee jagen, sind für die Pottwale flachere Meeresgebiete wie die Nord- und Ostsee eine Gefahr. Sie finden dort nicht genug zu fressen und ihr Ortungssystem, das Sonar, warnt sie nicht vor flachen Stränden oder seichten Prielen.

In den letzten Jahrhunderten sind immer wieder Pottwale in der Nordsee gesichtet worden. In den letzten Jahren nahm die Zahl aber deutlich zu: Allein in den 90er Jahren wurden rund 100 Pottwale in der Nordsee geraten, sind sie in großer Gefahr: einmal gestrandet ist ihr Schicksal besiegelt - entweder sie erleiden durch ihr großes Eigengewicht innere Verletzungen oder sterben durch fehlende Kühlung an innerer Überhitzung. Der Todeskampf ist langwierig und grausam. Solange sich der Wal in einer ausreichenden Wassertiefe befindet, kann er möglicherweise noch gerettet werden, indem er vorsichtig durch gezielten Lärm, z.B. von Bootsmotoren, wieder hinaus auf das offene Meer und damit in tieferes Wasser geleitet werden kann.

Im Januar 1998 gelang es Greenpeace zusammen mit der Küstenwache, drei von sechs verirrten Pottwalen vor St.Peter Ording auf diese Weise vor dem Tod am Strand zu retten. Bei bereits gestrandeten toten Walen können Untersuchungen von Gewebeproben wichtige Aufschlüsse über deren gesundheitlichen Zustand geben. 

Sackgasse Nordsee

Bisher ist unbekannt, wie sich Wale auf ihren Wanderungen genau orientieren. Klar ist nur: wenn sie in die Nordsee gelangen, haben sie sich bereits nördlich von Großbritannien verschwommen. Anstatt nordwestlich an Schottland und Irland vorbei zu schwimmen, geraten sie auf einen östlichen Kurs. Über die Gründe dieses Fehlverhaltens gibt es zahlreiche Theorien:

  1. Umweltverschmutzung
    Pottwale sind hoch mit Umweltgiften belastet. Finden die Wale länger keine Nahrung, so werden die körpereigenen Fettreserven abgebaut und dabei große Mengen der Schadstoffe im Körper freigesetzt. Ob die hohen Giftgehalte z.B. von Cadmium, Quecksilber oder PCBs (polychlorierte Biphenyle) auch zur Beeinträchtigung der Orientierungsorgane beitragen, ist nicht sicher. Fest steht aber, tote Tiere müssen aufgrund des hohen Giftgehaltes als Sondermüll behandelt werden. Greenpeace fordert, den Eintrag solcher langlebigen, sich anreichernden Gifte sofort zu verbieten.

  2. Lärmbelastung
    Nordöstlich Großbritanniens herrscht unter Wasser großer Lärm durch die zahlreichen Öl- und Gasplattformen. Speziell seismische Bodenuntersuchungen sind so laut, dass sie auch die Hörorgane und damit den Orientierungssinn der Wale schädigen können. Es gibt Untersuchungen, dass Pottwale durch ungewohnte Geräusche verschreckt werden. Es ist möglich, dass Pottwale durch den Lärm ihren Kurs ändern und sich so in die Nordsee verirren. Greenpeace fordert für mit Lärm verbundenen Aktivitäten im Meer Umweltverträglichkeitsprüfungen, um eine Schädigung der Meerestiere auszuschließen.

  3. Andere Einflüsse
    Einer wissenschaftlichen Untersuchung nach sollen Pottwalstrandungen besonders häufig während zunehmender Sonnenaktivität alle elf Jahre auftreten. Dies wird begründet mit dem Einfluss der dann verstärkt auftretenden Sonnenflecken auf das Erdmagnetfeld (Erdmagnetfeldstörungen). 

Weitere Bedrohungen

Seit dem Jahr 2000 töten japanische Walfänger wieder Pottwale im Nordpazifik und verstoßen damit gegen ein weltweit geltendes Walfang-Moratorium. Pottwale sterben zunehmend in Fischereinetzen auch in sogenannten „Geisternetzen“, die herrenlos durch die Meere treiben. Auch Kollisionen mit Schiffen kommen vor.

Biologie der Pottwale

Pottwale (Physeter macrocephalus) sind die größten Zahnwale der Welt. Sie sind in allen Weltmeeren anzutreffen. Die Bullen werden bis zu 18 Meter lang, Weibchen erreichen nur 12 Meter Länge. Da die sanften Riesen mit der eckigen Stirn kaum natürliche Feinde haben, vermehren sie sich nur langsam. Die Weibchen bringen nur alle zwei bis drei Jahre ein Kalb zur Welt. Pottwale fressen bevorzugt Tintenfische, darunter auch Riesenkalmare, die sie bis in große Tiefen verfolgen. Daneben fand man in Pottwalmägen auch Haie, Rochen und andere tieflebende Fische. Pottwale können bis 3.000 Meter tief tauchen und über zwei Stunden unter Wasser bleiben. Im Normalfall gehen die Lungenatmer selten tiefer als 1.000 Meter und bleiben nicht länger als 30 bis 45 Minuten unter Wasser.

Durch den Walfang sind die Pottwal-Bestände in allen Meeren stark geschrumpft. Noch in den 60er Jahren lag die Abschussrate bei 25.000 Tieren jährlich. Von dieser Bejagung haben sich die Pottwale seit dem Ende der Jagd 1982 nicht wieder erholt. Von einem geschätzten Anfangsbestand von 1,1 Millionen Tieren ist weltweit ein Restbestand von ca. 360.000 Tieren übrig geblieben.

In Europa kommen Pottwale vor allem in zwei Regionen vor: bei den Azoren und der Insel Madeira halten sich überwiegend Weibchen mit Jungtieren auf. Bullen im Alter von 18 bis 21 Jahren verlassen das Gebiet Richtung Norden. Vor Nord-Norwegen trifft man ausschließlich auf männliche Pottwale, die hier die Sommermonate verbringen. Dort hat sich rund um das Wale-Beobachten, das sogenannte „Whale watching“, ein eigener Tourismus-Zweig gebildet, der ertragreicher ist, als die Waljagd der Jahrzehnte zuvor.

Chronik der Strandungen

  • Winter '94/95: 22 Pottwale vor NL, UK, Belgien und Baltrum
  • Winter '95/96: 25 Pottwale vor Rømø/DK, Schottland und Norderney
  • Winter '97/98: 20 Pottwale vor Rømø/DK, Bremerhaven, Cuxhaven und den Niederlanden
  • Jan. 1998: sechs Pottwale vor St Peter Ording/Schleswig-Holstein - von denen drei Tiere strandeten und weitere drei mit Unterstützung der Küstenwache gerettet werden konnten.
  • Juni 2000: ein Pottwal vor Rømø, Dänemark
  • Februar 2002: drei Pottwale vor Friedrichskoog/Schleswig-Holstein / Nordseeküste
  • November 2003: zwei Pottwale vor Norderney
  • November 2011: ein Pottwal vor Pellworm
  • Januar 2016: Wangerooge zwei / Helgoland zwei / Dithmarschen einer  / Bremerhaven ein / Texel (Niederlande) fünf / Südost-England fünf Pottwale
  • Februar 2016: Dithmarschen Kaiser-Wilhelm-Koog acht / Büsum zwei / Calais (Frankreich) einer / Ostküste England ein Pottwal 

Interaktive Reise in die Nordsee

V.i.S.d.P. Jörg Feddern
Stand: Februar 2016

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