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Was macht eigentlich die Recherche-Abteilung bei Greenpeace?

Kein Job für Philip Marlowe

Recherchearbeit, und dann noch bei Greenpeace - das klingt natürlich spannend: nach dem Aufdecken von Giftmüllschiebereien und anderen großen Umweltskandalen. Da denken viele an den Detektiv Philip Marlowe, am besten verkörpert von Humphrey Bogart, der mit hochgeschlagenem Mantelkragen durch die finstere Nacht schleicht, immer den Missetätern auf der Spur. In der Tat kann die Recherche-Abteilung mitunter zum Aufdecken von Skandalen beitragen.

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Aber das Alltagsgeschäft ist eher unspektakulär: Es geht darum, Informationen gegenzuchecken, die Greenpeace zum Beispiel für Presseerklärungen verwenden will. Oder wir besorgen Fakten für die interne Planung der Themen und Kampagnen bei Greenpeace. Etwa zu der Frage, wie viele Ölförderplattformen tiefer als 200 Meter reichen und damit unter die von Greenpeace verwendete Definition von Tiefsee fallen. Häufig sind diese simpel anmutenden Probleme gar nicht so einfach zu lösen, weil verschiedene Quellen sehr unterschiedliche Angaben enthalten und zudem verschiedene Begriffsdefinitionen zugrunde liegen.

Die Recherche-Abteilung, die aus drei hauptamtlichen Mitarbeitern und mehreren freiberuflichen Rechercheuren besteht, erstellt zu den Themen von Greenpeace umfangreiche Hintergrundpapiere: Die Fragestellung, die untersucht werden soll, wird geklärt, denn damit eine Recherche sinnvoll betrieben werden kann, muss man erstmal festhalten, was genau untersucht werden soll. Alles über Ölförderung in der Tiefsee geht leider als Rechercheauftrag nicht, denn dann würden Recherchen nie fertig. Wir erstellen dann Dossiers, die aussehen wie akademische Abschlussarbeiten, also mit präzisen Quellenangaben zu allen Tatsachenbehauptungen. Das ist wichtig, damit immer nachvollzogen werden kann, auf welche Ursprungsquelle sich Greenpeace mit einer Behauptung beruft.

Recherche sichert die Glaubwürdigkeit von Greenpeace ...

Letztlich dient die Arbeit der Recherche-Abteilung dazu, die Glaubwürdigkeit von Greenpeace zu sichern. Denn das große Vertrauen, das Greenpeace in der Öffentlichkeit genießt, basiert auf der Unabhängigkeit und Unbestechlichkeit der Organisation, gepaart mit der Fachkompetenz derjenigen, die sich als Greenpeace-Experten öffentlich äußern. Zwar ist es völlig unvermeidlich, dass es immer wieder heftige Kontroversen über die Bewertung einzelner Fakten gibt - aber die Fakten selbst müssen natürlich stimmen. Dafür Sorge zu tragen, ist eine zentrale Aufgabe der Recherche-Abteilung.

Wir nutzen ähnliche Recherchewege wie im Journalismus, also Interviews mit Behördensprechern, Firmenvertretern, Wissenschaftlern oder Verbandsvertretern. Außerdem werten wir selbstverständlich die Fachpresse, wissenschaftliche Publikationen oder Datenbanken aus, in der Regel online. Die Internet-Recherche und die Nutzung spezieller, kostenpflichtiger Fachdatenbanken spielen daher für den Arbeitsalltag eine größere Rolle als irgendwelche Detektivarbeit, die sich manche unter Recherche vorstellen.

ist manchmal doch Detektivarbeit ...

Natürlich wollen wir bei Greenpeace an exklusive Informationen herankommen, denn wenn wir die haben, finden unsere Themen die stärkste öffentliche Beachtung. Manchmal gelingt uns dies über eigene Untersuchungen, wie bei den Pestizidtests, die Greenpeace regelmäßig macht, oder über die schon erwähnte "Detektivarbeit", die es natürlich auch gibt. Ein solcher Fall war zum Beispiel die Entdeckung, dass so genannte Piratenfischer, die wegen illegaler Fischerei auf einer schwarzen Liste der EU standen, regelmäßig im Hafen von Rostock überwintert haben. Ausgerüstet mit den Informationen der Recherche-Abteilung haben Ehrenamtliche von Greenpeace das Geschehen im Hafen von Rostock über einen längeren Zeitraum beobachtet und auf Fotos dokumentiert. Dann haben wir Anzeige gegen die Piratenfischer erstattet und die Schiffe an die Kette gelegt. Für solche Maßnahmen gegen Umweltsünder gilt: Die Aktion folgt erst auf die gründliche Recherche. Wir müssen uns der Sache sehr sicher sein, bevor wir öffentlich Alarm schlagen.

und bedeutet auch, vor Gericht zu ziehen

Häufig läuft Recherche bei Greenpeace auch so, dass wir besonders gründlich von unseren Auskunftsrechten gegenüber Behörden Gebrauch machen und dafür notfalls vor Gericht ziehen. So hat die Recherche-Abteilung im vorigen Jahr vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig ein Grundsatzurteil erstritten, dass die Empfänger von Agrarexportsubventionen veröffentlicht werden müssen. Wir hatten dies unter Berufung auf das Umweltinformationsgesetz beantragt und waren in letzter Gerichtsinstanz erfolgreich, obwohl die Behörde der Meinung war, die Daten als Geschäftsgeheimnisse unter Verschluss halten zu müssen. Zuvor hatten wir bereits aufgedeckt, dass zum Beispiel die Lufthansa Agrarexportsubventionen für das Catering an Bord der Flieger erhält, wenn das Essen für die Passagiere bei Auslandsflügen die Außengrenzen der EU verlässt. Wegen derartiger Mittelverschwendungen wollten wir genauer wissen, wer von den Zahlungen aus Brüssel profitiert. Solche Gerichtsentscheidungen für mehr Transparenz nützen letztlich allen Bürgern. Denn durch die Musterklagen schafft Greenpeace Präzedenzfälle, auf die sich auch andere Antragsteller berufen können.

Die Arbeit in der Recherche-Abteilung von Greenpeace hat somit viele Facetten: Sie umfasst das klassische wissenschaftlichen Arbeiten genauso wie die journalistische Herangehensweise, sie reicht von der Detektivarbeit bis zum juristischen Scharmützel mit auskunftsunwilligen Behörden. Aber Philipp Marlow würde sich bei uns vermutlich nicht wohlfühlen - dem wären wir viel zu pingelig.

Der Autor, Dr. Manfred Redelfs, leitet seit 1996 die Rechercheabteilung von Greenpeace. Er hat Politikwissenschaft und Journalistik in Hamburg, Washington, Berkeley und Oxford studiert und einige Jahre als Journalist für den NDR gearbeitet, bevor er zu Greenpeace gewechselt ist. In seiner Freizeit ist er auch als Dozent für Journalismus tätig, u.a. für die Henri-Nannen-Schule, die Akademie für Publizistik und die Universität Hamburg. Eine ausführliche Fassung dieses Artikels finden Sie in unserem Hintergrundpapier "Die Umweltermittler: Wie Greenpeace recherchiert".

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