Eisbärforscher Thor S. Larsen im Interview

„Eine unendliche Liebesgeschichte“

Thor S. Larsen ist einer der Pioniere der Eisbärenforschung. Im Interview berichtet er über die Wurzeln seiner Arbeit – und attestiert den Tieren eine ungewisse Zukunft.

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Schneestürme, Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt, Leben in winzigen Hütten im ewigen Eis der Arktis: Wer hier seinen Arbeitsplatz hat, muss vor allem Leidenschaft mitbringen. So wie der Norweger Thor S. Larsen. Vor 54 Jahren besuchte er das erste Mal die Arktis – „eine unendliche Liebesgeschichte“, sagt er.

Larsen begann seine wissenschaftliche Karriere 1965 am Norwegischen Polarinstitut. Als Mitglied der Experten-Gruppe für Eisbären innerhalb der IUCN (International Union for Conservation of Nature) erarbeitete er das „Abkommen zur Erhaltung der Eisbären“ von 1973. Greenpeace sprach mit ihm über seine Arbeit.

Greenpeace: Wie war es, 1965 Eisbären zu erforschen?

Thor S. Larsen: Damals wussten wir nicht viel über Eisbären. Bei unseren ersten wissenschaftlichen Treffen ging es vor allem um die übermäßige Jagd auf die Tiere. Es gab jedoch keine glaubwürdigen Daten zur Populationsgröße der Eisbären. Angaben über die weltweite Zahl schwankten zwischen 5000 und 19.000. Aber all das waren nur grobe Schätzungen.

1967 begannen wir mit der Erforschung der Eisbären in Spitzbergen: Wir erfassten sie, kennzeichneten sie mit Ohrmarken, nahmen verschiedene Proben. Ein paar Mal versuchten wir, sie von Schiffen und Flugzeugen aus zu zählen. Wir baten sogar Pelzjäger, Informationen zu sammeln.

Denn damals sah Feldforschung etwas anders als heute aus. Noch vor 15 Jahren fuhren wir auf Skiern nach König-Karl-Land in der Barentssee, ohne irgendein motorisiertes Gefährt. Einmal blieb ich 16 Monate auf Edgeøya; für meine Feldforschung hatte ich nur Hundeschlitten. Auf all unseren Exkursionen lebten wir immer in winzigen einfachen Hütten. Wir waren ganz auf uns gestellt, umgeben von nichts als Wildnis.

Was ist Ihre schönste Erinnerung?

Schwer zu sagen…Vielleicht waren es die Skitouren, bei denen wir die Geburtshöhlen der Tiere aufsuchten. Wir haben die Weibchen dort beobachtet, wie sie mit ihren Jungen das erste Mal die Höhlen verließen, nach mehreren Monaten ohne Nahrung. Draußen fingen die Jungen dann an zu spielen und die neue Welt zu erkunden. Die Eisbärmutter schaute dich an, du sahst sie an. Diese Momente waren magisch. Man wird sehr bescheiden, wenn man für so viele Jahre in der Arktis lebt – und sehr respektvoll der Natur gegenüber.

Warum wollten Sie Eisbären studieren?

Wir wussten nichts über sie, deshalb war es eine wirkliche wissenschaftliche Herausforderung. Außerdem war ich fasziniert von der Arktis – und von den Eisbären: den wunderschönsten und aufregendsten Tieren der Welt. Ich war sehr glücklich darüber, dort forschen zu dürfen.

Wie kam es 1973 zu dem IUCN-Abkommen zum Schutz der Eisbären?

Die IUCN rief 1965 die „Eisbären-Experten-Gruppe“ ins Leben. Sie bestand aus je zwei Vertretern der fünf arktischen Staaten sowie einem kleinen Sekretariat. Nach der ersten Sitzung 1968 war klar, dass es einen Bedarf für ein internationales Abkommen zum Schutz der Eisbären gab. Wir als Teilnehmer der Experten-Gruppe waren Fachkräfte – und waren völlig unabhängig von Regierungen und Instituten, auch in sensiblen Angelegenheiten.

Als internationale Nichtregierungsorganisation war die IUCN nicht dazu ermächtigt, ein internationales Abkommen umzusetzen. Doch mit Hilfe unserer Forschungen konnten wir den Entwurf für das Abkommen zwischen den fünf arktischen Staaten vorbereiten. Das Töten von Eisbären wurde darin generell verboten, ungeachtet nationaler und internationaler Gesetze. Doch es gab Ausnahmen. Eine davon war die traditionelle Jagd indigener Gemeinschaften, die für ihren Lebensunterhalt darauf angewiesen waren.

Fünf arktische Staaten unterzeichneten 1973 das „Abkommen zur Erhaltung der Eisbären“, 1976 trat es in Kraft. Bis heute wird es als Paradebeispiel internationaler Kooperationen bezeichnet. Ich bin froh, zu diesem Prozess beigetragen zu haben. Und vor allem darüber, dass es rechtzeitig wirksam wurde – bevor die Eisbären-Population durch die Jagd auf ein kritisches Niveau sank.

Was ist die größte Gefahr für Eisbären heute?

Als wir 1973 das Abkommen unterzeichneten, dachten wir, die Eisbären wären für immer geschützt. Doch heute stehen sie vor ganz anderen Herausforderungen als dem Gejagtwerden.

Das Meereis geht zurück und wird dünner, so dass es für Eisbären immer schwieriger wird, Robben zu fangen. Im Notfall können die Tiere im Sommer bis zu 6 Monate ohne Nahrung auskommen, doch das wirkt sich stark auf ihre physische Kondition aus. Die Weibchen müssen im Sommer genug Fettreserven anbauen, damit sie ihren Nachwuchs im Winter aufziehen können. Finden sie nicht genug Nahrung, absorbieren sie möglicherweise den Fötus und bringen somit keine Nachkommen zur Welt. Auf diese Weise wirkt sich der Rückgang des Eises auch auf die Reproduktion der Eisbären aus.

Der Verlust des Meereises beeinflusst außerdem das Gebiet, in dem die Geburtshöhlen liegen. Häufig bringen die Eisbärweibchen ihre Jungen auf der russischen Wrangel-Insel  oder Hopen und König-Karl-Land im Spitzbergen-Archipel zur Welt. Wenn die Ausdehnung des Meereises nicht ausreicht, um diese Inseln zu erreichen, gehen die Weibchen auch nicht zum Gebären dorthin. Auf der Wrangel-Insel gab es in den 1970ern jährlich 300 bis 400 Höhlen. In den vergangenen Jahren waren es nur noch 30 bis 40. Den gleichen Trend beobachten wir auch auf Hopen und König-Karl-Land. Sollte es bei diesen Zahlen bleiben, zeugt dies von sehr niedrigen Nachwuchs-Raten. Und das ist ein sehr schlechtes Zeichen.

Ein weiteres großes Problem ist die Verschmutzung der Meere mit Giften wie langlebigen organischen Schadstoffen und Schwermetallen. Diese Stoffe reichern sich in der Nahrungskette an. Eisbären sind besonders anfällig, da sie an der Spitze dieser Kette stehen. Wissenschaftler vermuten, dass die Schadstoffe ebenfalls die Fortpflanzung beeinträchtigen. Beweise gibt es dafür bisher jedoch nicht.

Glauben Sie, dass Eisbären sich an den Klimawandel anpassen können?

Ich weiß es nicht. Es gibt viele Debatten darüber, wie alt die Spezies der Eisbären ist. Nach momentanem Forschungsstand sind es 600.000 Jahre. In diesen Jahrtausenden gab es viele klimatische Veränderungen, auch Phasen, in denen das Eis deutlich zurückging. Vielleicht können die Tiere ihre Lebensweise anpassen; das hängt von der Geschwindigkeit der Veränderungen ab, aber auch von Faktoren wie der Umweltverschmutzung, die zusätzlich zum Klimawandel die Eisbären-Populationen belastet.

Beides sind Probleme, die nur auf internationaler Ebene gelöst werden können. Wir müssen sicherstellen, dass sie angegangen werden. Aber auch die illegale Jagd muss eingedämmt, der Infrastruktur-Ausbau rund um die Geburtshöhlen verboten werden. Und wir müssen die Populationen dringend regelmäßig überwachen.

Wie viele Eisbären haben Sie in ihrem Leben gesehen?

Mehr als 2000 - dann habe ich mit dem Zählen aufgehört. Aber wenn ich heute einen Eisbären sehe, ist es noch immer so schön wie beim ersten Mal.

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