Hof Raußmühle im Kraichgau

Die Insel des Rebellen

Auf seinem Hof Raußmühle lebt Frank Dähling (70) in einer wilden Anderswelt, einem Paradies der Artenvielfalt – als eine Art Robin Hood im Kampf gegen die industrialisierte Landwirtschaft. 

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Von Daniela Schwegler

„Treten Sie ein durch die Zeitschleuse!“, lädt Frank Dähling ein und öffnet das schwere, schmiedeeiserne Tor unterm steinernen Eintrittsbogen in sein jahrhundertealtes Mühlengehöft. Mit einer Handbewegung bittet er herein in sein Reich im Kraichgau. „Hier beginnt ein anderes Leben!“

Die fast 700 Jahre alte Raußmühle liegt versteckt in einem dichten Weiden-, Eschen und Pappel-Urwald. Von der Straße aus ist das Juwel kaum sichtbar. Doch kaum tritt man durchs Bogentor in den großen, U-förmigen Hof der Anlage mit ihren Stallungen, dem Mühlengebäude, dem Wohnhaus und der großen Scheune, wähnt man sich im Mittelalter. Kein Wunder, der Mühlenbetrieb wurde 1334 erstmals urkundlich erwähnt. Über den Lehm- und Pflasterboden watscheln schnatternde Gänse, Bienen summen um die Bastkörbe unterm Dach, Ziegen strecken neugierig ihre Köpfe durch die Holzluken im Stalltor, der Hund kommt freudig herbeigewedelt, und in der Baumkrone der Linde pfeifen Vögel ihr fröhliches Konzert. An die fünfzig Vogelarten haben sich in diesem Biotop angesiedelt und eingenistet: von der Eule und dem Turmfalken über den Pirol, das Rotkehlchen, die Nachtigall, den Specht, den Baumläufer und den Zaunkönig bis hin zu Zilpzalp und Zeisig.

Der Tausendsassa

Mittendrin wirkt und werkt der Hausherr, der hier zusammen mit seiner Lebenspartnerin sein Glück gefunden hat. In Jeans, grünem Hemd und schwarzer Lederweste sieht er aus wie eine Mischung aus Althippie, Che Guevara und Don Quichotte. Sein sanftes, kantiges Gesicht mit den hellblauen Augen ist umrahmt von langen, weißen Haaren und einem Zaubererbart. Engagiert erzählt er aus seinem aufrührerischen Leben mit Wurzeln in der 68er Bewegung und Studien in Philosophie, Ethnologie und Paläontologie in Mainz, an der Pariser Sorbonne und in Heidelberg. Schon als Student habe er gegärtnert und Radieschen nach dem Vorbild des maoistischen Plakats angepfanzt, auf dem Hunderte chinesischer Zwerglein ein großes Radieschen aus dem Erdboden zerrten: die Frucht der gemeinsamen Revolution von unten. Denn der Umsturz war auch sein politisches Programm.

„Siri!“, weist er die weiße Katze zurecht, als sie die Pfote durchs Gatter streckt und ein Hühnchen fangen will. Siri gehorcht und macht einen Rückzieher. So wie Dähling damals, als er merkte, dass die herbeigesehnte Revolution nun doch nicht stattfand. Er nahm Lenins Konterfei von der Wand und beschloss, ein Stück Land zu finden, um mit ein paar Tieren ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen. Nach Wanderjahren durch die Provence, die Abruzzen, die Pyrenäen und das Baskenland stieß er 1974 auf die Raußmühle im Kraichgau.

Die einsturzgefährdete Ruine war von einem Nato-Stacheldrahtzaun umgeben. Im Innenhof stapelten sich mehrstöckig Schrottautos und versperrten die Sicht aufs Dahinter. Doch es war Liebe auf den ersten Blick. Der Weltenbummler sah das verfallene Gemäuer vor seinem geistigen Auge schon in neuem Glanz erstrahlen. Er pachtete den Schrottplatz und kaufte ihn zwei Jahre später. Von da an steckte er sein ganzes Herzblut mitsamt aller Ersparnisse und sämtlicher Einkünfte in die sanfte Renovierung des Gutsbetriebs, den er mit Fleiß und zahlreichen Gesellengehilfen in eine ökologische Insel inmitten des Kapitalismus verwandelte. Inzwischen hat das Kleinod solch eine Ausstrahlung, dass es zum europäischen Kulturdenkmal geadelt wurde.

Die Menschheit ist wahnsinnig geworden

Über 600 Bäume hat der Gutsherr mit dem grünen Daumen bisher gepflanzt, darunter seltene Arten wie den Speierling oder die Elsbeere. In seinem Garten Eden wachsen Heilkräuter wie das Herzgespann oder der Beinwell sowie seltene Pflanzen wie das Herkuleskraut, die wollige Klette, das falsche Salomonsiegel, Wildrosen und mancherlei Lilien. Daneben wuchern der kommune Efeu und ein struppiger Brennnesselwald.

„Alles in der Natur hat seinen Sinn. Selbst ein ungenießbarer Holzapfel ist gut für den Boden“, verteidigt Dähling seine Schützlinge. Bei ihm darf alles wachsen und wuchern, ohne in Schach gehalten zu werden von Pestiziden, Fungiziden oder Insektiziden. Der profitorientierten, ausbeuterischen Agrarindustrie außerhalb seines Inselreichs kann er nichts abgewinnen. Selbst Räuber wie der Fuchs, der Dachs oder der Marder haben freien Zugang zu seinem Gehöft. „Ich bin bereit, im Interesse einer intakten Wildnis einen Teil meiner Tiere zu opfern“, schmunzelt er.

Dähling führt seine Besucher zur Mühle, wo sich am Elsenz-Bach ein wildes Biotop mit einer wunderbaren Auenlandschaft gebildet hat. Auf der Weide dahinter galoppieren vierzig Schafe freudig herbei, als sie den Lockruf hören: „Hooobelei, hooobelei!“ Gierig schnappen sie nach dem trockenen Biobrot, das ihnen der Meister über den Zaun zuwirft. „Sie sind eben Feinschmecker“, witzelt er, „nur das Beste ist ihnen gut genug.“

Das Brot entreißt er jeden Abend den Supermärkten in Eppingen – zusammen mit Kisten voller Obst und Gemüse, das er so vor der Mülltonne rettet. Als er auf die übersättigte Gesellschaft zu sprechen kommt, welche die Hälfte ihrer Nahrungsmittel einfach wegwirft, schießt dem Gutsherrn die Zornesröte ins Gesicht. Seine Stimme schwillt an, der Zeigefinger streckt sich steil in die Luft und er wettert los über die „wahnsinnig gewordene Menschheit“, welche die Böden verseuche, die Luft verpeste, die Wälder rode und die Meere mit Plastik zumülle. „Wenn die Wälder mal weg sind, fehlt den nachfolgenden Generationen nichts, weil sie gar nicht mehr wissen, was ein Wald ist“, frotzelt er ironisch. So weit habe sich der zivilisierte Mensch inzwischen von seinen natürlichen Wurzeln entfernt.

Nach uns die Sintflut

Ein besonderes Reizthema ist für ihn das hausgemachte Bienensterben, eine Folge der Honig-Maximierungsindustrie. Oder die Gentechnologie, die sich gebärde wie Goethes Zauberlehrling, der die Geister rief und sie nicht mehr loswurde. Oder die Atomenergie, die den künftigen Generationen mit dem unentsorgbaren hochradioaktiven Material eine furchtbare Bürde auflade – nach uns die Sintflut! „Diese Ignoranz!“, poltert Dähling, der sein Haus mit Brennholz aus dem eigenen Wald heizt: „Die Atomkraft wird sich als teuerste Energiequelle aller Zeiten herausstellen!“ Sein ernüchtertes Fazit: „Der Mensch ist nicht in der Lage, das Paradies zu erhalten, in das er hineingeboren wurde.“ Eines Tages werde der Homo sapiens Bedingungen geschaffen haben, unter denen menschliches Leben nicht mehr möglich sei. „Er hat sich die Erde unterworfen und ist ein aus der Balance geratener Raubsauger“, sagt Dähling nüchtern.

Nach diesem Ausbruch senkt er die Stimme, dreht sich um und geht zurück zur Mühle, um sich Erfreulicherem zuzuwenden, hin zur Stelle an der Elsenz, wo sich bis Mitte des letzten Jahrhunderts das Mühlrad drehte und Korn zu Mehl mahlte oder Hanf zu Öl. Dieses Mühlrad wieder in Schwung zu bringen, darauf arbeitet Dähling in seinem kleinen Paradies hin. Das wäre die Krönung seiner Gutsherrschaft und vielleicht sogar seines Lebens. Einen Förderverein, der sein Werk vielleicht dereinst übernehmen wird, hat er bereits gegründet. Der Boden ist bereitet. Die Natur ist die Basis des Menschen.

Bis sich das Mühlrad wieder dreht, führt der Hausherr weiterhin Besucher durch sein Reich. Er zeigt ihnen das Museum unterm großen Scheunendach, wo er Abertausende von Exponaten aufbewahrt, insbesondere mittelalterliche Gegenstände – etwa von Wagnern, Schuhmachern, Drechslern oder Hausmetzgern. Dähling fühlt sich der damaligen bäuerlichen Kultur leidenschaftlich verbunden: „Die Welt der Bauern, das ist unsere Basis, da kommen wir her.“

Nach einem fünfstündigen flammenden Plädoyer entlässt der Gutsherr seine Besucher durchs hintere Tor in die ausbeuterische, kapitalistische Welt, der er sich als Rebell auf seiner ökologischen Insel kraftvoll entgegenstemmt. Für ihn ist die Raußmühle das Ausrufezeichen hinter der Botschaft: „Gebt Acht auf die Natur. Sie ist eure Basis!“

Mehr Infos: www.raussmuehle.de und www.eppingen.org

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