Neuer Artenschutzbericht des Bundesamts für Naturschutz

Defizite beim Artenschutz

Deutschland beherbergt rund 48.000 Tier- und 9.500 Pflanzenarten. Rund ein Drittel der Arten auf der Roten Liste ist bedroht. Das zeigt ein neuer Bericht des Bundesamts für Naturschutz. 

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Im Vorfeld zum UN-Tag der biologischen Vielfalt hat das Bundesamt für Naturschutz die Zahlen auf den Tisch gelegt. In der Roten Liste Deutschlands wurden mehr als 32.000 heimische Tiere, Pflanzen und Pilze hinsichtlich ihrer Gefährdung untersucht. Rund 31 Prozent wurden als bestandsgefährdet eingestuft, vier Prozent sind bereits ausgestorben. Das Amt selbst spricht von einem „alarmierenden Zustand“. Drei Greenpeace-Experten kommentieren den Bericht und sagen, was sich ändern muss.  

  1.  Martin Hofstetter, Agrarexperte: Konventionelle Landwirtschaft verdrängt Arten
  2.  Thilo Maack, Meeresexperte: Meeresschutz nur auf dem Papier
  3.  Sandra Hieke, Waldexpertin: Wir brauchen wilde Wälder!

Martin Hofstetter, Agrarexperte: Konventionelle Landwirtschaft verdrängt Arten

„Der neue Report des Bundesamt für Naturschutz bestätigt: Immer weniger Arten finden sich auf Äckern und Fluren zurecht. Kein Wunder, denn der landwirtschaftliche Anbau wird immer öder und intensiver. Maiswüsten und Wintergetreideschläge prägen das Bild der Intensivlandwirtschaft. Lupinen, Erbsen, Ackerbohnen, Wicken, Kleegras, Hafer spielen eine immer geringere Rolle.

Begonnen hat alles mit dem Siegeszug der chemischen Industrie Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Der freigiebige Pestizideinsatz auf dem Acker sorgt dafür, dass neben (den Kulturpflanzen) Getreide, Mais, Zuckerrüben kaum etwas überlebt. Die Nahrungsgrundlage für viele Arten wird weggespritzt. Und im Stickstoffnebel der Güllefässer verschwinden besonders artenreiche Standorte wie Magerrasen. Ammoniak aus der Tierhaltung verbreitet sich über die Luft und überdüngt weitere Zufluchtsorte wie Wälder und Binnenseen. Die deutsche Politik muss dringend die Düngeausbringung streng reglementieren!

Wir brauchen mehr  bäuerliche vielfältige gemischte Betriebe. Nur dort, wo es eine abwechslungsreiche Nutzung gibt, mit Hecken, Grünstreifen und vielfältigen Anbaukulturen, können sich unsere heimischen Tier- und Pflanzenarten erholen.

Kein Wunder, dass auf Ökoflächen viel mehr los ist. Diesen Ökolandbau muss die Bundesregierung fördern. Die EU-Fördertöpfe im Agrarbereich sind prall gefüllt – davon profitieren sollte vorrangig die  umweltfreundliche Landwirtschaft. Der Bund verfügt zudem über riesige land- und forstwirtschaftliche Treuhandflächen und könnte diese ausschließlich an ökologische Betriebe verpachten.“

Thilo Maack, Meeresexperte: Meeresschutz nur auf dem Papier

„Das Bundesamt für Naturschutz  legt im neuen Artenschutz-Report den Finger völlig richtig in die Wunde: Zerstörerische Fischereimethoden und fehlende Rückzugsräume für bedrohte Arten. Offiziell gibt es seit 2007 Schutzgebiete in Nord- und Ostsee. Diese machen immerhin etwas mehr als ein Drittel der deutschen Meere aus. Doch im Schutzgebiet darf gefischt, Sand abgebaut und nach Öl und Gas gesucht werden. Das ist absurd! Fischerei ist ein Haupteingriff in das Ökosystem Meer und hat im Schutzgebiet nichts zu suchen. Deswegen hat Greenpeace zusammen mit weiteren Umweltschutzverbänden die Bundesregierung verklagt. Auch die EU-Kommission hat mittlerweile ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland eingeleitet. Grund: Versäumnisse bei der Umsetzung von Schutzgebieten.

Wir brauchen hierzulande ein Netzwerk von Meeresschutzgebieten, das seinen Namen verdient. Die Fläche muss mindestens 40 Prozent der Meere ausmachen. Fischerei darf nur dann erlaubt sein, wenn bedrohte Tierarten nicht betroffen sind und der Lebensraum Meer intakt bleibt. Sorgen machen mir vor allem die Steinriffe in der Nordsee und unsere einzige heimische Walart. Der Schweinswalbestand in der Ostsee ist nur noch wenige hundert Tiere groß. Wenn nicht sofort etwas passiert, wird der Ostseeschweinswal aussterben.“  

Sandra Hieke, Waldexpertin: Wir brauchen wilde Wälder!

„Durch die intensive Forstwirtschaft der letzten Jahrhunderte haben wir unsere Naturwälder in Kulturwälder umgewandelt und damit vielen Arten ihren natürlichen Lebensraum geraubt. Hauptsächlich Nadelforste prägen heute unsere Landschaft. Rund ein Drittel Deutschlands sind mit Wäldern bewachsen – von Natur aus wären dies größtenteils Buchenwälder. Vor allem alte und strukturreiche Wälder sind äußerst wichtig für die Artenvielfalt, darauf weist auch der neue Report des Bundesamt für Naturschutz hin. Leider sind sie selten geworden: Nur noch 3,2 Prozent unserer Wälder sind älter als 160 Jahre.

Hinzu kommt, dass lediglich 1,9 Prozent unserer Wälder rechtlich verbindlich vor der Säge geschützt sind! Wenn wir der Artenvielfalt im Wald eine Chance geben wollen, brauchen wir auch im Wald ein Netzwerk von Schutzgebieten, in denen sich wieder „wilde Wälder“ entwickeln können. Mindestens zehn Prozent der öffentlichen Wälder sollten rechtlich verbindlich einer natürlichen Waldentwicklung überlassen werden. Hierbei geht es auch um den Erhalt unscheinbarer Arten wie Pilze oder Flechten, die aber unabdingbar zum Ökosystem Wald gehören.

Die Wälder, die forstwirtschaftlich genutzt werden, sollten zudem naturnaher bewirtschaftetet werden. Das heißt zum Beispiel: mehr Biotopbäume und Totholz als Lebensraum für Flechten, Pilze und Käfer. Der Rohstoff Holz sollte vor allem für langlebige Holzprodukte verwendet werden – der Trend ist leider gegenläufig. So werden zum Beispiel über 50 Prozent des hierzulande verbrauchten Holzes verbrannt.  Diese Geringschätzung für den Rohstoff Holz geht nicht nur zu Lasten der Artenvielfalt. Über kurz oder lang können wir uns die Verschwendung des wertvollen Rohstoffes Holz nicht mehr leisten.“

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