AKW-Rückbau - die Altlast des nuklearen Wahns

Wenn 2022 in Deutschland das letzte Atomkraftwerk vom Netz geht, wird die Masse der atomaren Altlasten um 17 Reaktoren gewachsen sein. Der Rückbau der kontaminierten Anlagen dauert Jahrzehnte - mindestens 10 bis 15 Jahre pro AKW. Ein Endlager für den strahlenden Schrott gibt es nicht.
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Wie umgehen mit dieser Masse an Atommüll? Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) nennt drei Möglichkeiten: den schnellen Rückbau, den sicheren Einschluss, bis nach etlichen Jahrzehnten die Strahlung abgeklungen ist, und die Endlagerung. Bei letzterer wird die Anlage so sicher wie möglich eingeschlossen und als Endlager stehen gelassen.

Schrubben, fräsen, ätzen, spülen

Die deutschen Anlagenbetreiber bevorzugen bisher den schnellen Rückbau - was nicht heißt, dass es sofort nach dem Abschalten losgeht. Auch ein stillgelegtes AKW ist gefährlich. Der Betrieb lässt sich stoppen, der Zerfall der Radionuklide - einmal in Gang gesetzt - nicht. Bis die Brennelemente im Abklingbecken so weit heruntergekühlt sind, dass sie in Castorbehälter verpackt und in ein Zwischenlager gebracht werden können, vergehen rund fünf Jahre. Die Kühl- und Notkühlsysteme des AKW müssen also auch in der Nachbetriebsphase funktionieren. Fällt ein System aus, muss es ersetzt oder repariert werden.

Viele hundert Menschen - Kraftwerksmitarbeiter und Rückbau-Spezialisten wie Verfahrenstechniker, Bau- und Strahlenschutzingenieure - zerlegen dann nach und nach das AKW in seine Bestandteile. Jede Phase des Rückbaus muss sorgfältig geplant und von der Atomaufsicht genehmigt sein. Die Behörde kontrolliert auch die Arbeiten.

Hunderttausende Tonnen Baumasse, davon zigtausende Tonnen teils hoch kontaminiert, sind so zu behandeln, zurückzubauen und zu verwahren, dass sie Menschen und Umwelt nicht mehr gefährden können. Kontaminierte, also mit radioaktiven Teilchen behaftete Oberflächen werden gereinigt oder abgetragen - geschrubbt, geschliffen, gefräst, mit Säure oder basischen Mitteln behandelt.

Schwer verstrahlte Anlagenteile wie der Reaktordruckbehälter oder der Kernmantel, der durch den Neutronenbeschuss selber zur Strahlenquelle geworden ist, müssen per Fernbedienung von Robotern zerlegt werden, teils geschieht dies unter Wasser, denn Wasser kühlt nicht nur sondern schirmt auch die Strahlung ab. Im AKW Stade wog der stählerne Druckbehälter dem Konzern E.on zufolge 253 Tonnen, die in 273 Teile zerlegt und in 60 Behälter verpackt wurden.

Was dann noch kontaminiert ist oder strahlt, wartet in Interimslagerstätten auf den Abtransport. Das kann lange dauern. Für die schwach- und mittelradioaktiven Reste ist Schacht Konrad als Endlager vorgesehen. Das Atommülllager sollte eigentlich längst fertig sein. Die Inbetriebnahme wird nun für 2019 erwartet. Der hochradioaktive Schrott der zerlegten AKW wird teuer zwischengelagert, bis es irgendwann - vielleicht - ein sicheres Endlager gibt.

Stand 2011: 16 AKW im Rückbau

Arbeit für Rückbau-Spezialisten gibt es schon jetzt reichlich. Ab den 1950er Jahren wurde in Deutschland fieberhaft gebaut: Forschungsreaktoren, Brennelementefabriken und Plutoniumherstellung, Wiederaufarbeitungsanlagen, AKW-Prototypen und ihre großen kommerziellen Nachfolger. Schon in den Siebzigerjahren begannen die Rückbauten.

Um das Ausmaß zu erkennen, lohnt sich ein Blick auf die Website des BfS: Insgesamt gab es 37 Forschungsreaktoren, von denen 28 mittlerweile zurückgebaut sind. An fünf Anlagen wird noch gearbeitet, vier sind endgültig abgeschaltet, haben aber die Genehmigung zum Rückbau noch nicht erhalten. Die Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe wird seit 1993 - also seit 18 Jahren - zerlegt.

16 Kernkraftwerke - Prototypen und Leistungsreaktoren - werden derzeit zurückgebaut, darunter die AKW Obrigheim (seit 2008) und Stade (seit 2005), das Mega-AKW Greifswald/Lubmin (seit 1995) und das AKW Gundremmingen A, stillgelegt im Januar 1977, im Rückbau seit Mai 1983. Erst drei kleine AKW sind bereits vollständig zerlegt: Großwelzheim, Niederaichbach und das Versuchs-AKW Kahl.

Wer zahlt?

Für die immensen Kosten des Rückbaus - je nach AKW-Größe ab ca. 500 Millionen Euro aufwärts - kommen die vier großen Energiekonzerne auf. Sie müssen während des Betriebs ihrer AKW Rückstellungen bilden. Mit Stand Dezember 2010 sollen die Unternehmen knapp 29 Milliarden Euro zurückgelegt haben. Der Staat kann auf dieses Geld nicht zugreifen. Geht ein Unternehmen pleite, muss der Steuerzahler einspringen. Zudem sind die Rückstellungen steuerfreies Kapital, das für Investitionen in anderen Bereichen genutzt wird. Damit verschaffen die Rückstellungen den Konzernen klare Wettbewerbsvorteile gegenüber anderen Energieversorgern.

Für die alten Forschungsanlagen und die AKW der früheren DDR ist der Bund zuständig. Um sie wieder loszuwerden, haben die Steuerzahler bisher 5,2 Milliarden Euro gezahlt. Mindestens 5,4 Milliarden kommen bis 2035 noch hinzu. Es könnte wesentlich mehr werden. Das Forschungsministerium rechnet mit mindestens 3,7 Milliarden Euro allein für eine komplette Rückholung des Atommülls aus dem Atommülllager Asse. Bisher sind gut zwei Milliarden für die Sanierung des Salzstocks veranschlagt.

Die Erfahrungen zeigen, dass kaum ein Rückbau planmäßig verläuft. In der Regel dauern die Arbeiten länger als veranschlagt. Entsprechend steigen die Kosten. Ein Beispiel: Wenn das AKW Greifswald zerlegt ist, werden die Steuerzahler dafür nach bisherigen Schätzungen über vier Milliarden Euro berappt haben.

Das Ende vom Lied

Rund 25 Jahre lang haben Regierungen und Konzerne Atomanlagen gebaut auf Teufel komm raus. Privatwirtschaftliche Atomkraftwerke wurden mit hunderten Milliarden Euro aus Steuergeldern subventioniert. Die nukleare Hinterlassenschaft wieder loszuwerden, dauert ein Vielfaches an Jahren und verschlingt viele weitere Milliarden.

Übrig bleiben zigtausende Tonnen strahlender Schutt und Schrott. Selbst wenn irgendwann ein Endlager für hochradioaktiven Müll gefunden sein sollte - die Atomkraft-Euphorie der 1950er und 60er Jahre wird noch viele Generationen nach uns belasten.

Zum Anschauen und Weiterlesen:

Animierte Grafik zum Rückbau in Stade (Spiegel)
Wie man ein AKW zerlegt (AKW Rheinsberg, Bilderstrecke und Text, Süddeutsche Zeitung)

Für einige der AKW, die 2011 im Rahmen des Atomausstiegs stillgelegt wurden, liegen bereits Ankündigungen oder Anträge zum Rückbau vor:

Biblis A und B (Nov. 2014) 
Neckarwestheim 1 (Febr. 2015)
Philippsburg 1 (Juli 2014)
Isar 1 (Juli 2014)

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