Regen, der auf Schnee fällt

Den Rentieren in der Arktis droht Gefahr. Denn die Temperaturen dort steigen, wärmere Winter bringen Regen – und der Regen bringt den Hungertod.

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Mit dem heulenden Wind kommt die Kälte. Und der Schnee. Himmel, Horizont und Landschaft werden eins, alles ist weiß; der Schnee bedeckt Gräser, Moose und Flechten. Zwischen November und Februar verschwindet die Sonne für viele Wochen vom Himmel der Arktis - nachts tanzen dafür die funkelnden grünen  Polarlichter. Dunkelheit, Frost und Stürme kennen kein Erbarmen, und nur wenige Tierarten können die Winter in der Arktis überleben. Rentiere gehören dazu. Die Pflanzenfresser sind perfekt an die Kälte angepasst; ihnen reicht die karge Vegetation der Tundra, um satt zu werden. Doch der Klimawandel erschwert den Tieren zusehends die Suche nach den überlebenswichtigen Pflanzen. 

Dabei erscheint es zunächst wie ein Vorteil für Rentiere, dass die Winter in der Arktis wärmer werden. Doch Larissa Beumer, Greenpeace-Expertin für die Arktis, warnt: „Das Gegenteil könnte der Fall sein: Wetterkapriolen können den Rentieren und anderen Pflanzenfressern übel mitspielen.“ Denn schon jetzt kommt es in der Arktis zu einem extremen Wetterereignis, das durch den Klimawandel künftig immer häufiger auftreten wird: „Rain-on-Snow“ – Regen, der auf Schnee fällt.

Unerreichbare Futterpflanzen unterm Eis

Klettert die Lufttemperatur während der Wintermonate für kurze Zeit über den Gefrierpunkt, beginnt es manchmal zu regnen. Das Regenwasser sickert dann durch die Schneedecke, die zu dieser Jahreszeit normalerweise den Boden bedeckt. Auf der ganzjährig gefrorenen Erde angekommen, wird aus dem Wasser eine mehrere Zentimeter dicke Eisschicht, die die niedrigwüchsigen Pflanzen der Tundra überdeckt – die Nahrung der Rentiere.

Die sind mit ihren empfindlichen Nasen perfekt an die schwierige Futtersuche in der Arktis angepasst. „Wir gehen davon aus, dass sie mit ihrem ausgeprägten Geruchssinn sogar unter einer bis zu 60 Zentimeter dicken Schneeschicht Futterpflanzen riechen und finden können“, erklärt Beumer.

Haben die Tiere ihre Nahrung erschnüffelt, scharren sie mit ihren scharfen Hufen im Schnee, bis sie sie ausgegraben haben. Bedeckt jedoch ein Eispanzer die Pflanzen, sind die Rentiere machtlos. Sie können ihre Nahrung nicht erreichen. Schlimmstenfalls müssen sie verhungern.

Rentier-Nachwuchs in Gefahr

Das passiert vor allem dann, wenn das gefrorene Regenwasser größere Fläche bedeckt. „Doch selbst wenn die Tiere nur weniger Pflanzen als üblich finden, können die Folgen verheerend sein“, sagt Beumer. „Trächtige Rentier-Weibchen verlieren beispielsweise ihren Fötus, wenn sie während der Schwangerschaft in den Wintermonaten nicht genügend Nahrung finden.“

Aber nicht nur für die Rentiere der Arktis ist der Klimawandel eine Herausforderung. Er stellt auch die Menschen vor Probleme, für die die Tiere ihre Lebensgrundlage bilden: Die Sami etwa, Bewohner Nord-Skandinaviens, sowie die Ureinwohner im Norden Russlands sind auf die Rentierhaltung angewiesen.

Doch selbst in der Arktis geht der Winter irgendwann vorüber. Langsam verschwinden Kälte und Schnee, das Eis weicht dem kurzen üppigen Frühling. Der geht in einen ebenso rasch vergänglichen Sommer über. In dieser Zeit wachsen die Gräser, Kräuter blühen und die Rentiere finden wieder ausreichend Nahrung. Diese Zeit des Überflusses nutzen sie, um sich eine dicke Fettschicht anzufressen: als Reserve für den kommenden Winter. Normalerweise reicht es den Tieren dann, von diesem Polster zu zehren, Moose und Flechten zu fressen. So kommen sie durch die eisigen Polarnächte – wenn nicht wieder Regen auf Schnee fällt. 

Publikationen

Bildungsmaterial: Schutzgebiet Arktis

Das vorliegende Material nähert sich der Arktis und ihren Problemen aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Die Unterrichtseinheit gibt detaillierten Input, ist aber offen gehalten und animiert die Schülerinnen und Schüler dazu, tiefer in das Thema einzusteigen und selber eine fundierte Haltung zu entwickeln.

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